Polizei bei Kölner Hooligan-Krawall Überrumpelt, überfordert, unterlegen

Im Oktober randalierten Hooligans in Köln, die Polizei wirkte hilflos. In einer Einsatz-Analyse kommt das NRW-Innenministerium zu einem skurrilen Ergebnis: Man sei zwar überrannt worden - habe die Gefahr aber richtig eingeschätzt.

Hogesa-Demo in Köln: "Exzessive, nicht vorhersehbare Gewaltanwendung"
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Hogesa-Demo in Köln: "Exzessive, nicht vorhersehbare Gewaltanwendung"

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Düsseldorf/Hannover - Die Hooligans, die am vergangenen Samstag zur Demonstration nach Hannover gepilgert waren, langweilten sich. Auf der Bühne stand ein Mann und las vor. Es ging um die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, um die Berichterstattung der Presse, um die angeblich ungerechte Behandlung der "Hooligans gegen Salafisten" (Hogesa). Viel theoretisches Kleinklein, zudem war die Akustik mies, immer wieder fielen Mikrofon oder Lautsprecher aus.

In kleineren Gruppen standen die größtenteils rechten Hooligans vor der improvisierten Bühne, die Kälte setzte ihnen zu. Sie schauten hinüber zum nahen Supermarkt. "Da gibt's doch Bier", sagte einer, ein anderer erwiderte: "Die Bullen lassen uns doch hier nicht raus, keine Chance."

Das hatte am 26. Oktober in Köln noch ganz anders ausgesehen. Damals attackierten sturzbetrunkene, enthemmte Hooligans Passanten, Journalisten und Polizisten. Um eine solche Eskalation zu verhindern, galten in Hannover strikte Verbote: Die Ordnungskräfte durchsuchten bereits an den Zugängen zum Demonstrationsort jeden Rucksack der "Hogesa"-Teilnehmer. Alkohol musste abgegeben werden. Wer den rigoros abgesperrten Platz einmal betrat, wurde nicht wieder herausgelassen.

Insgesamt setzte die Polizei in Hannover knapp über 5000 Einsatzkräfte gegen die 3000 "Hogesa"-Teilnehmer und über 6500 Gegendemonstranten ein. Acht Wasserwerfer, drei Räumfahrzeuge, strikte Trennung der Parteien - es gab eine klare Strategie. Selbst die Anreisewege nach Hannover wurden kontrolliert, auffällige Autos herausgewunken. Die Folge: ein vergleichsweise ruhiger Samstag.

"Exzessive, nicht vorhersehbare Gewaltanwendung"

In Köln wiederum war der Einsatz gegen "Hogesa" aus dem Ruder gelaufen. Ergebnis waren 45 verletzte Polizisten, wilde Ausschreitungen in der Innenstadt und ein Sachschaden von 40.000 Euro. Zu diesem Ergebnis kommt das nordrhein-westfälische Innenministerium jetzt in einem Bericht für den Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags.

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Hooligan-Demo in der Innenstadt: Ausschreitungen in Köln
Das 14-seitige Papier analysiert den Großeinsatz von Ende Oktober und versucht dabei einen erstaunlichen Spagat: Auf der einen Seite will die Polizei die Kundgebung rechter Hooligans in Größe und Gefährlichkeit richtig eingeschätzt haben, auf der anderen Seite gleichwohl von der Brutalität der Schläger überrascht worden sein. Die Lage in Köln, so wird es Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Donnerstag den Abgeordneten vortragen, sei "durch exzessive, teils eruptive und nicht vorhersehbare Gewaltanwendung gegenüber Polizeibeamten geprägt" gewesen. Grundsätzlich erscheine der Kräfteansatz von 1300 Beamten als angemessen.

Gleichwohl haben erfahrene Polizeiführer Zweifel an der Taktik. Die drängenden Fragen sind demnach: Warum gab es keine Vorkontrollen? Warum wurde der Platz nicht abgesperrt? Warum wurde das Alkoholverbot nicht durchgesetzt? Warum wurden keine Spezialkräfte herangeführt? Und warum wurden insgesamt so wenig Beamte angefordert, obwohl man doch angeblich von 4000 Störern ausging?

Einer der in Köln eingesetzten Polizisten kann sich ebenfalls nicht erklären, weshalb die eingekesselten Hooligans entlassen wurden, ohne dass ihre Personalien aufgenommen wurden. Sein Fazit: "Die Polizei in NRW muss lernen, mit dieser Gewalt umzugehen."

Die schärfste Waffe der Beamten ist Kommunikation

Die nordrhein-westfälische Bereitschaftspolizei gilt im bundesweiten Vergleich als besonders zurückhaltend, fast schon zaghaft im Umgang mit Krawallmachern. Die sogenannte "NRW-Linie" erklärt Deeskalation und Kommunikation zu den schärfsten Waffen der Beamten, der Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray wird alles andere als gern gesehen. Insofern ist es bemerkenswert, dass in Köln vier Wasserwerfer aufgeboten worden waren - denn die stehen an Rhein und Ruhr zumeist in ihren Garagen.

Merkwürdig jedoch erscheint der Umstand, dass in dem drei Tage vor der Hogesa-Demo in Köln erstellten Einsatzbefehl der Polizei noch immer von 1500 erwarteten Versammlungsteilnehmern die Rede war. Nach Darstellung des Innenministers wollen die Sicherheitskräfte zu diesem Zeitpunkt bereits mit 4000 Protestlern gerechnet haben. Dieser Widerspruch sei "Gegenstand der Einsatznachbereitung", heißt es in dem Bericht für den Innenausschuss.

Der Messerangriff eines Hooligans auf Polizisten, den der SPIEGEL öffentlich gemacht hatte, und die darauffolgende Drohung der Beamten, auf den Mann zu schießen, tauchen in dem Bericht für das Parlament indes nicht auf. Dort ist nur von einer "direkten Konfrontationssuche" der Rowdys die Rede.

Dennoch hat die Politik auf die hässlichen Bilder aus Köln endlich reagiert. Im Düsseldorfer Landeskriminalamt richtete man eine Analysestelle ein, die die Erkenntnislage zu Hogesa-Rädelsführern und -Strukturen verbessern soll, wie es in dem Papier heißt. Darüber hinaus wurde eine Bund-Länder-Projektgruppe eingesetzt. Deren Ziel soll sein, ein bundesweites Vorgehen gegen die rechten Hooligans zu ermöglichen.

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