Ex-NPD-Chef Apfel auf Mallorca Wirtshaus zum netten Hetzer

Der frühere NPD-Chef Holger Apfel beginnt ein neues Leben als Gastwirt auf Mallorca. Als Auswanderer heißt der Rechtsextremist nun auch Linke und Ausländer willkommen. Meint er das ernst?

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Aus Palma de Mallorca berichtet


Es ist kurz nach elf, Holger Apfel zählt Geldscheine, und ruft: "Geschlossen! Wir machen erst um elf auf!" Ach so, doch schon so spät, ja, dann dürfe man sich gern zu ihm setzen. Apfels Gesicht glänzt, er hat einen leichten Sonnenbrand, seit drei Wochen lebt er auf Mallorca. Er sagt: "Es ist toll in Palma, die Stadt ist spannend und vielfältig."

Er lobt wirklich die Vielfalt, das internationale Flair - der Rechtsextremist, der Karriere gemacht hat als Hetzer gegen Ausländer und bis vor kurzem Vorsitzender der NPD war. Er liebe die Kultur und das Land. Apfel tritt jetzt raus in die Sonne, steht unter dem Ladenschild, das noch glänzt: "Maravillas Stube - Restaurant bei Jasmin & Holger". Apfel, 43 Jahre alt, hat den Laden vor zwei Wochen aufgemacht, seine Frau kommt bald nach, als Logo lacht ein niedlicher Wurm aus einem Apfel in Herzform. "Schön, oder?"

Einer der prominentesten Rechtsextremisten Deutschlands macht ein Lokal auf Mallorca auf und heißt "Linke und Menschen anderer Nationalitäten" ausdrücklich willkommen. Die Nachricht hat für Belustigung gesorgt, aber auch für ungläubiges Staunen. Und so stellen sich unter dem lachenden Apfelwurm ein paar grundsätzliche Fragen: Kann man sein Leben als langjähriger NPD-Spitzenfunktionär einfach hinter sich lassen? Kann ein Ausländerfeind im Ausland glücklich werden?

Apfel, erst im Dezember nach einer Schlammschlacht als NPD-Chef geschasst und aus der Partei ausgetreten, ist gut drauf. Sein Reich liegt nun an der Calle Marbella, einen Block vom Strand von El Arenal. Am Mittwochabend sitzt er mit drei Journalisten aus seiner letzten Heimat Sachsen bis Mitternacht am Tisch. Er genießt die Aufmerksamkeit, das Gelb seiner neuen Dienstkleidung leuchtet noch, die Füße baumeln locker aus Espadrilles-Schuhen.

Er lerne Spanisch, könne sich ohne Probleme auf dem Wochenmarkt verständigen. Alles, was er sagt, klingt harmlos.

"Ich bin fertig mit der Politik"

Hier lacht und scherzt derselbe Mensch, der mit 18 Jahren in die NPD eintrat, gern von Einwanderern als "arroganten Wohlstandsnegern" sprach, von "plündernden Zigeunerbanden" und dem "Alltagsterror sogenannter 'Migranten'". Sicher, Apfel war oft zurückhaltender als ganz offene Nazifans in der Partei, aber auch er machte Politik mit der offen rassistischen Beleidigung, mit Hetze gegen Ausländer, mit dem Jargon der Neonazis.

In seinem Restaurant erweckt Apfel den Eindruck, er habe das alles hinter sich gelassen. "Ich bin fertig mit der Politik", diesen Satz sagt er oft. Er habe auch keine deutsche Handynummer mehr.

Man sucht im Restaurant Anzeichen der rechten Gesinnung. Aber dort warten nur Calamares Aioli, Sangria mit Erdbeeren für 3 Euro 20. Hinter der Theke hängt neben Schnäpsen aus Apfels niedersächsischer Heimat ein Dortmund-Trikot in Kindergröße, aus dem Ausschnitt lugt eine rote Rose. Die Bedienung, eine Österreicherin mit jugoslawischen Wurzeln, lobt die "familiäre Atmosphäre" bei Jasmin & Holger. Aus den Boxen dröhnt "Schatzi, schenk mir ein Foto".

Mühe hat Apfel, wenn er die Widersprüche zwischen Hetze und Auswanderung auflösen will. Bei der "Vielfalt" sei das richtige Maß entscheidend, gegen unkontrollierte "Zuwanderung ins Sozialsystem" sei er immer noch. Integrieren will er sich nur halb, sagt er: Die Gesetze achten, aber keinem mallorquinischen Verein beitreten. Er sagt es in unbekümmerten Ton, wählt seine Worte aber mit Bedacht.

Ganz beiläufig redet er von "Hottentottenmusik"

Nur in wenigen Momenten bricht etwas durch, das zeigt, in welcher Organisation Apfel den Großteil seines Lebens verbracht hat. Beim Gespräch über Discos redet er ganz beiläufig von "Hottentottenmusik". Und spricht man einen der Gäste an, reagiert er ungehalten. Er droht mit Hausverbot - ein erprobtes Mittel gegen Journalisten auf zahlreichen NPD-Parteitagen.

Dass Apfel nun auf Mallorca ist, begeistert Apfel mehr als Mallorca. Die deutschsprachige "Mallorca Zeitung" widmet ihren Kommentar dem deutschen Einwanderer: "Man muss sich Sorgen machen, welche Leute Mallorca anzieht." Auch die spanischen Zeitungen berichten vom "Ex-Führer der deutschen Nazipartei".

Die spanischen Nachbarn sind skeptisch. Schmuckverkäuferin Ana hat den deutschen Einwanderer noch nicht getroffen, sagt aber: "Nazis aus Deutschland brauchen wir hier nicht." Sie sorgt sich, dass Skinheads auftauchen könnten, die dann mit den senegalischen Straßenverkäufern aneinandergeraten.

Eine Souvenirverkäuferin nebenan will nichts Schlechtes über den neuen Restaurantbetreiber sagen - sie hat Angst, dass es ihr das ohnehin schleppende Geschäft verhageln könnte. Kein Kommentar zum Deutschen, sagt sie, fragt am Ende aber doch: "Ist das ein guter Mensch oder ein böser?"

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