Hohlmeier-Rücktritt Der Strauß-Clan - Verfall einer Familie

Hat Ministerpräsident Stoiber seine Beißhemmung zuletzt doch überwunden, oder hat Kultusministerin Hohlmeier selbst die Unausweichlichkeit ihres Abgangs gesehen? In München ist jetzt einer der längsten Rücktritte der bayerischen Geschichte zu Ende gegangen - und mit ihm die Ära Strauß.

Von Dominik Baur


Hohlmeier bei ihrer Rücktrittserklärung: "Mischung aus offenkundigen Lügen und eiskalter Chuzpe"
DDP

Hohlmeier bei ihrer Rücktrittserklärung: "Mischung aus offenkundigen Lügen und eiskalter Chuzpe"

Hamburg - Sie kam mit einem Lächeln auf den Lippen, aber beim Verlesen ihrer Erklärung versagte ihr dann doch fast die Stimme: Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier hat am Nachmittag nach einem Gespräch mit Ministerpräsident Edmund Stoiber ihren Rücktritt bekannt gegeben. Stoiber habe sie nicht zu diesem Schritt gedrängt, behauptete Hohlmeier; "eine ganz persönliche Entscheidung" sei es gewesen. Der Grund: Die Berichterstattung über den Untersuchungsausschuss zum "Moni-Gate" und die Wiederholung angeblich falscher Vorwürfe beeinträchtige ihre Arbeit. "Ich möchte weder dem Amt noch der Bildungspolitik schaden." Drei Minuten dauerte die Erklärung, und weg war die Ministerin. Und weg wird sie künftig auch bleiben.

Der Name des Vaters hatte zu guter Letzt also nichts mehr geholfen. Vor knapp einem Jahr waren von Seiten der Opposition die ersten Rücktrittsforderungen gegen die Tochter des langjährigen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß laut geworden. Doch hartnäckig hielt sich Hohlmeier bis gestern auf ihrem Posten. Ausschlaggebend für den Rücktritt war schließlich Hohlmeiers ungeklärte Rolle in der Wahlfälschungsaffäre der Münchner CSU, deren Vorsitzende sie bis zum vergangenen Sommer für knapp ein Jahr war.

Strauß bei einer Anhörung zur SPIEGEL-Affäre im Bundestag (1962): Der CSU-Chef stand über seinen Affären
AP

Strauß bei einer Anhörung zur SPIEGEL-Affäre im Bundestag (1962): Der CSU-Chef stand über seinen Affären

Ob ihre Rolle dabei je endgültig geklärt werden wird, ist fraglich. Doch ihre Unschuld nimmt der Strauß-Tochter in der CSU niemand mehr ab. Erst hatte sie es nur mit dem Vorwurf der Mitwisserschaft zu tun, gestern dann zeichnete ein Zeuge im Untersuchungsausschuss von Hohlmeier das Bild der "Dirigentin der gesamten Operation". Kronzeuge Maximilian Junker war zwar selbst in die Affäre um gefälschte Mitgliedsanträge und gekaufte Mitglieder tief verstrickt, die Staatsanwälte bescheinigten ihm jedoch Glaubwürdigkeit. "Das hatte alles eine Befehlsstruktur", sagte Junker. "Jedem war bekannt, wer ganz oben ist: Frau Hohlmeier."

Sie konnte Bierzelte füllen

Zudem war es nicht nur der Vorwurf der betriebenen oder geduldeten Wahlfälschung, der Hohlmeier zu schaffen machte. Im Laufe des vergangenen Jahres kamen immer neue Affären dazu: Da wurde der Ministerin vorgehalten, sie habe während ihrer Zeit als Münchner CSU-Chefin Ministeriumsangestellte für Parteiaufgaben eingesetzt. Später hieß es, ihr Ministerium haben den Erweiterungsbau einer Sehbehindertenschule in einem Münchner Vorort finanziert, während andere Lehranstalten dem Sparkurs zum Opfer fielen. Pikant daran: In der Schule wurde für den Gatten der Ministerin eine Stelle geschaffen.

Ministerin Hohlmeier, Kabinettschef Stoiber: Beißhemmung des Ziehsohns
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Ministerin Hohlmeier, Kabinettschef Stoiber: Beißhemmung des Ziehsohns

Endgültig mit ihren Münchner Parteifreunden hat sie es sich mit der Dossier-Affäre verscherzt: Als sie der Bezirksvorstand wegen der Wahlfälschungsvorwürfe zur Rede stellte, legte die Ministerin einen blaugrünen Schnellhefter auf den Tisch. "Gegen jeden von euch gibt es was", soll Hohlmeier acht übereinstimmenden Zeugenaussagen zufolge gedroht haben.

Nicht selten wurde die Ministerin als mögliche Anwärterin für die Stoiber-Nachfolge gehandelt, sollte dieser einmal nach Berlin oder in den Ruhestand gehen. Im Freundeskreis soll sie selbst sogar über eine derartige Karriere orakelt haben. Und zweifelsohne: Monika Hohlmeier hatte politisches Talent. Sie konnte Bierzelte füllen, und die Leute in der bayerischen Provinz fühlten sich bei ihr gut aufgehoben. Als sie Stoiber 1993 als jüngstes Kabinettsmitglied der bayerischen Nachkriegsgeschichte zur Staatssekretärin im Kultusministerium machte, nahm sie die Partei schnell für sich ein. Auch den Regierungschef überzeugte sie von ihren Qualitäten: 1998 übergab er ihr als Ministerin eine Hälfte des nun geteilten Ministeriums. Bei der letzten Wahl 2003 gelingt ihr zu ihrer eigenen Überraschung sogar, dem im eigenen Münchner Wahlkreis sehr beliebten SPD-Spitzenkandidaten Franz Maget sein Direktmandat abzunehmen.

Dem Vater, einer der umstrittensten und zugleich prägendsten politischen Gestalten der Bundesrepublik, konnte freilich auch die hoffnungsfrohe Jungpolitikerin das Wasser nicht reichen. Immerhin: Dass es so lange gedauert hat, dass Stoiber seine Schulministerin nicht von sich aus gefeuert hat, führen viele Beobachter auf deren Herkunft zurück. Für gewöhnlich geht der Ministerpräsident mit unliebsamen Kabinettsmitgliedern anders um, wie die Beispiele Alfred Sauter (geschasst im September 1999) und Barbara Stamm (geschasst im Januar 2001) gezeigt haben.

Max und Monika wollten hoch hinaus

Aber zum einen steht Strauß' Ziehsohn Stoiber in dessen Schuld. Zum anderen kann man eine Tochter von FJS in Bayern nicht so einfach vor die Tür setzen - zumindest nicht, solange sie noch ein Minimum an Sympathie in der Bevölkerung genießt. So könnte Stoiber gewartet haben, bis auch dieses zuletzt deutlich bröckelte. Heute dann flossen nur noch wenige Krokodilstränen. Regierungschef Stoiber und Landtagspräsident Alois Glück würdigten die Entscheidung in einer "schwierigen menschlichen Situation" - und gingen zum Tagesgeschäft über.

Hohlmeier mit Ehemann und Vater im Fasching: Unverhoffte "First Lady"
AP

Hohlmeier mit Ehemann und Vater im Fasching: Unverhoffte "First Lady"

"Aus diesem Stoff sind große Tragödien", schrieb Ende vergangenen Jahres Günter von Lojewski für die Zeitschrift "Cicero" und verglich die Strauß-Saga mit Thomas Manns Roman "Buddenbrocks", der den "Verfall einer Familie" beschreibt. Die erste Tragödie ist der frühe Unfalltod von Marianne Strauß (1984), nach dem Tochter Monika bis zum Tod des Vaters die Rolle von Bayerns "First Lady" übernimmt. Ihm folgt der politische Niedergang der Familie.

Während sich Strauß-Sohn Georg aus der Politik raushielt, sahen Max Strauß und Monika Hohlmeier im Betätigungsfeld ihres Vaters auch ihre eigene Zukunft. Beide wollten hoch hinaus. Strauß junior zog es in den Bundestag - ein Wunsch, den der damalige CSU-Chef Theo Waigel zu vereiteln wusste. Stattdessen zog er dann kräftig in dem berüchtigten "Intrigantenstadl" der Münchner CSU seine Fäden, hielt alte Familienfreundschaften wie die zu dem dubiosen Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber aufrecht und endete schließlich vor Gericht. In Augsburg wurde er im vergangenen Juli wegen einer millionenschweren Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt.

Max Strauß vor Gericht: Alte Familienfreundschaften
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Max Strauß vor Gericht: Alte Familienfreundschaften

Ganz anders als der Bruder schien da zunächst Monika Hohlmeier. Sie galt geradezu als Lichtgestalt - auch wenn sie nach außen hin ihrem Bruder stets den Rücken stärkte. Doch immer mehr begann ihr Stern zu sinken, als ruchbar wurde, dass auch sie tief im Münchner Parteisumpf steckte. Lange Zeit versuchte sie, mit einer "Mischung aus offenkundigen Lügen und eiskalter Chuzpe" ("Süddeutsche Zeitung") ihre Haut zu retten. Doch die Vorwürfe waren zu groß, als dass man sie hätte aussitzen können. Heute nun wurde das politische Ende der Strauß-Dynastie besiegelt.

Die Strauß-Kinder trieben es bestimmt nicht bunter als ihr Vater, doch der stand über seinen Affären. Im Stoiber-Bayern geht das nicht mehr. "Unvergessen" ist eines der häufigsten Attribute für Franz Josef Strauß, Bayerns ersten frei gewählten Monarchen. Wie lange seine Sprösslinge ihren Landsleuten noch in Erinnerung bleiben werden, wird sich dagegen erst noch zeigen.



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