Drohungen im Internet Jeder Satz eine Tat - auch online

Hetze gegen Flüchtlinge, Hetze gegen Politiker, Hetze gegen Journalisten - das Netz ist voll davon. Doch sollten wir uns das gefallen lassen? Oder uns wehren? Ein Versuch.

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"Vergiss nicht, dass dein Satz eine Tat ist", hat der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry einmal geschrieben. Ein Satz, der in Zeiten von offener Hetze und blankem Hass in sozialen Medien und Internetforen keine Gültigkeit zu haben scheint.

Ich finde, dass man ihm wieder zu Geltung verhelfen muss. Denn es stimmt ja: Worte sind Taten. Wenn jemand zu Gewalt gegen Menschen aufruft, wenn jemand Menschen als "Dreckspack", "Sozialschmarotzer", "Asylantenschweine" bezeichnet, sind das verbale Gewaltakte.

Offensichtlich gibt es ein weitverbreitetes Missverständnis darüber, was Meinungsfreiheit ist. Seitdem jeder für die ganze Welt sichtbar alles im Netz äußern kann, glauben viele, dass das Beleidigen, Beschimpfen und Bedrohen von Menschen unter Meinungsfreiheit falle.

Doch das war vor den Zeiten des Internets nicht so, und das ist auch heute nicht so. Die Freiheit zu äußern, was man denkt, was einem auf dem Herzen liegt, sollte freilich so groß wie möglich sein. Und natürlich kann jeder äußern, was er mag - aber er muss auch die Konsequenzen tragen. Für seine Worte trägt man Verantwortung, für seine Sätze muss man geradestehen. Das gilt selbstverständlich auch für uns Journalisten. Aber in einer mehr oder weniger anonymen Netzwelt ist das bei vielen Menschen in Vergessenheit geraten.

"Man sollte dir alle Knochen brechen!!!"

Nun ist das Internet längst kein Neuland mehr, und mit den Jahren glauben immer mehr Nutzer, dass sie straflos zum Anzünden von Flüchtlingsheimen und Ermorden von Menschen aufrufen dürfen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir diese Menschen die Folgen ihrer Worte spüren lassen müssen.

Ein Mann schrieb mir nach einem Kommentar über Pegida vom vergangenen Dezember: "So einen Müll wie dich muss man beseitigen, damit du nicht die ganze Umwelt vergiftest!" Und, nach weiteren verbalen Entgleisungen: "Man sollte dir alle Knochen brechen!!!" Der Mann schrieb mir unter Klarnamen - und von seiner Firmen-E-Mail.

Als Mensch mit ausländischen Wurzeln und als Türkei-Korrespondent, wo jede Kritik an der Regierung unkontrollierte verbale Aggression zur Folge hat, erhalte ich relativ viele E-Mails dieser Art. Neonazis und Islamfaschisten sind, zumindest in ihrer Kritikfähigkeit und ihrer Ausdrucksweise, Brüder im Geiste. In den allermeisten Fällen ignoriere ich derartige Zuschriften, auf Facebook und Twitter sperre ich die Kommentatoren.

In der Zwischenzeit entlassen

In diesem Fall aber investierte ich ein paar Minuten in die Recherche - und fand heraus, dass der Mann in mehreren Foren rechtsextremes Gedankengut verbreitete. Ich fand die E-Mail-Adresse des Gesamtverteilers der Firma heraus, für die er arbeitete. Ich kopierte seine Hassmail und schrieb darüber: "Sehr geehrter Herr X, ist das wirklich Ihre Art, Kritik zu üben?" Das schickte ich an diesen Gesamtverteiler.

Jetzt, ein gutes halbes Jahr später, schreibt mir der Geschäftsführer, dass es ihm leid tue, dass ein Mitarbeiter seines Unternehmens mir eine derartige E-Mail geschickt habe. Er bittet um Entschuldigung und teilt mir darüber hinaus mit, dass man den Mann in der Zwischenzeit entlassen habe.

Es geht mir nicht darum, den Schreiber öffentlich bloßzustellen. Ebenso wenig möchte ich der Firma zu einem PR-Erfolg verhelfen. Daher bleiben E-Mail-Verfasser und Unternehmen hier namenlos.

Was das Ganze in dem Mann bewirkt hat, ob er sich Gedanken über sein Verhalten macht, ob er seine menschenverachtende Haltung überdenkt, all das weiß ich nicht. Aber immerhin eines sollte ihm deutlich geworden sein: "Vergiss nicht, dass dein Satz eine Tat ist." Nur darum geht es.

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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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