Gedenken an NS-Opfer im Bundestag "Die Menschenwürde ist verletzlich"

"Wie zerbrechlich die Freiheit, wie fragil die zivile Gesellschaft ist" - für Bundestagspräsident Schäuble ist das eine Lehre aus der NS-Zeit. 73 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz fand im Parlament eine Gedenkstunde statt.

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Der Bundestag hat am Mittwoch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. "Aus der Schuld, die Deutsche in den zwölf Jahren der NS-Diktatur auf sich geladen haben, wächst uns nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung zu", mahnte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Am vergangenen Samstag vor 73 Jahren hatte die Sowjetarmee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit.

Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland offizieller Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Um ihre Freiheit zu sichern, brauche eine Gesellschaft eine konsequente Haltung gegen jede Art der Ausgrenzung, bevor es zu spät sei, sagte Schäuble.

"Wie zerbrechlich die Freiheit, wie fragil die zivile Gesellschaft ist" - das sei die Lehre aus dem Nationalsozialismus, sagte Schäuble. "Die Menschenwürde ist verletzlich."

Der Bundestagspräsident kritisierte, dass der Mehrheit der Juden in Deutschland im Alltag Antisemitismus begegne. Dass Israelflaggen in Deutschland verbrannt werden, wie es zuletzt wieder geschehen sei, sei zudem inakzeptabel.

Schäuble sagte, Straftaten, die aus Hass begangen werden, hätten in Deutschland zuletzt zugenommen. Meist richteten sich diese laut Schäuble gegen Menschen, die anders aussehen oder anders sprechen. Es könne nicht sein, dass das einfach hingenommen oder sogar befürwortet wird.

Anita Lasker-Wallfisch
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Anita Lasker-Wallfisch

"Hass ist ein Gift und letztendlich vergiftet man sich selbst"

Die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch hielt die Hauptrede. Zum Thema Fremdenfeindlichkeit fand sie starke Worte: "Hass ist ein Gift. Und letztendlich vergiftet man sich selbst", sagte sie.

Lasker-Wallfisch gehört zu den letzten Überlebenden des sogenannten Mädchenorchesters von Auschwitz. Die Mitglieder mussten unter anderem für das Lagerpersonal spielen. Im Frühjahr 1945 wurde Lasker-Wallfisch gemeinsam mit ihrer Schwester Renate von britischen Truppen aus dem Lager Bergen-Belsen befreit. "Wer hätte gedacht, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden", sagte sie mit Bezug auf die Verbrennungsöfen des Lagers.

"Antisemitismus ist ein 2000 Jahre alter Virus, anscheinend unheilbar", sagte die 92-Jährige. Heute richte sich "der Hass oft nicht mehr gegen die Juden, sondern gegen die Israelis". Dabei fehle es häufig am Verständnis der Zusammenhänge. "Was für ein Skandal, dass jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten, polizeilich bewacht werden müssen."

Zur Erinnerungskultur sagte Lasker-Wallfisch, Schuldgefühle seien fehl am Platz. Aber es müsse in Deutschland eine Sicherheit geben, "dass so etwas nie wieder geschehen kann".

An der Veranstaltung nahmen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teil. Zu der Gedenkstunde kamen zudem junge Menschen aus Deutschland und seinen Nachbarländern, etwa Frankreich und Polen. Sie nehmen seit dem Wochenende an einer jährlichen Begegnung des Bundestages zum Tag des Gedenkens an die NS-Opfer teil.

cte/aev/AFP



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