DDR-Dissident zu Chemnitz "In der Regierung sitzen Brandstifter"

Ehemalige DDR-Bürgerrechtler wehren sich gegen die Vereinnahmung der friedlichen Revolution durch "Pegida- oder AfD-Sympathisanten". Dem Historiker und DDR-Dissidenten Ilko-Sascha Kowalczuk reicht das nicht.

"Pro Chemnitz" Demonstration am 7. September 2018
AFP

"Pro Chemnitz" Demonstration am 7. September 2018

Ein Interview von Felix Wellisch


Rechtspopulisten und Rechtsradikale berufen sich bei Demonstrationen mit Vorliebe auf das Erbe der friedlichen Revolution von 1989. Dagegen haben sich bisher etwa 80 DDR-Bürgerrechtler in einer Erklärung zu Chemnitz verwehrt. Sie kritisieren darin jene, die "Straftaten instrumentalisieren für menschenverachtende oder demokratiefeindliche Propaganda". Aber sie zeigen auch Verständnis für die "große Mehrheit friedlich Trauernder".

Der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk kritisiert diese Erklärung, denn sie verliere sich in Allgemeinplätzen. Die Gruppe äußere sich nur, weil es um ihr Erbe gehe.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über fehlende Anerkennung für DDR-Bürgerrechtler, Versäumnisse der Politik und darüber, was 1989 von 2018 unterscheidet.

Zur Person
  • imago/Agentur Baganz
    Ilko Sascha Kowalczuk, geboren 1967 in Ostberlin, ist Historiker und Projektleiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Er absolvierte in der DDR eine Lehre zum Baufacharbeiter, nachdem ihm ein Studium verwehrt worden war. Nach der Wiedervereinigung studierte er Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kowalczuk, Sie wurden in der DDR unter Druck gesetzt, weil Sie sich mit 15 Jahren weigerten, später Offizier in der Nationalen Volksarmee zu werden. Einige frühere DDR-Dissidenten und Bürgerrechtler unterstützen heute Pegida und die AfD. Zieht es sie auch auf die Straße?

Kowalczuk: Auf gar keinen Fall, höchstens auf die antirassistischen Gegendemonstrationen. Aber bezogen auf die Bürgerrechtsbewegung der DDR sieht man, dass das eben kein homogener Block war. Man hatte den gleichen Gegner, aber die Leute hatten sehr unterschiedliche Ziele und Vorstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Zusammenhang, damals Bürgerrechtler gewesen zu sein und jetzt für die AfD zu kämpfen? Oder ist das Zufall?

Kowalczuk: Das Stichwort ist Anerkennung. Wenn man sieht, dass die Öffentlichkeit sich nach 1990 immer mehr um Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht gekümmert hat, als um die früheren Opfer des SED-Regimes oder die Bürgerrechtler - dann fehlt diese Anerkennung. Die Bürgerrechtler waren nur für Sonntagsreden gut und daraus entsteht Frust. Allerdings würde ich davor warnen, diese Menschen durch eine Schablone zu betrachten. Da muss man sich jeden einzelnen Fall anschauen. Und man muss vor allem sehen: Die große Masse der DDR-Dissidenten ist eben nicht zu den Rechtspopulisten gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Etwa 80 frühere DDR-Bürgerrechtler haben gerade eine "Gemeinsame Erklärung zu Chemnitz" veröffentlicht. Darin verurteilen sie die Instrumentalisierung des "mutmaßlichen Mords von Chemnitz", äußern aber auch Verständnis für "die große Mehrheit der friedlich Trauernden" ...

Kowalczuk: Gut ist, dass es überhaupt etwas aus dieser Ecke gibt. Aber anhand dieser Erklärung sieht man auch das Problem einer so diversen Gruppe, wenn sie versucht, ein Konsenspapier zu schreiben. Die Erklärung hat eigentlich keine Botschaft. Sie verliert sich in Allgemeinplätzen. Eigentlich äußert sich diese Gruppe nur, weil sie versucht ihr Erbe zu retten. Leider ist das ein Reflex, den wir kennen, dass sich viele DDR-Bürgerrechtler nur dann äußern, wenn es um sie selbst geht.

SPIEGEL ONLINE: Pegida-Anhänger stellen Sachsen gerne als Motor für Veränderung dar, 1989 begann in Leipzig die friedliche Revolution, 2014 war Dresden der Geburtsort von Pegida. Ist da was dran?

Kowalczuk: Wenn man sich Bayern anschaut, Baden, die Nordseeküste, überall würden die Leute darauf beharren, dass sie etwas ganz Besonderes sind. Aber da bin ich ganz Historiker. Ich schaue auf soziale und kulturelle langfristige Entwicklungen. Und da sehe ich keine großen Unterschiede zwischen Sachsen und anderen Regionen in Ostdeutschland. Es geht eher um Anerkennung. Jeder zweite Ostdeutsche fühlt sich als "Deutscher zweiter Klasse". Das schlägt irgendwann in Verzweiflung und Wut um.

SPIEGEL ONLINE: Warum also Sachsen?

Kowalczuk: Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat jahrelang den Rechtsextremismus im Land heruntergespielt. Und jetzt hat nach dem sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer auch Bundesinnenminister Seehofer Verständnis für die Proteste in Chemnitz geäußert und gesagt, die Migrationsfrage sei "die Mutter aller Probleme". Das zeigt für mich: In der Regierung sitzen Brandstifter.

SPIEGEL ONLINE: Warum verfängt das?

Kowalczuk: Weil es in Deutschland und Europa ein Rassismusproblem gibt. Damit meine ich nicht, dass ein paar Menschen Vorurteile gegen "Ausländer" haben. Ich spreche von Rassismus als Herrschaftsideologie, ähnlich wie Nationalismus und Antisemitismus. Das ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, das steckt tief in unserer Gesellschaft. Das lässt sich verstecken, solange es keine Probleme gibt. Aber wenn sich Gruppen ausgegrenzt fühlen, wird das sichtbar. Dann ist es auch egal, dass die "Feinde" real gar nicht existieren. Sachsen gehört zu den Bundesländern mit dem geringsten Ausländeranteil. Gerade weil "der Feind" nicht da ist, kann man ihm alles Mögliche zuschreiben. Und passiert dann ein Einzelfall, bestätigt der die Annahmen. Deswegen ist es Blödsinn, dass die Migrationsfrage die Mutter aller Probleme sein soll. Was Seehofer und Kretschmer von sich geben, halte ich für unverantwortlich. Das stachelt das alles an. Sie lassen sich von den Rechtsextremen die Themen aufdrängen, dabei hätten wir viel wichtigere Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keinerlei Parallelen zwischen 1989 und heute?

Kowalczuk: Nein, ich sehe da aus historischer Sicht keine Parallelen. Auf Slogans wie "Wir sind das Volk" hat keiner ein Copyright, das ist ein Slogan aus dem Vormärz, der Revolution von 1848. Dafür gibt es grundsätzliche Unterschiede. Etwa, dass die DDR eine Diktatur war, abgeschlossen durch eine Mauer an der man erschossen wurde, wenn man raus wollte. Und der wichtigste Unterschied ist, dass diese Sympathisanten nicht wissen, was für eine Veränderung sie wollen. Sie können sich darauf einigen, dass die "Ausländer" weg müssen. Aber was dann? Die Demonstranten 1989 waren keine homogene Gruppe, aber sie waren sich darin einig, dass sie Demokratie, Freiheit und den Rechtsstaat wollten.



insgesamt 162 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
charlie95 11.09.2018
1. Eine schöne Illusion ....
"Die Demonstranten 1989 waren keine homogene Gruppe, aber sie waren sich darin einig, dass sie Demokratie, Freiheit und den Rechtsstaat wollten." Ich behaupte: min 80% wollten " Marlboro, GolfGTI und Videorecorder...".
Lobhudel 11.09.2018
2. Neufünfland magst ruhig bleiben...
Neufünfland magst ruhig bleiben... Endlich mal jemand, der die Helden-Epen und den Opfer-Mythos unserer fast demokratisierten Brüder und Schwestern z. B. in Sachsen mal ins rechte Licht rückt.
harlekin307 11.09.2018
3. Mehr davon
Ein richtiger,guter Beitrag! Ein Gruseln befällt mich,wenn ich die Politikerstatements der letzten zwei Jahre Revue passieren lasse. Lernt man aus Geschichte doch nichts oder sind wir zur Wiederholung verdammt? Reflexartiges Verneinen reicht nicht mehr...
whitewisent 11.09.2018
4.
Es rächt sich nun der historische Irrtum etlicher Bürgerrechtler, daß Sie ihre Ziele, Ideen und Maßstäbe auf die gesamte Revolution übertragen haben. Dabei brachte die Revolution eben nicht nur die Ost-SPD und das Bündnis 90 hervor (die eine DDR 2.0 wolten), sondern auch Parteien wie den Demokratischen Aufbruch und vor allem in Sachsen die DSR, bestenfalls als "wertkonservativ" zu bezeichen. Wer jedoch glaubte, das überzeugte Antikommunisten perfekte Bundesdemokraten abgeben, hat schon damals die Augen verschlossen. Genauso eben, wie nicht jeder Bautzenhäftling ein Widerstandskämpfer war, sondern häufig eher vom Regime als Gegner betrachtet wurde, als selbst aktiv zu sein.. Darum haben die heute Demonstrierenden das gleiche Recht, sich in der Tradition der Bürgerproteste von damals zu sehen. Und der sprung von links- wie rechtskonservativ zur AfD fällt Linken wie CDUlern besonders leicht,
marsman 11.09.2018
5. Stimmvieh
"Das Volk" lässt sich bereitwillig von den Rechten als Stimmvieh mobilisieren. Da reicht bei vielen der Spruch "Ausländer raus" und die geben denen die Stimme. Der Osten hätte eine riesige Chance von der guten Auftragslage zu profitieren, denn im Westen gehen Platz, Arbeitskräfte und Wohnraum zu Neige, und die Infrastruktur ist im Osten besser. Aber wenn das Nazi-Image erst einmal da ist, will da keine Fachkraft mehr hin - und ohne Fachkräfte wird es auch keine "einfachen" Jobs geben, so einfach ist das. "Das Volk" fällt auf die widerwärtigen Rattenfänger rein und verbaut sich selbst seine Chance.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.