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Hetzjagd in Mügeln: Wegsehen, schönreden, abtauchen

Von , Mügeln

Ein Städtchen unter Generalverdacht: Nach der Hetzjagd auf Inder grübelt Mügelns Bürgermeister Deuse über die Motive seiner enthemmten Mitbürger. Die Tat sei ausländerfeindlich, aber nicht rechtsextrem, glaubt er und appelliert an Zeugen, sich zu melden - doch viele wollen lieber ihre Ruhe.

Mügeln - Es ist schon eine Weile her, als Gotthard Deuse zum ersten Mal Schlagzeilen machte: "Endlich tut ein Bürgermeister was!" feierte ihn die Lokalausgabe der "Bild"-Zeitung. Auf dem Parkfest im Mügelner Ortsteil Schweta hatte das Stadtoberhaupt der sächsischen Kleinstadt einen pöbelnden Neonazi handfest in die Schranken gewiesen. Das war im Sommer 1994.

"Seitdem war nie wieder was", sagt der FDP-Mann 13 Jahre später im ersten Stock des historischen Rathauses von Mügeln. "Bis zum letzten Wochenende."

Deuse, 59, blickt aus dem Fenster, vor dem sich der beschauliche Marktplatz des 5000-Seelen-Ortes ausbreitet. Dienstag ist Markttag, ein paar Stände stehen dort, es gibt Obst, Gemüse, Blumen, gegrillte Hähnchen. Die Inder fehlen - normalerweise bieten sie hier ihre Stoffe feil. "Dass sie nicht da sind, hat nichts mit dem Altstadtfest zu tun", beteuert Deuse. Der morgendliche Regen habe sie abgehalten.

Das Altstadtfest - die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag auf eben jenem Marktplatz haben Mügeln und seinen Bürgermeister unfreiwillig auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Abendnachrichten der TV-Sender katapultiert.

Acht Inder, unter ihnen die Markthändler, waren mit deutschen Besuchern des jährlichen Stadtfestes aneinandergeraten. Was folgte, war eine regelrechte Hetzjagd auf die Ausländer, an der sich Dutzende Menschen beteiligten, die zum Teil rechtsradikale Parolen grölten. Die Inder konnten sich gerade noch in die Pizzeria eines Bekannten retten. Am Ende waren 14 Menschen verletzt - alle Inder, vier Angreifer und zwei Polizisten.

Beleidigende E-Mails

Deuse, einst von der Boulevardpresse zum Held im Kampf gegen Rechts gekürt, muss sich plötzlich rechtfertigen. Waren es Neonazis? Mügeln - ein braunes Nest? Schon erzählen Bewohner von aufgeregten Anrufen von Freunden und Verwandten aus anderen Teilen der Republik: "Was ist denn bei euch los?" Eine fassungslose Pensionswirtin erhielt beleidigende E-Mails: "Nazi-Schwein", pöbelt ein Schreiber, "widerliche Nazibrut", ein anderer - und ergänzt: "Wirklich ekelhaft Ihre Stadt, werde bestimmt nie dorthin fahren."

Deuse hat Angst um den Ruf seines Städtchens. Heftig schüttelt er den Kopf und versucht sich mit einer Erklärung des Gewaltexzesses: "Ganz, ganz, ganz schwierig" sei das alles. "Möglicherweise war es Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus war es nicht." Der Bürgermeister will da einen feinen Unterschied machen. Die "Ausländer raus"-Rufe sind nach etlichen Zeugenaussagen nun einmal nicht von der Hand zu weisen. Aber rechtsextreme Strukturen, eine Szene, die gibt es hier nicht, da ist sich Deuse noch immer sicher.

Doch mit Strukturen ist das so eine Sache. Von welchem Organisationsgrad an lässt sich von Strukturen sprechen? Braucht es dafür eine feste Clique, eine Kameradschaft, einen festen Treffpunkt? Wenn es darum geht, sind im Umkreis von Mügeln viele solcher Strukturen bekannt. In Mittweida hat das Innenministerium gerade erst den rechtsextremen "Sturm 34" verboten, in Schildau sorgen die sogenannten "Schildauer Jungs" für Unruhe, und in Leisnig, nur 15 Autominuten von Mügeln entfernt - hat sich eine Kameradschaft um eine regionale Neonazi-Größe etabliert.

Auch in Leisnig gab es am vergangenen Wochenende ein großes Volksfest. Nachdem es dort in der Vergangenheit schon Ärger gegeben hatte, war die Polizei mit starken Kräften vor Ort. Wie aus informierten Kreisen zu hören ist, sollen einige bekannte Leisniger Neonazis sich am späten Samstagabend noch auf den Weg nach Mügeln gemacht und dort kräftig mitgemischt haben.

Rechtsradikale Jugendliche auch in Mügeln

Wie weit die Neonazi-Strukturen aus dem Umkreis möglicherweise schon nach Mügeln hineinwirken, lässt sich derzeit kaum feststellen. Sicher ist aber, dass es auch hier Jugendliche gibt, die andere der braunen Ecke zuordnen.

Im Mügelner Jugendclub sind die Türrahmen mit Anti-Nazi-Aufklebern vollgepflastert, Linke oder "Neutralos", besuchen den Club am alten Wasserwerk, sagt ein Mitarbeiter. Hin und wieder lassen sich im "Free Time Inn" allerdings auch ungebetene Gäste blicken: Der junge Mann weiß von einer Clique von etwa zehn Personen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die "zwei, drei Mal im Jahr" auch im Jugendclub provozierten oder schon mal das Gartenmobiliar zerlegten. Die rechtsradikalen Jungs seien auch bei allen Volksfesten präsent, sagt der Ehrenamtler - und schiebt hinterher: "Der Bürgermeister redet sich das alles schön."

Der Angesprochene aber weiß nach eigenen Worten von solchen Jugendlichen nichts. Genauso wenig will er bislang den unter einer Postfachadresse in Mügeln ansässigen, einschlägigen Internet-Versandhandel gekannt haben. Seit mehreren Jahren schon vertreibt nach Angaben der Mobilen Opferberatung in Sachsen jemand über diese Plattform CDs, Poster und Klamotten aus der neonazistischen Black-Metal-Szene. "Ich höre davon zum ersten Mal", sagt Deuse und staunt. Er werde sich darüber beim Staatsschutz informieren.

Bürger wollen ihre Ruhe

Für morgen Abend hat das Stadtoberhaupt den Stadtrat zu einer Sondersitzung einberufen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dann soll auch der Leiter der Polizeidirektion Westsachsen den Lokalpolitikern über den derzeitigen Kenntnisstand berichten. Bislang ermittelt die Polizei nach der Hetzjagd noch immer "in alle Richtungen". Eine 16-köpfige Sonderkommission vernimmt derzeit etliche Zeugen. Neues gibt es bislang nicht: Kurz nach den Ausschreitungen waren zwei 21 und 23 Jahre alte Männer vorläufig festgenommen worden. Sie befänden sich zwar wieder auf freiem Fuß, der Tatverdacht bestehe aber fort, hieß es heute. Und: Es handle sich um Einheimische.

Ein Umstand, der Gotthard Deuse Sorgen bereitet. "Erschreckend" sei es, dass so viele Menschen - viele davon sicher in Mügeln zu Hause - der Gewaltorgie tatenlos zusahen, dass sie möglicherweise applaudierten, dass sie vielleicht sogar mitmischten, wie es Zeugen gesehen haben wollen, dass sie dem Mob den Weg zur Hintertür der Pizzeria Picobello wiesen, in der sich die Inder unter Todesangst eingeschlossen hatten. Er könne zwar verstehen, dass einige Angst hätten, sagt Deuse. Dennoch rufe er alle Bürger auf, sich bei der Polizei zu melden, sollten sie etwas gesehen haben.

Ein Appell, der bei einigen einstweilen ungehört verhallt. "Das ist mir doch egal", erregt sich eine Mittvierzigerin auf dem Marktplatz. "Sollen die sich doch die Köppe einschlagen. Damit hab' ich nichts zu tun." Ihr Gesprächspartner im blauen Jogginganzug nickt eifrig. Ein paar Meter weiter konstatiert ein junger Mann mit Baseball-Cap und Freundin im Arm: "Das wird total aufgebauscht." Und die Blumenverkäuferin schimpft mit einer Kundin: "Es gibt so viele wichtige Dinge auf der Welt. Dass da jetzt so ein Theater gemacht wird."

Es scheint, als wollten viele Mügelner statt Aufklärung vor allem eines haben: ihre Ruhe.

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Ausländerfeindlich: Aufruhr in Mügeln

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