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11. September 2018, 09:41 Uhr

DDR-Dissident zu Chemnitz

"In der Regierung sitzen Brandstifter"

Ein Interview von Felix Wellisch

Ehemalige DDR-Bürgerrechtler wehren sich gegen die Vereinnahmung der friedlichen Revolution durch "Pegida- oder AfD-Sympathisanten". Dem Historiker und DDR-Dissidenten Ilko-Sascha Kowalczuk reicht das nicht.

Rechtspopulisten und Rechtsradikale berufen sich bei Demonstrationen mit Vorliebe auf das Erbe der friedlichen Revolution von 1989. Dagegen haben sich bisher etwa 80 DDR-Bürgerrechtler in einer Erklärung zu Chemnitz verwehrt. Sie kritisieren darin jene, die "Straftaten instrumentalisieren für menschenverachtende oder demokratiefeindliche Propaganda". Aber sie zeigen auch Verständnis für die "große Mehrheit friedlich Trauernder".

Der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk kritisiert diese Erklärung, denn sie verliere sich in Allgemeinplätzen. Die Gruppe äußere sich nur, weil es um ihr Erbe gehe.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über fehlende Anerkennung für DDR-Bürgerrechtler, Versäumnisse der Politik und darüber, was 1989 von 2018 unterscheidet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kowalczuk, Sie wurden in der DDR unter Druck gesetzt, weil Sie sich mit 15 Jahren weigerten, später Offizier in der Nationalen Volksarmee zu werden. Einige frühere DDR-Dissidenten und Bürgerrechtler unterstützen heute Pegida und die AfD. Zieht es sie auch auf die Straße?

Kowalczuk: Auf gar keinen Fall, höchstens auf die antirassistischen Gegendemonstrationen. Aber bezogen auf die Bürgerrechtsbewegung der DDR sieht man, dass das eben kein homogener Block war. Man hatte den gleichen Gegner, aber die Leute hatten sehr unterschiedliche Ziele und Vorstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Zusammenhang, damals Bürgerrechtler gewesen zu sein und jetzt für die AfD zu kämpfen? Oder ist das Zufall?

Kowalczuk: Das Stichwort ist Anerkennung. Wenn man sieht, dass die Öffentlichkeit sich nach 1990 immer mehr um Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht gekümmert hat, als um die früheren Opfer des SED-Regimes oder die Bürgerrechtler - dann fehlt diese Anerkennung. Die Bürgerrechtler waren nur für Sonntagsreden gut und daraus entsteht Frust. Allerdings würde ich davor warnen, diese Menschen durch eine Schablone zu betrachten. Da muss man sich jeden einzelnen Fall anschauen. Und man muss vor allem sehen: Die große Masse der DDR-Dissidenten ist eben nicht zu den Rechtspopulisten gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Etwa 80 frühere DDR-Bürgerrechtler haben gerade eine "Gemeinsame Erklärung zu Chemnitz" veröffentlicht. Darin verurteilen sie die Instrumentalisierung des "mutmaßlichen Mords von Chemnitz", äußern aber auch Verständnis für "die große Mehrheit der friedlich Trauernden" ...

Kowalczuk: Gut ist, dass es überhaupt etwas aus dieser Ecke gibt. Aber anhand dieser Erklärung sieht man auch das Problem einer so diversen Gruppe, wenn sie versucht, ein Konsenspapier zu schreiben. Die Erklärung hat eigentlich keine Botschaft. Sie verliert sich in Allgemeinplätzen. Eigentlich äußert sich diese Gruppe nur, weil sie versucht ihr Erbe zu retten. Leider ist das ein Reflex, den wir kennen, dass sich viele DDR-Bürgerrechtler nur dann äußern, wenn es um sie selbst geht.

SPIEGEL ONLINE: Pegida-Anhänger stellen Sachsen gerne als Motor für Veränderung dar, 1989 begann in Leipzig die friedliche Revolution, 2014 war Dresden der Geburtsort von Pegida. Ist da was dran?

Kowalczuk: Wenn man sich Bayern anschaut, Baden, die Nordseeküste, überall würden die Leute darauf beharren, dass sie etwas ganz Besonderes sind. Aber da bin ich ganz Historiker. Ich schaue auf soziale und kulturelle langfristige Entwicklungen. Und da sehe ich keine großen Unterschiede zwischen Sachsen und anderen Regionen in Ostdeutschland. Es geht eher um Anerkennung. Jeder zweite Ostdeutsche fühlt sich als "Deutscher zweiter Klasse". Das schlägt irgendwann in Verzweiflung und Wut um.

SPIEGEL ONLINE: Warum also Sachsen?

Kowalczuk: Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat jahrelang den Rechtsextremismus im Land heruntergespielt. Und jetzt hat nach dem sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer auch Bundesinnenminister Seehofer Verständnis für die Proteste in Chemnitz geäußert und gesagt, die Migrationsfrage sei "die Mutter aller Probleme". Das zeigt für mich: In der Regierung sitzen Brandstifter.

SPIEGEL ONLINE: Warum verfängt das?

Kowalczuk: Weil es in Deutschland und Europa ein Rassismusproblem gibt. Damit meine ich nicht, dass ein paar Menschen Vorurteile gegen "Ausländer" haben. Ich spreche von Rassismus als Herrschaftsideologie, ähnlich wie Nationalismus und Antisemitismus. Das ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, das steckt tief in unserer Gesellschaft. Das lässt sich verstecken, solange es keine Probleme gibt. Aber wenn sich Gruppen ausgegrenzt fühlen, wird das sichtbar. Dann ist es auch egal, dass die "Feinde" real gar nicht existieren. Sachsen gehört zu den Bundesländern mit dem geringsten Ausländeranteil. Gerade weil "der Feind" nicht da ist, kann man ihm alles Mögliche zuschreiben. Und passiert dann ein Einzelfall, bestätigt der die Annahmen. Deswegen ist es Blödsinn, dass die Migrationsfrage die Mutter aller Probleme sein soll. Was Seehofer und Kretschmer von sich geben, halte ich für unverantwortlich. Das stachelt das alles an. Sie lassen sich von den Rechtsextremen die Themen aufdrängen, dabei hätten wir viel wichtigere Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keinerlei Parallelen zwischen 1989 und heute?

Kowalczuk: Nein, ich sehe da aus historischer Sicht keine Parallelen. Auf Slogans wie "Wir sind das Volk" hat keiner ein Copyright, das ist ein Slogan aus dem Vormärz, der Revolution von 1848. Dafür gibt es grundsätzliche Unterschiede. Etwa, dass die DDR eine Diktatur war, abgeschlossen durch eine Mauer an der man erschossen wurde, wenn man raus wollte. Und der wichtigste Unterschied ist, dass diese Sympathisanten nicht wissen, was für eine Veränderung sie wollen. Sie können sich darauf einigen, dass die "Ausländer" weg müssen. Aber was dann? Die Demonstranten 1989 waren keine homogene Gruppe, aber sie waren sich darin einig, dass sie Demokratie, Freiheit und den Rechtsstaat wollten.

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