Lehren aus der Landtagswahl Es grünt so grün

Schwarz-Grün, Jamaika, GroKo? Oder doch noch Rot-Rot-Grün? Vieles ist möglich, der hessische Wahlabend bleibt spannend. Nur der Sieger steht schon fest. Und der Verlierer auch.

Eine Analyse von


Die Anziehungskraft der Volksparteien hat erneut dramatisch nachgelassen. In Hochrechnungen verzeichnen CDU und SPD bei der Landtagswahl in Hessen Verluste von jeweils rund zehn Prozentpunkten. Die Grünen hingegen legen deutlich zu. Dies sind die ersten Lehren aus der Wahl:

CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier hat trotz der Verluste den Regierungsauftrag, Kanzlerin Angela Merkel wird die Folgen tragen müssen. Die Hessen-CDU erreicht das schlechteste Ergebnis seit mehr als 50 Jahren. Erste Analysen der Umfrageinstitute zeigen, dass die Kanzlerin selbst nach Ansicht der eigenen Anhängern keine Hilfe im Wahlkampf war. Das wird der Frage weiterhin Nahrung geben, ob Merkel Anfang Dezember auf dem CDU-Bundesparteitag in Hamburg noch einmal als CDU-Vorsitzende antritt. Die Marke Merkel hat sich verbraucht, das ist eine der Botschaften von Hessen.

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Die SPD steckt im Tal der Leiden fest. Das ist eine schlechte Nachricht für die Große Koalition. Besonders bitter: Der Absturz setzt sich fort in einem Land, in dem die SPD traditionell gut verankert war. Einst war die SPD die Hessen-Partei. Heute schier unvorstellbar. Die Niederlage in Hessen, das schlechteste Ergebnis seit 1946, wird die SPD weiter in Turbulenzen halten: Die Gegner einer Großen Koalition dürften mit ihrem Druck nicht nachgeben. Parteichefin Andrea Nahles und Co. werden neuerlich begründen müssen, warum die SPD an der Seite der Union im Bund besser platziert ist als in der Opposition. Kurzum: Die SPD kommt nach Hessen nicht zur Ruhe. Schlecht für die SPD, schlecht für die Große Koalition.

Die Gewinner der Wahlnacht sind einmal wieder die Grünen. Sie erleben derzeit einen Hype, profitieren von der Krise der SPD. Nach Bayern, wo sie vor zwei Wochen zweitstärkste Kraft wurden, haben die Grünen auch in Hessen ordentlich zugelegt. An den Grünen kommt zunächst keiner vorbei, der eine Koalition bilden will. Das ist eine komfortable Lage, könnte aber auch übermütig machen. Reicht es womöglich für die Fortsetzung von Schwarz-Grün, wäre das ein Novum: Die Konstellation hat es bislang noch nie in eine zweite Runde geschafft.

Video-Analyse: "Die grünen sind der entscheidende Faktor"

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Und die anderen? Die AfD ist, neben den Grünen, ein Wahlsieger dieses Abends. Die Partei hat gegenüber 2013 deutlich in Hessen zugelegt und geholt, was ihr in den Umfragen vorhergesagt wurde. Das Wahlziel von 15 plus X, was ihr Landessprecher Robert Lambrou noch ausgegeben hatte, verfehlte sie aber. Dennoch: Mit dem Ergebnis von knapp über 13 Prozent in Hessen (und einem Zugewinn der über dem der Grünen-Partei liegt) ist die Partei nunmehr in allen 16 Landtagen vertreten, neben dem Bundestag und einem Vertreter im Europaparlament. Tatsächlich aber bleibt auch der hessische Landesverband unruhig und zerstritten, wie andere Landesverbände in der AfD auch. Die AfD wird in der Opposition Platz nehmen - weil sie es selbst will und auch sonst niemand mit ihr eine Koalition eingehen wird.

Landtagswahl Hessen 2018

Vorläufiges Endergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
27
-11,3
SPD
19,8
-10,9
Grüne
19,8
+8,7
Die Linke
6,3
+1,1
FDP
7,5
+2,5
AfD
13,1
+9
Sonstige
6,5
+0,9
Sitzverteilung
Insgesamt: 137
Mehrheit: 69 Sitze
9
29
29
11
40
19
Quelle: Landeswahlleiter

Die hessische Linke legt zu - aus Gründen. Der Umstand, dass in Hessen eine Generation von eher pragmatischen westdeutschen Linken-Politikern angetreten ist, scheint sich ausgezahlt zu haben. Zumal die Grünen mehr und mehr zum Establishment gezählt werden und die SPD im Krisenmodus ist, was ihr Anhänger bringt. Zusätzlicher Auftrieb dürfte der Partei auch die Spekulationen über eine rot-rot-grüne-Koalition gegeben haben.

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Landtagswahl in Hessen 2018: Die Stimmung der Parteien in Bildern

Die FDP könnte - sollte es nicht für Schwarz-Grün, sondern für Jamaika reichen - das Zünglein an der Waage spielen. Eine Rolle, die die Liberalen aus ihrer Geschichte kennen. Die Liberalen waren 2013 in einer langen Zitternacht nur mit 5,0 Prozent in den Landtag gekommen, in diesem Wahlkampf erhofften sie sich eine Steigerung. Aber deutlich mehr als sieben Prozent hatte sich der eine oder andere in der FDP-Spitze schon ausgerechnet. Die FDP wird mit gemischten Gefühlen auf das Ergebnis blicken: Sie liegt deutlich hinter den Grünen und auch deutlich hinter der AfD. Wirklich profitiert von der Krise der CDU hat die FDP nicht, auch wenn FDP-Chef Christian Lindner auf den letzten Metern die Wahl auch zu einer Abstimmung über die Flüchtlingspolitik erklärt hatte. Sollte die FDP in einer Koalition mit CDU und Grünen in Hessen gefragt sein, muss sie aufpassen, von zwei eingespielten Partnern nicht mit Brosamen abgespeist zu werden.

insgesamt 86 Beiträge
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seamanslife 28.10.2018
1. CSU sei Dank, was für ein Trauerspiel
Horst hat sein Bestes gegeben, der Matchball geht jetzt an die Kanzlerin. Irgendwann geht jede Zirkusvorstellung zu Ende, Führung sieht anders aus und das ist die Quittung. Das sich Leute wie Gauland, Steinbach und Höcke (alles Hessen) zufrieden auf die Schenkel klopfen ist das eigentliche Trauerspiel.
Fuscipes 28.10.2018
2.
"Warum die SPD an der Seite der Union im Bund besser platziert ist als in der Opposition", das sieht man am Wahlergebnis, keine kleine Katastrophe übrigens, aus Wählersicht sehr konsequent und absehbar. CDU dito.
vox veritas 28.10.2018
3. Spd?
Es liegt nicht am Wahlprogramm der SPD. Wäre dem so, hätten die christlichen Parteien (CDU / CSU) bei den letzten Wahlen nicht ebenso Stimmen verloren. Das sollte man übrigens mal dem Kevin stecken, damit der nicht wieder von der Auflösung der GroKo träumt.
ulmer_optimist 28.10.2018
4. Die CDU...
...hat als größte Partei einen klaren Regierungsauftrag, also wird sich Frau Merkel keiner Schuld bewusst sein und ein klares weiter so empfehlen.
shaboo 28.10.2018
5. Das Schlimme, aber ...
... leider auch Erwartbare und Typische, ist diese Mischung aus Arroganz, Ignoranz und intellektueller Beschränktheit, mit der CDU und SPD ihre dramatischen Verluste gebetsmühlenartig und ausschließlich mit dem "Erscheinungsbild" und der "Zerstrittenheit" der GroKo erklären, anstatt mit der schlicht katastrophalen Politik, die dort betrieben wird - als ob irgendjemand in Deutschland ernsthaft glauben würde, dass tatsächlich bessere Politik dabei herauskommt, wenn die GroKo einfach nur an ihrem Erscheinungsbild arbeitet und sich weniger streitet! Jedem ist klar, dass es massive inhaltliche und auch personelle Veränderungen braucht, wenn die Wählerwanderung von CDU und SPD zu Grünen und AfD gestoppt werden soll.
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