Hessischer SPD-Abgeordneter Jung, smart, chancenlos

Voller Tatendrang kam er in den hessischen Landtag. Nun droht dem jungen SPD-Abgeordneten Christoph Degen das vorläufige politische Aus – nach nur zwölf Monaten. Bei der Neuwahl steht die Partei vor dem schwächsten Ergebnis ihrer Geschichte, der junge Sozialdemokrat hofft auf den Endspurt.

Aus Bruchköbel berichtet


Bruchköbel - Die Uhr tickt für Christoph Degen. Beim Schlachtessen in Hammersbach steht der junge SPD-Kandidat unter Zeitdruck. Die deftigen Blutwürste und Speckschwarten kann er nicht genießen. Denn in Bruchköbel wartet schon Arbeitsminister Olaf Scholz. Degen muss sich beeilen.

SPD-Abgeordneter Christoph Degen: Voller Euphorie gestartet

SPD-Abgeordneter Christoph Degen: Voller Euphorie gestartet

Doch so leicht wollen die Hammersbacher Genossen ihn nicht gehen lassen. "Bleib noch zehn Minuten", überreden sie ihn. Degen fügt sich, der Arbeitsminister muss warten.

Der Kandidat ist 28 Jahre alt, ein smarter Juso. Vor einem Jahr zog er für den Main-Kinzig-Kreis in den hessischen Landtag ein. Er wollte Koch abwählen, eine neue Bildungspolitik machen - sein Enthusiasmus war groß. Nur zwölf Monate später herrscht Ernüchterung. Die SPD liegt nach Wortbruch, gescheiterter Machtübernahme und Selbstzerfleischung am Boden. Umfragen sehen die Partei bei 24 Prozent, das wären fünf Punkte weniger als bei dem historisch schwächsten Ergebnis 2003.

Für den examinierten Sonderschullehrer hat das ganz konkrete Folgen: Degen droht mit Ende 20 das vorläufige politische Aus. "Wir brauchen 29 Prozent, damit ich reinkomme", hat er ausgerechnet. Er steht auf Platz 30 der Landesliste, Direktmandate wird die SPD diesmal wohl nur eine Handvoll erringen können.

Beim Mahl in der urigen Hammersbacher Gaststätte machen die Genossen ihrem Frust Luft. Mit Degen sind sie zufrieden, mit der Parteiführung um Andrea Ypsilanti dagegen überhaupt nicht. "Sie hat nie verstanden, dass die SPD aus zwei Flügeln besteht, die eingebunden werden müssen", schimpft Helmut Kropp. "Ihr Versagen war selbstverschuldet."

"Das ist durchaus repräsentativ für die Stimmung im Unterbezirk", erzählt Degen, als er sich endlich losreißen kann. Es habe "stets sehr viel Kritik an Ypsilanti" gegeben. Doch persönlich unterstütze er ihren Kurs - nicht zuletzt weil die Parteirechte um Jürgen Walter ihr Einverständnis signalisiert habe. Und dieser Gruppe gehört auch Degen an. "Ich habe mich stets als Linken unter den Parteirechten verstanden", grinst er.

2006 stand er auf der Seite von Walter

Sein Interesse für die SPD entstand 1998. "Ich war Schröder-Fan und habe mich gefreut, dass er den ewigen Kanzler Helmut Kohl besiegt hat." Eingetreten sei er jedoch erst ein halbes Jahr später. "Das kam aus Enttäuschung über den Wahlsieg von Roland Koch in Hessen - vor allem darüber, wie er gewonnen hat." Der CDU-Mann hatte 1999 eine Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft losgetreten und mit ausländerfeindlichen Ressentiments gespielt.

Bei dem Kampf um die SPD-Spitzenkandidatur 2006 stand Degen als Juso-Bezirkschef auf der Seite des Parteirechten Walter. Doch nachdem Ypsilanti gewonnen habe, sei sie "nun mal unsere Nummer eins" gewesen. Walter habe dies jedoch nie überwinden können.

Engen Kontakt zur Parteichefin hat der 28-Jährige aber auch nie gehabt. Während Walter für ihn nach wie vor "der Jürgen" ist, spricht er von ihr nur als der "Frau Ypsilanti". Lediglich im Sommer habe sie ihn zu einem persönlichen Gespräch gebeten, um zu fragen, ob er den Linkskurs unterstütze. "Und da habe ich ihr gesagt: Es ist nicht einfach für mich, aber ich stehe hinter dir."

"Früher war ich eher schüchtern"

Gerade noch rechtzeitig trifft Degen am Abend bei Scholz in Bruchköbel, Ortsteil Roßdorf, ein. Der Arbeitsminister hält eine dröge, wenig mitreißende Rede, die knapp 70 Genossen klatschen verhalten. Als Degen dann zu seinem Vortrag ansetzt, ist Scholz auch schon wieder weg, er muss sein Flugzeug erreichen.

Die Rede des jungen Kandidaten wird von den zumeist älteren Genossen dagegen wohlwollend verfolgt. Sie nicken, wenn er Fehler anspricht und sagt, die SPD habe "Vertrauen verloren". Und sie jubeln, wenn er den verhassten CDU-Mann Koch kritisiert, der sich "an sein Amt geklammert" habe. Degen habe sich im vergangenen Jahr "unheimlich entwickelt", lobt eine Ortsvereinsvorsitzende.

Selbst sagt er von sich, er sei früher "eher schüchtern" gewesen. Doch das Jahr 2008 sei so aufregend gewesen, er habe so viel gelernt, dass er nun selbstbewusst wieder in den Wahlkampf ziehe. "Ich möchte die Erfahrungen der letzten Monate nicht missen." Und wenn es nicht reicht für einen Wiedereinzug in den Landtag? "Dann setze ich meine Doktorarbeit in Erziehungswissenschaft fort", sagt er.

Engeren Kontakt noch als zu Walter pflegte Degen in der Fraktion zu Carmen Everts, die das Linksbündnis am 3. November platzen ließ. "Ich saß neben ihr im Plenarsaal", erzählt Degen. "Deswegen war ich enttäuscht, dass sie ihre Entscheidung so plötzlich getroffen hat." Der Kontakt sei danach völlig abgebrochen.

Zuletzt sei Everts einmal auf seine "Wer-kennt-wen-Seite" gesurft. Eine Nachricht habe sie nicht hinterlassen.



insgesamt 1135 Beiträge
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Seite 1
off_road 21.11.2008
1.
Je länger Ypsilanti an den Ämtern klebt, umso schlechter für die Genossen.
off_road 21.11.2008
2.
Walter und Everts dürfen jetzt doch kandidieren. In der SPD ist man sich des eigenen Demokratieverständnises allmählich wohl doch unsicher geworden. Auf faz.net ist dazu zu lesen: ---Zitat--- Die in den vergangenen Tagen unter Teilnahme von Verfassungsrechtlern ausgebrochene Diskussion, ob damit gegen „demokratische Mindestanforderungen“ bei der Kandidatenaufstellung verstoßen und die Neuwahl daher angefochten werden könne, hat die hessische SPD-Führung nun offenbar aufgeschreckt. ---Zitatende---
Lehrer_Lämpel 21.11.2008
3.
Zitat von sysopIn der hessischen SPD herrscht Chaos, der Druck auf Parteichefin Ypsilanti wächst. Wie sehen Sie die Chancen der Genossen bei den Neuwahlen?
Ich glaube, die Hessen werden nach dem Motto wählen: "Lieber schlecht KOCHen als gut GÜMPELn..." Ob das GUT FÜR DAS LAND sein wird, wissen die Götter.
DiKi, 21.11.2008
4. SPD-Querelen in Hessen-wie sehen Sie die Chancen für einen Neuanfang?
Zitat von off_roadJe länger Ypsilanti an den Ämtern klebt, umso schlechter für die Genossen.
Pattex-Andrea wird die SPD nach unten ziehen,wenn sie weiterhin an ihren Ämter als Parteichefin und Fraktions- vorsitzende festhält!Der Wähler fragt sich doch jetzt, ob er,wenn er Schäfer-Gümbel wählt,nicht doch Ypsilanti bekommt,vielleicht geht es dann so aus,wie in Bayern,da steht ein Ministerpräsident Günther Beckstein zur Wahl, der schneidet schlecht ab und geht und die CSU wählt im Landtag Seehofer zum Ministerpräsidenten,man stelle sich mal vor,die SPD verliert ebenfalls über 14% am 18.1.2009, was ja nicht unwahrscheinlich ist und die Grünen und die Linkspartei legen um diese Prozentzahl zu und es reicht für Rot-Rot-Grün,dann würde ich mich nicht wundern,wenn die SPD dann mal kurz Schäfer-Gümbel durch Ypsilanti austauscht,der Koalitionsvertrag braucht dann ja nicht mehr neu verhandelt werden,der steht ja schon,das wäre doch ein Geniestreich der Hessen-SPD! Da kann man nur jedem Wähler raten:"Sei auf der Hut!!!" MfG DiKi
dieterschg, 21.11.2008
5.
Zitat von sysopIn der hessischen SPD herrscht Chaos, der Druck auf Parteichefin Ypsilanti wächst. Wie sehen Sie die Chancen der Genossen bei den Neuwahlen?
Wieso Chaos, wenn ich mich mit SPD-lern unterhalte, finden ca. 80-90% die jetzige Lösung in Ordnung, im Übrigen stehen die weitgehend hinter dem bisherigen, und wieder vertretenen Programm auch für den Januar. Gut meine Gesprächspartner sind meist vom stärsten Teilverband "Südhessen", und einige die ich aus dem Norden kenne, sehen das aber ähnlich. Also waraus schließt Spiegel-Online, den angeblichen Druck auf Ypsilanti, die Partei erscheint mir froh, dass sie noch in verantwortlicher Position steht. Auch wenn hier im Forum kräftig dagegen agiert wird, mit der Realität hat das meiner Meinung nach wenig zu tun, - und Verluste haben die schon einkalkuliert, wodurch die LINKE allerdings auf das Niveau anderer CDU-regierten Länder kommen wird, so zwischen 6-8%.
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