Historiker Winkler zur Feiertagsdebatte "Der 3. Oktober wird notorisch unterschätzt"

Der Bundesfinanzminister will die Feiern zur Deutschen Einheit vom 3. Oktober auf ein Wochenende verlegen. Der Historiker Heinrich August Winkler zeigt sich darüber im Interview mit SPIEGEL ONLINE verärgert. Die Bundesrepublik brauche ein weltliches Symbol. Der Feiertag stehe auch den Beginn des zusammenwachsenden Europas.


 Heinrich August Winkler, 1938 in Königsberg geboren, gilt als einer der renommiertesten Historiker in der Bundesrepublik. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher - darunter des Standardwerks "Der lange Weg nach Westen" - und Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Winkler, der sich anfangs für die CDU engagierte, trat 1962 der SPD.
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Heinrich August Winkler, 1938 in Königsberg geboren, gilt als einer der renommiertesten Historiker in der Bundesrepublik. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher - darunter des Standardwerks "Der lange Weg nach Westen" - und Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Winkler, der sich anfangs für die CDU engagierte, trat 1962 der SPD.



SPIEGEL ONLINE:

Herr Winkler, Bundesfinanzminister Hans Eichel hat vorgeschlagen, den Tag der Deutschen Einheit künftig auf den ersten Sonntag im Oktober zu verlegen. Ziel ist es, mit einem zusätzlichen Arbeitstag die EU-Stabilitätskriterien zu erfüllen. Als Sie davon gehört haben, dachten Sie da: Die spinnen, die Deutschen?

Winkler: Ich habe mich gefragt: Welcher andere demokratische Staat käme auf die Idee, seinen Nationalfeiertag zu streichen? Auch die Bundesrepublik braucht ein verbindendes Symbol. Und dazu ist der 3. Oktober mit den Jahren geworden. Ich halte diese Idee des Finanzministers für ganz und gar abwegig.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker wenden ein, der 3. Oktober sei - im Gegensatz zum 9. November oder dem 17. Juni - ein rein verwaltungstechnischer Akt.

Winkler: Der 3. Oktober wird in Deutschland notorisch unterschätzt. Immerhin ist an diesem Tag ein Jahrhundertproblem gelöst worden - die deutsche Frage. Zusammen mit der deutschen Frage wurde durch die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein anderes Jahrhundertproblem, die polnische Frage, gelöst. Die zeitgleiche Lösung beider Punkte war von größter Bedeutung für Europa. Ohne den 3. Oktober gäbe es heute keine erweiterte EU, kein Zusammenwachsen Europas.

 Sowjetische Panzer am 17. Juni 1953 in Ostberlin: "Ein Gedenk-, kein Feiertag"
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Aber historisch aufgeladen ist der Tag für viele Menschen nicht.

Winkler: Mag sein, aber ich sehe das anders. An diesem Tag wurde endlich das Doppelziel der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 erreicht - Einheit in Freiheit. Wenn es einen Anlass zum Feiern für alle Menschen in Deutschland gibt, dann an diesem Tag.

SPIEGEL ONLINE: Ist der 9. November - Mauerfall 1989, Pogromnacht 1938 und Ausrufung der ersten deutschen Republik 1918 - nicht als Feiertag sinnvoller, weil er die Brüche der deutschen Geschichte dokumentiert?

Winkler: Der 9. November ist ein deutscher Nachdenktag. Aber daraus einen deutschen Nationalfeiertag zu machen,halte ich für keinen guten Gedanken. Welcher Redner wäre nicht überfordert, der in ein und derselben Rede Freude und Trauer zum Ausdruck bringen müsste? Der 17. Juni ist ein denkwürdiger Tag der deutschen Freiheitsgeschichte. Aber er eignet sich nicht als Nationalfeiertag. Wollen wir denn wirklich, nachdem wir die Wiedervereinigung erlebt haben, jeden 17. Juni auf den Bildschirmen sehen, wie russische Panzer einen deutschen Arbeiteraufstand niederwalzen?

SPIEGEL ONLINE: Aber der Tag des Mauerfall 1989 war ein wirklicher Tag der Freude, der noch heute, in den Erzählungen vieler Menschen, Emotionen auslöst.

Winkler: Das war er in der Tat. Doch ist der 9. November historisch gesehen nur eine Zwischenetappe zur deutschen Einheit gewesen. Es bedurfte zäher Verhandlungen, eines Höchstmaßes an diplomatischem Geschick, um dahin zu kommen - eben zu jenem 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Standardwerk "Der lange Weg nach Westen" haben Sie die ablehnende Haltung vieler heutiger SPD- und Grünen-Politiker zur deutschen Einheit noch einmal dokumentiert. Ist es ein Ausdruck von Geschichtslosigkeit, dass ausgerechnet aus dieser Regierung dieser Vorschlag kommt?

Winkler: Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die die Verlegung dieses Feiertages betreiben, zu wenig über die historische Bedeutung des 3. Oktober nachgedacht haben. Das wäre dann in der Tat Ausdruck eines nicht sehr ausgeprägten Geschichtsbewußtseins.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Verlegung des Feiertages aber nicht auch ein nationaler und europäischer Akt? Schließlich soll dadurch ja die deutsche Wirtschaft angekurbelt werden, um einen Beitrag zur Einhaltung der EU-Stabilitätskriterien zu leisten?

Einheitsfeiern am 3. Oktober 1990 in Berlin: "Kein besserer Nationalfeiertag"
DPA

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Winkler: Über die Abschaffung von Feiertagen aus ökonomischen Gründen darf man natürlich nachdenken. Der Buß- und Bettag wurde ja in allen Bundesländern außer Sachsen gestrichen. Der Reformationstag ist etwa noch in dem nicht gerade als besonders "fromm" geltenden Brandenburg ein Feiertag. Man kann auch darüber diskutieren, ob der Pfingstmontag ein gesetzlicher Feiertag bleiben muß. Aber ein weltlicher Staat wie die Bundesrepublik Deutschland bedarf auch eines verbindenden weltlichen Feiertagssymbols. Und ich bleibe dabei: Als Historiker wüsste ich keinen besseren Nationalfeiertag als den 3. Oktober.

Das Interview führte Severin Weiland





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