Hessenwahl Grüne Freude, schwarz-roter Frust

Die Grünen in Hessen feiern einen Sieg, der noch spektakulärer ausfällt als in Bayern - auch wenn es für Schwarz-Grün wohl doch nicht reichen dürfte. CDU und SPD erleben einen bitteren Abend und suchen die Schuld bei der Bundespolitik.

Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD, v.l.), Tarek Al-Wazir (Grüne), Volker Bouffier (CDU)
DPA

Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD, v.l.), Tarek Al-Wazir (Grüne), Volker Bouffier (CDU)

Eine Analyse von und , Wiesbaden


Der Grünen-Parlamentarier bekommt das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Omid Nouripour, Bundestagsabgeordneter aus Frankfurt, steht am Abend im völlig überfüllten Fraktionssaal der Grünen im Wiesbadener Landtag. "Wichtig für uns war vor allem, vor den Bayern zu landen", sagt er und lacht.

Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint. Aber: Es hat geklappt. Die Grünen feiern ihr historisch bestes Ergebnis in Hessen. Und es dürfte noch besser ausfallen als jene 17,5 Prozent, die vor zwei Wochen die bayerischen Parteifreunde erzielten.

Nouripour schiebt noch nach, er sei den Bayern auch dankbar: "Wir haben von ihrem Rückenwind profitiert." Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir bemüht sich später, ein wenig auf die Euphoriebremse zu treten: Der Abend sei noch lang, es sei noch unklar, wofür das Ergebnis am Ende reiche.

SPIEGEL ONLINE

Doch eindeutig ist: Die Grünen sind neben der AfD der Gewinner der Wahl. Ohne sie wird keine Regierungsbildung möglich sein. Bis zur Mitte des Abends erschien es sogar denkbar, dass Schwarz-Grün weiter regieren könnte - ein Szenario, das zuletzt kaum eine Umfrage vorausgesehen hatte.

Das hieße aber auch: Die Grünen würden massiv gestärkt in diese Koalition gehen, es wäre kein Bündnis eines großen mit einem kleinen Partner, sondern eines von zwei mittelgroßen Parteien.

Und wenn es dafür nicht reicht? Die Hochrechnungen von ARD und ZDF besagten zuletzt, dass es doch nicht reichen würde für Schwarz-Grün. Dann könnte die FDP dazu kommen, eine Jamaikakoalition hätte eine deutliche Mehrheit. Aber auch eine Ampel oder ein Bündnis mit SPD und Linkspartei würden die Grünen nicht ausschließen - wenn es dafür rechnerisch reicht.

Landtagswahl Hessen 2018

Vorläufiges Endergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
27
-11,3
SPD
19,8
-10,9
Grüne
19,8
+8,7
Die Linke
6,3
+1,1
FDP
7,5
+2,5
AfD
13,1
+9
Sonstige
6,5
+0,9
Sitzverteilung
Insgesamt: 137
Mehrheit: 69 Sitze
9
29
29
11
40
19
Quelle: Landeswahlleiter

"Grün-Rot-Rot wäre die beste Variante", sagt Dirk Treber. Der 67-Jährige war einer der ersten Grünen, die 1982 in den Landtag eingezogen sind. "Das würde aber nur funktionieren, wenn Tarek Al-Wazir Ministerpräsident wird", sagt Treber.

Auch wenn sich im Laufe des Abends zeigt, dass es für ein Linksbündnis wohl nicht reichen dürfte, zeigen die Aussagen das enorm gewachsene Selbstbewusstsein der Grünen.

CDU und SPD erleben ein Debakel

Ganz anders ist die Stimmung beim schwarzen Koalitionspartner: Als um 18 Uhr die ersten Prognosen über die Bildschirme laufen, herrscht Entsetzen im CDU-Fraktionssaal im fünften Stock des Landtaggebäudes. Nicht einmal Schadenfreude für das Katastrophenergebnis der SPD ist an diesem Abend bei den Christdemokraten zu spüren. Stattdessen: Totenstille. Einige rollen mit den Augen, manche atmen schwer durch. Die Partei erlebt ein Debakel, verliert zweistellig - und landet wohl auf dem schlechtesten Wert seit 1966.

Fotostrecke

6  Bilder
Landtagswahl in Hessen 2018: Die Stimmung der Parteien in Bildern

Ein paar Minuten später aber bricht dann doch zaghafter Jubel aus. Es ist der Moment, als klar wird, dass es noch reichen könnte für eine Neuauflage für Schwarz-Grün - trotz des miserablen Ergebnisses. Das hieße: Volker Bouffier könnte Ministerpräsident bleiben. Für Bouffier wäre es womöglich gerade noch einmal gut gegangen.

Der Regierungschef gibt sich demütig, macht aber keinen Hehl daraus, wem er die Schuld an der Schlappe gibt: der Bundesregierung. Das Wahlergebnis sei eine Botschaft an die Große Koalition. Der Streit in Berlin müsse aufhören.

"Regelmäßig Sturmwinde im Gesicht"

In die gleiche Richtung zielt auch der geschlagene SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel. Er hat im dritten Versuch das schlechteste Ergebnis für die Landespartei seit 1946 geholt und muss am Sonntagabend sogar fürchten, hinter den Grünen nur auf Platz drei zu landen.

Schäfer-Gümbel spricht von einem "schmerzhaften, bitteren Abend". Schuld daran sei der Dauerstreit der GroKo, die Möglichkeiten gegen einen übermächtigen Bundestrend seien begrenzt, sagt Schäfer-Gümbel: "Wir hatten nicht nur keinen Rückenwind, sondern wir hatten regelmäßig Sturmwinde im Gesicht." Als Beispiel nennt er die Causa Maaßen.

Schäfer-Gümbel hat sich im Wahlkampf immer loyal gegenüber der Parteispitze um Andrea Nahles verhalten. Genutzt hat ihm das genauso wenig wie der konfrontative Kurs seiner bayerischen Genossin Natascha Kohnen vor zwei Wochen.

In der SPD dürfte in den kommenden Tagen jener Streit offen aufbrechen, der wegen der Hessenwahl nur aufgeschoben wurde: Wie geht es weiter mit der GroKo? Auch Schäfer-Gümbel, der stellvertretender Chef der Bundes-SPD ist, will sich in diese Debatte einmischen: "Die Arbeit fängt jetzt erst an", sagt er.

Wohin dies die SPD führt, ist nach der nächsten Wahlschlappe völlig offen.

insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
K.Hexemer 28.10.2018
1. was ist die Quintessenz
aus der Wahl in Hessen? Die Lager bleiben wie in BY unverändert! Grün frisst rot! Die AfD wird zu Linken der CDU! Nichts neues unter der Sonne! Die AfD wird etwas stärker als in BYweil die Freien Wähler nicht überzeugen (ca 3 % unter sonstige)
Ruth aus der Kurpfalz 28.10.2018
2. Der Trend ist ähnlich wie in Bayern.
Das rot-rot-grüne Lager verliert: SPD - 11,1 Grüne + 8,5 Linke + 1,2 Summe: - 1,4 Das bürgerliche Lager gewinnt: CDU - 11,1 FDP + 2,7 AfD + 8,9 Summe: + 0,5 (Hochrechnung ZDF, 21:00) Der Trend ist rechts. Grüne hin, Grüne her...
Ruth aus der Kurpfalz 28.10.2018
3. Der Trend ist ähnlich wie in Bayern.
Das rot-rot-grüne Lager verliert: SPD - 11,1 Grüne + 8,5 Linke + 1,2 Summe: - 1,4 Das bürgerliche Lager gewinnt: CDU - 11,1 FDP + 2,7 AfD + 8,9 Summe: + 0,5 (Hochrechnung ZDF, 21:00) Der Trend ist rechts. Grüne hin, Grüne her...
bakabandar 28.10.2018
4. Merkel?
Es ist kaum zu glauben, dass all diese Verluste nicht zu einem Aufstand in der CDU führen. Dieses Land braucht eine fundierte konservative CDU mit Kontur und Profil. All das ist unter Merkel vollständig verloren gegangen. Und die CDU schweigt. Und Merkel tut so, als schwebe sie über den Dingen und ginge sie nichts an. Ich finde diese Haltung der Kanzlerin fast schon arrogant und überheblich.
burgundy 28.10.2018
5.
So bitter kann der Abend gar nicht sein. Die Tendenz war schon lange bekannt, das Ergebnis stand so bereits vor zwei Wochen praktisch fest. Der Wähler hat nur die Vorhersagen bestätigt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.