Von Jörg Diehl, Münster
"Nein", sagt Stefan Leschniok, "nein, nein". Man möge ihn bitte nicht missverstehen. Es gehe ihm nicht darum, dem wilhelminischen Generalfeldmarschall und späteren Reichspräsidenten Paul von Beneckendorff und von Hindenburg zu huldigen oder ihm gar ein Denkmal zu errichten. "Wir wollen nur unseren Platz zurück." Und zwar den vor dem Schloss, nicht den in der Geschichte.
Das Areal ist ein staubig-graues Feld in Münsters Mitte, die Stadtverwaltung preist es als "zweitgrößte innerstädtische Freifläche Europas". Dreimal im Jahr baut sich hier die örtliche Kirmes auf, ansonsten aber parken Autos und Reisebusse auf der Brache. Man kann nicht sagen, dass es ein schöner Platz ist, um den gerade so erbittert gestritten wird, wobei es noch nicht einmal darum geht, wie er aussieht, sondern nur darum, wie er heißen soll. Am Sonntag stimmen die Bürger darüber ab.
Im Jahr 1927 nannte man die Fläche Hindenburgplatz - und so blieb es über viele Jahre, obschon die nordrhein-westfälische Landesregierung bereits kurz nach dem Krieg angeordnet hatte, die Namen aller Militaristen aus den Stadtbildern zu tilgen. In Münster aber behielt Paul von Hindenburg seinen Platz in der Mitte der westfälischen Metropole, reihenweise scheiterten Initiativen, die den Namen ändern wollten. Erst der CDU-Oberbürgermeister Markus Lewe trieb 2009 die Sache entscheidend voran.
Eine Historikerkommission mit dem renommierten NS-Experten Hans-Ulrich Thamer wurde eingesetzt und gelangte zu der Erkenntnis, Hindenburg sei eindeutig der "Steigbügelhalter Hitlers" gewesen, "aus freiem Willen und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte". Als Reichspräsident der Weimarer Republik habe der Ex-Militär die Rechte des Parlaments eingeschränkt und mit der sogenannten Dolchstoßlegende zudem das politische Klima der jungen Demokratie vergiftet. Sein Wirken im Ersten Weltkrieg wiederum führte demnach zu einer Verlängerung des Blutvergießens. Deshalb sei es folgerichtig, Paul von Hindenburg kein Denkmal zu setzen, so Thamer: "Und Straßennamen sind immer Ehrung und Denkmal."
"Ein vertrautes Stück Münster"
Am 21. März 2012 entschied Münsters Stadtrat daher mit 53 zu 23 Stimmen, den Hindenburgplatz in Schlossplatz umzubenennen. Die Schilder wurden ausgetauscht, doch nun ging der Streit erst richtig los. Eine Bürgerinitiative bildete sich und sammelte binnen weniger Wochen 15.123 Unterschriften von Menschen, die unbedingt wollten, dass alles so bleibt, wie es immer war. Ihr Slogan lautete: "Ein vertrautes Stück Münster. Hier sind wir zu Hause."
Vorkämpfer der Bewegung ist der Rechtsanwalt Stefan Leschniok, CDU-Mitglied und Unterzeichner des Manifestes "Aktion Linkstrend stoppen - Für eine geistige Wende". Tatkräftige Unterstützung bei seiner Auseinandersetzung mit dem ebenfalls christdemokratischen Oberbürgermeister erhält der Jurist von der örtlichen Jungen Union, weshalb der Disput möglicherweise auch zeigt, wie unzufrieden konservative Kreise in der CDU mit ihrer Partei mittlerweile sind. Der Bonner Politikprofessor und Merkel-Biograf Gerd Langguth stellt jedenfalls fest, dass der Bundeskanzlerin als "pragmatischer Problemlöserin" jegliche "Ideologie fremd" ist, was bei manchem Hardliner Unmut auslöse. "Das ist es, was klassischen Konservativen an ihr fehlt", so Langguth.
In Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens, tritt dieser Konflikt gerade ziemlich offen zu Tage.
So begründet Stefan Leschniok sein Engagement unter anderem damit, dass Hindenburg "nicht nur negative, sondern auch positive Seiten hatte". Man müsse sich der "Geschichte in ihrer Gesamtheit stellen" und dürfe nicht unliebsame Personen herauslösen. Dass man mit diesem Argument, auch eine Umbenennung in Adolf-Hitler-Platz begründen könnte, hält Leschniok indes für "Quatsch". Überhaupt distanziere er sich von Extremisten, wobei er auf Nachfrage dann aber einräumt, mit dem Sprecher der sächsischen NPD schon länger bekannt zu sein. "Für seine Partei habe ich aber überhaupt nichts übrig", sagt Leschniok.
Der Ton der Debatte ist schriller geworden
Jedoch erfährt die Hindenburg-Bürgerinitiative im Netz durchaus Zuspruch von Ewiggestrigen, von Revanchisten, Extremisten und Populisten, die offenkundig in Münster ihre Chance wittern, auch in der Mitte auf Stimmenfang zu gehen. "Wir können auf diese Unterstützung sehr gut verzichten", sagt Anwalt Leschniok, "aber wir können uns leider nicht dagegen wehren." Insgesamt ist der Ton der Debatte im Laufe der Wochen schriller geworden, es kam zu Beleidigungen und Drohungen. "Mich irritiert, dass in einer Stadt, in der Leitbegriffe wie Toleranz, Dialog und Frieden eine große Rolle spielen, die Auseinandersetzung solche Formen angenommen hat", beklagt der Historiker Thamer.
Dabei war es doch ein Ziel der Hindenburgplatz-Befürworter, dem Willen der Bürger Ausdruck zu verleihen. "Ausschlaggebend war von Anfang an, dass wir glauben, der Name Schlossplatz ist nicht im Sinne der Münsteraner", so Stefan Leschniok. Mit Argumenten wie "Erinnerungskultur" und "Heimatgefühl" warb seine Initiative, mittlerweile hat die Gegenbewegung "Schlossplatz" aufgeholt. "Wir wollten inhaltlich dagegen halten", so deren Sprecher Michael Bieber, "denn die Demokratie mit Hindenburg zu stärken, ist wie mit Schnaps den Alkoholismus zu bekämpfen."
Fast scheint es nun, als kenne das gutbürgerliche, wohlhabende Münster keine dringlicheren Probleme mehr als die Frage, wie denn einer ihrer Parkplätze heißen soll. Während anderenorts in Nordrhein-Westfalen klamme Kommunen Schwimmbäder schließen müssen, Buslinien streichen und Gebühren erhöhen, quält sich die prosperierende westfälische Metropole mit der deutschen Vergangenheit. Erstaunlich viele Münsteraner, inzwischen sind es 38.000 von 238.000, haben bereits per Briefwahl im Generalstreit entschieden.
Und auch die Lokalprominenz hat mittlerweile Position bezogen. In einem Kinospot wirbt der "Wilsberg"-Darsteller Leonard Lansink für die Schlossplatz-Fraktion. "Es wird Zeit", appelliert der TV-Detektiv an die Zuschauer, "dass Münster 'Nein' sagt." Und es wird Zeit, so könnte man hinzufügen, dass Münster diese Posse beendet.
Mit Material von dpa
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