Hohmann-Rede Ex-CDU-Mann hetzt wieder

Der aus der CDU ausgeschlossene Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann hat sich mit einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit erneut zu Wort gemeldet. In seiner hessischen Basisgemeinde Neuhof wetterte er gegen Ausländer und die "politische Klasse".

Von David Costanzo, Neuhof


Martin Hohmann im Neuhofer Schützenhaus: "Katz und Maus spielen"
DDP

Martin Hohmann im Neuhofer Schützenhaus: "Katz und Maus spielen"

Neuhof bei Fulda ist eine Ortschaft, wie es wahrscheinlich hunderte in Deutschland gibt: Sie hat eine Aral- und eine Shell-Tankstelle, einen "Meister-Bäcker" und ein "Backparadies". Ein paar Kneipen, in denen sich die Menschen quer über die Tische unterhalten. Hier kennt jeder jeden. Die örtliche CDU trifft sich im "Deutschen Haus". Dann gibt es noch einen türkischen "Rosen Grill" und einen "Ankara-Döner". Darin steht einer der 12.000 Bürger Neuhofs und bestellt vier Döner. Dabei klagt er: "In Österreich haben die mit Kritik an den Juden nicht so ein Problem."

Am kommenden Sonntag ist Bürgermeisterwahl; dem Gegenkandidaten der amtierenden Unionsfrau haben sie auf den Plakaten einen Schnauzbart ins Gesicht gemalt. Die Bürger verehren ihren ehemaligen Bürgermeister, der 14 Jahre lang im Rathaus saß.

Martin Hohmann war der Bürgermeister, bis 1998. Dann haben sie ihn im Wahlkreis Fulda mit dem hessischen Rekordergebnis von 54 Prozent in den Bundestag gewählt. Die Unionsfraktion hat ihn am 14. November 2003 wieder rausgeworfen - mit 78 Prozent der Stimmen. Auch ein Rekordergebnis: Nie zuvor hat es einen Fraktionsausschluss eines CDU-Abgeordneten gegeben. Hohmann hatte "die Juden" im Zusammenhang mit dem Begriff "Tätervolk" genannt, letztes Jahr in Neuhof bei einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit, den er nur "Nationalfeiertag" nennt. Am 20. Juli hat ihn das Parteigericht auch aus der Union geworfen. Am gleichen Tag kündigte er an, wieder zum Tag der Deutschen Einheit in Neuhof zu reden.

Der Saal ist voll besetzt

Eine halbe Stunde vor seiner Rede schließen die vier Ordner die Türen zum Neuhofer Schützenhaus, zwei Polizisten postieren sich dahinter, andere davor. Die 150 Stühle sind besetzt, etwa 100 Menschen drängeln sich an den Wänden und in den Gängen, im letzten Jahr sollen gerade mal 120 Leute gekommen sein. Hinter dem Rednerpult haben sie eine Deutschland-Flagge an die Decke getackert, sie reicht bis zum Boden. Dann geht die Tür doch noch einmal auf, Familie Hohmann strahlt, die meist älteren Menschen springen aus den Stühlen, klatschen heftig, viele rufen "Bravo", und als der Applaus abzuebben droht, ruft einer: "Martin, Deutschland braucht Dich!". Dann klatschen sie noch lauter.

Der Bergmänner-Chor der Kali-Gemeinde Neuhof singt: "Die Gedanken sind frei".

Hohmann: Reger Zuspruch im Ort
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Hohmann: Reger Zuspruch im Ort

"Trotz der Verdoppelung von ausländischen Sozialhilfe-Empfängern sprechen unsere Politiker frei weg von Bereicherung Deutschlands durch Zuwanderung", sagt Hohmann. Bellendes Gelächter im Saal. "Die meisten Normalbürger sehen hier eine Entreicherung." Applaus. Verdoppelt habe sich die Zahl der Ausländer seit 1974, gesunken sei aber die Zahl der arbeitenden Ausländer. Selbst der in Syrien geborene Wissenschaftler Bassam Tibi halte die Zuwanderung für chaotisch, sagt Hohmann. Und die ganzen abzuschiebenden Ausländer erst, die nicht abgeschoben werden, weil sie "Katz und Maus spielen" mit den Behörden, und auch noch einen "monatlichen Scheck" erhalten. Gelächter. Aber wer wollte es den Ausländern verübeln, sagt er noch: "Der Vorwurf muss sich an die Politik richten."

Hohmann macht es wie im vergangenen Jahr: Polemisieren, fragwürdige Argumente verknüpfen, mit Zahlen um sich werfen, einen prominenten Kronzeugen liefern, fertig ist die populistische Soße. Aber die Rede nicht.

"Deutsche Größe bleibt bestehen"

Hohmann dreht die ganz großen Räder, zitiert eine preußische Militär-Anekdote von 1880, zitiert Schiller ("Deutsche Größe bleibt bestehen"), verlangt mehr direkte Demokratie, weil "das Volk" längst erwachsen sei, und gleich noch eine Volksabstimmung zum EU-Beitritt der Türkei. Umgehend spricht er sich gegen denselbigen aus - wegen der "kulturell grundstürzenden Verschiedenheit".

Dann attackiert Hohmann Verteidigungsminister Peter Struck. Der hatte Hohmanns Freund und Mitstreiter, Elite-General Reinhard Günzel, ohne Ehren aus der Bundeswehr entlassen und einen "verwirrten General" genannt. Günzel hatte Hohmann nach der Skandalrede vom vergangenen Jahr eine nette Botschaft auf Bundeswehr-Papier geschrieben.

Doch das Soldatengesetz, so doziert Hohmann, sehe die Entlassung nur "ohne Angaben von Gründen" vor. "Herr Minister, Sie handelten gesetzeswidrig, Sie haben die Entlassung mit verbalen Fußtritten garniert. Entschuldigen Sie sich öffentlich und in aller Form bei General Günzel!" Was Hohmann verschweigt: Er hat den General selbst auf dem Gewissen, denn er hatte Günzels Brief einem Reporter gezeigt.

Hohmann kommt zur Staatsverschuldung, prophezeit ein Leben "wie in den fünfziger Jahren" in Deutschland, wenn es so weitergehe - und an allem sei die "politische Klasse" schuld. Jene politische Klasse, der Hohmann selbst angehört. Er sitzt als Fraktionsloser immer noch im Bundestag, und er darf im Umweltausschuss zuhören. Stimmrecht hat er dort jedoch nicht. Seine letzte politische Leistung: Er hat sich für seinen Wahlkreis eingesetzt - beim Autobahnbau.

Dann zitiert er wieder Schiller, und alle stehen zum planmäßigen Absingen des Deutschlandliedes auf; einer, der nicht mitsingt, wird von einer älteren Frau angeblafft. So ist das hier in Neuhof, einer Ortschaft wie hunderte andere in Deutschland.

Nach der Rede gratulieren einige Dutzend Zuhörer dem "lieben Martin, toll gemacht". Einer wettert gegen "die Asylanten", Hohmann schaut ihn an, sagt nichts, nickt nicht, sagt überhaupt nichts, nur irgendwann: "Ach, da ist ja die Frau Müller!" Ein anderer fordert ihn auf, eine eigene Partei zu gründen. Hohmann wackelt unentschieden mit dem Kopf, sagt: "Besser die alten Parteien werden besser. Schauen wir mal."

Über seinen Einspruch gegen den Ausschluss aus der Union will das Bundesparteigericht in den kommenden Wochen entscheiden.



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