Hintergrund Deutsche mußten in 15 Minuten über Krieg entscheiden

Die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" rekonstruierte anhand von vertraulichen Akten des Außenministeriums, wie Deutschland in den Kosovo-Krieg geraten ist. Die Regierung mußte demnach innerhalb von 15 Minuten über den Nato-Einsatz entscheiden.


Hamburg - Den Entschluß habe die Koalition nur wenige Tage nach der Bundestagswahl am 27. September vergangenen Jahres treffen müssen. Die "Zeit" zitiert Außenminister Joschka Fischer mit den Worten: "15 Minuten blieben uns, um über eine Frage von Krieg und Frieden zu entscheiden."

Am 9. Oktober 1998 habe US-Präsident Bill Clinton noch Verständnis dafür gezeigt, daß der designierte Kanzler Gerhard Schröder zunächst die erste Sitzung des Bundestages abwarten wollte, bevor er über einen Nato-Einsatz entscheiden würde. Drei Tage später sei dann die sofortige Zustimmung erbeten worden. Fischer habe sich gefragt: "Warum müssen wir gerade jetzt regieren?"

Nach Angaben der "Zeit" zeigen die Akten das ganze Ausmaß nationaler Eitelkeiten im Vorfeld des Kosovo-Krieges. Außerdem würden sie belegen, daß die Konferenz von Rambouillet keineswegs an den militärischen Details des geplanten Abkommens gescheitert sei.

Aus den Unterlagen gehe vielmehr hervor, daß die Serben über den militärischen Teil gar nicht erst reden wollten. Man habe nie gewußt, wo die "rote Linie war", erklärten laut "Zeit" der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Wolfgang Ischinger, und der Kosovo-Experte Christian Pauls.

Auf die Frage von Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic "Was wollen sie eigentlich im Kosovo?" hätten die Deutschen einmal in Belgrad erwidert: "Wir wollen, daß das Morden beendet wird." Darauf habe Milosevic gesagt: "Was wollen Sie denn, das sind doch unsere Leute."

Die Akten belegten zudem die ganze Härte der Serben und die gefährliche Unerfahrenheit der kosovarischen Delegation. Ein deutscher Bebachter habe notiert: Alle Beteiligten spielten Poker, nur die Kosovo-Albaner Mau-Mau.

Während die Amerikaner zunächst auf eine intensive Reise- Diplomatie ihrer Unterhändler vertraut hätten, drängten die Deutschen auf eine multinationale Friedenskonferenz. Die Deutschen setzten sich durch, seien aber bei der Vorbereitung der Konferenz von Rambouillet ausgebootet worden. Am Tag vor dem entscheidenden Treffen der Balkan- Kontaktgruppe am 29. Januar hätten Briten und Franzosen versucht, Deutsche und Italiener aus den Verhandlungen zu drängen. In der letzten Phase sei Rambouillet eine reine US-Veranstaltung gewesen.



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