Hohmanns Rauswurf Ungebrochen ins Märtyrertum

Die Rechte bejubelt schon ihren Helden. In einschlägigen Kreisen ist der umstrittene CDU-Abgeordnete Hohmann längst kein Unbekannter mehr. In einem Buch etwa wird er in eine Reihe gestellt mit "Gutmenschen"-Opfern wie Kurt Waldheim, Steffen Heitmann und anderen, die wegen ihrer Gesinnung geschasst wurden.

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Soll schon bald nicht mehr bei Unions-Sitzungen teilnehmen: Martin Hohmann
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Soll schon bald nicht mehr bei Unions-Sitzungen teilnehmen: Martin Hohmann

Berlin - Lange haben sie um den heißen Brei geredet, das Für und Wider abgewogen, die Folgen bedacht. Doch irgendwann war CDU-Fraktionschef Friedrich Merz das Lavieren leid: "Hohmann ist doch ein Rechtsradikaler", platzte er in die CDU-Präsidiumsrunde, die vergangenen Montag unter Angela Merkels Führung im Konrad-Adenauer-Haus über ihr schwarzes Schaf beriet. Für einen kurzen Moment herrschte Ruhe. Doch keiner widersprach dem bekennenden Konservativen Merz in seiner Einschätzung über den Fraktionskollegen.

Eine gute Woche später ist Merz beherzter Ausbruch mehr oder weniger zum Allgemeingut in der Union geworden. Ebenso wie die Auffassung, dass erst die Rede Hohmanns am 3. Oktober ihn untragbar gemacht habe. Merz betont immer wieder, seine Einschätzung sei ganz spontan entstanden und nicht das Ergebnis eines langen Prozesses. Fraktionschef Wolfgang Bosbach attestierte Hohmann immer wieder eine bis zum Sündenfall weiße Weste.

Die einhellige Überraschung, die die CDUler zur Schau tragen, ist erstaunlich - wenn nicht gar scheinheilig. Gerade für Merz war die Rolle Hohmanns in national-konserativen bis rechts angehauchten Kreisen schon lange kein Geheimnis mehr. Immer wieder war der Top-Mann der Union auf den Rechtsausleger aus Neuhof aufmerksam gemacht worden. Und sicherlich nicht aus reiner Willkür bemühte sich Merz als Fraktionschef, den aufrechten Hessen immer wieder von den Rednerlisten des Bundestags streichen zu lassen. Auf Hohmanns kritische Meinung musste weder die Union noch die Öffentlichkeit deswegen verzichten. Statt im Plenum gab der Reservesoldat regelmäßig Interviews in rechten Zeitungen wie der "Jungen Freiheit".

"Gutmenschenopfer" Hohmann

Vielleicht hätten die Lenker der Union auch einfach den aktuellen Buchmarkt besser studieren sollen. In diesem Jahr nämlich erschien im Aton-Verlag der Titel "Stigmatisiert - der Terror der Gutmenschen" - ein Pamphlet mit langen Interviewpassagen von Hohmann. In dem Buch der beiden stramm-konservativen Publizisten Klaus Groth und Joachim Schäfer (Frage an Hohmann: "Ist die nationale Sprachlosigkeit mitverantwortlich für militanten deutschen Rassismus?") stellt sich der CDU-Politiker genau als das dar, was die Unionisten nun und angeblich ganz überraschend festgestellt haben wollen.

Wessen Geistes Kind Hohmann ist, muss aus den Zeilen nicht mühsam interpretiert werden. Er schwadroniert im Interview, dass im Falle einer EU-Aufnahme der Türkei Islamisten nach Deutschland in die ihnen "verhasste Kultur" kämen, um ihre Religion mit roher Gewalt einzuführen. Ausdrücklich lobt er auch seinen ehemaligen und "hervorragenden" Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz für die Erfindung des umstrittenen Wortes der "Leitkultur".

Wie in der Rede zum 3. Oktober kritisiert er dann, den Deutschen sei nach dem 2. Weltkrieg "jedes gesunde Nationalbewusstsein geraubt" worden. "Die Geschichte des deutschen Volkes wurde bewusst und mit Absicht auf die Zeit des Nationalsozialismus reduziert und die ewige Schuld postuliert", so Hohmann. Ohne Umschweife beschimpft Hohmann den jüdischen Intellektuellen Ralph Giordano als "unsäglichen Deutschenhasser", der jeden Patrioten in die rechte Ecke drängen wolle. Außenminister Joschka Fischer kanzelt er wegen dessen Steinewerfer-Vergangenheit als Kriminellen ab.

Wirklich beängstigend aber muss für die Union die aus dem Buch hervorgehende Verklärung Hohmanns und seiner Gesinnungsgenossen sein. "Ein dem Christentum verpflichteter Mahner und Warner", nennen ihn die Autoren und loben ihn für seinen "Mut zur historischen Wahrheit". Wie viele andere aber dränge ihn der "Terror der Gutmenschen" in die rechte Ecke, um ihn kaltzustellen. So sei Hohmann wegen seiner Kritik am Holocaust-Mahnmal in Berlin immer wieder als "unanständiger Deutscher" diffamiert worden, obwohl er doch immer nur die Wahrheit über das Mahnmal oder die viel zu devote Haltung der Deutschen nach der Nazi-Zeit gesagt habe, beklagen die Autoren.

Mafia der political correctness

Für ihre These vom "Terror der Gutmenschen" haben sie neben Martin Hohmann auch andere illustre Beispiele aus der Geschichte heran gezogen: den ehemaligen Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim, der wegen seiner Taten im Zweiten Weltkrieg gehen musste, oder den zeitweiligen und schließlich geschassten Unions-Kandidaten für das Bundespräsidentenamt, Steffen Heitmann. Wie Hohmann würden sie zu Unrecht und von einer mächtigen Mafia der political correctness an den Pranger gestellt, obwohl sie sich nichts vorzuwerfen hätten.

In der Union sollten die Zeilen Alarmglocken läuten lassen. Denn als geschasster Abgeordneter - sozusagen als ein von seiner demokratischen Partei ausgeschlossener Freidenker - könnte sich Hohmann von seinen Gesinnungskollegen besser denn je als Märtyrer feiern lassen. Nur zu gut passt der unfreiwillig Abgang aus dem Polit-Business in ein traditionelles Selbstbild dieser Kreise: Wer die Wahrheit mutig ausspricht und sich nicht einschüchtern lässt, so die krude Verschwörungstheorie, wird vom allzu links geprägten Polit-Betrieb hastig abgestraft und isoliert. Schnell könnte sich Hohmann so zum neuen Helden der selbsternannten Aufrechten stilisieren - und welche Bühne wäre wohl geeigneter als das langwierige Parteiausschlussverfahren.

Die ersten Anzeichen für diese Entwicklung sind schon nicht mehr zu übersehen. In langen Briefen lobte zum Beispiel der rechte Vordenker Horst Mahler Hohmann für dessen Erkenntnisse und seinen Mut. In den Foren der Uniontummeln sich Gleichgesinnte Hohmanns, die nach dem Rausschmiss das Ende der CDU als Heimat der Konservativen sehen. Für all diese könnte nun Hohmann eine Art Sprachrohr und Identifikationsfigur in einem werden. Im Nachhinein klingen auch Hohmanns Worte in dem vor dem Skandal erschienenen Buch nicht gerade beruhigend. "Kurs halten bleibt angesagt", antwortet er auf die Frage nach seiner Reaktion auf die Kritik an seinen Radikal-Thesen. Für die Union steht zu befürchten, dass dies auch für seine Zukunft außerhalb der Volkspartei gilt.



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