Holocaust-Konferenz in Berlin Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft

Wie steht es um die Erinnerung an den Holocaust, welchen Einfluss haben Leugner der Schoah, was sind die neuen Formen des Antisemitismus? Diese Fragen stellte eine hochrangig besetzte Konferenz in Berlin. Sie fand nicht zufällig parallel zur Propaganda-Veranstaltung in Teheran statt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Zu Beginn seiner Karriere, vor fast vier Jahrzehnten, wollte kein Verlag seine Bücher drucken: "Man meinte entweder, man wisse schon alles über den Holocaust, oder dass solche Bücher nicht zu verkaufen seien", berichtete Raul Hilberg heute in Berlin auf der von der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) organisierten Konferenz "Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis", bei der SPIEGEL ONLINE sich als Medienpartner engagiert.

Nestor der Schoah-Forschung: Raul Hilberg
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Nestor der Schoah-Forschung: Raul Hilberg

Mittlerweile ist der 80-jährige Hilberg, emeritierter Professor der University of Vermont, freilich längst der international anerkannte Nestor der Schoah-Forschung. Sein eindringlicher Vortrag zur Geschichte dieser Unterdisziplin der Geschichtswissenschaft wurde mit viel Beifall aufgenommen. Hilberg selbst drückte seine Freude darüber aus, dass die Zahl der Erforscher der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden heutzutage erfreulich groß sei. Dass aber trotzdem weder die Leugnung des Holocaust und schon gar nicht der Antisemitismus des Alltags verschwunden sind - das war der Anlass für die Konferenz.

Es gehe darum, "einen differenzierten und engagierten Diskurs anzuregen," sagte bpb-Chef Thomas Krüger zur Einleitung. Dass die Tagung parallel zu einer vom iranischen Staatspräsidenten Ahmadinedschad herbeigewünschten Konferenz stattfand, deren Ziel nicht weniger als eben die Infragestellung des Holocausts ist, war kein Zufall. Aber auch nicht ihr einziger oder eigentlicher Zweck, wie Krüger betonte: "Wir haben keinen Grund, uns inhaltlich darauf zu beziehen", lautetet seine Botschaft nach Teheran. Auch die übrigen Vortragenden waren sich einig: Der islamistische Geschichtsrevisionismus a la Ahmadinedschad kann nicht Gesprächspartner, er kann nur Gegenstand der Antisemitismusforschung sein.

"Hier sind die Zahlen"

Deren Stand und Geschichte nachzuerzählen, war Aufgabe des ersten Redners, eben Raul Hilberg. Gestützt auf eine Vielzahl zeithistorischer Quellen zeichnete er nach, wie fließend die fanatische Idee der "Endlösung" entstand: "Keine wusste 1933, was 1938 passieren oder 1941 beschlossen würde. Es gab eine Richtung, aber kein Ziel." In diesem Sinne, so Hilberg, sei der Holocaust "selbstverständlich" gewesen - für die Gruppe der Ausführenden nämlich, die, wie es der in London lehrende Peter Longerich ausdrückte, "instinktiv verstanden, was die Führung wünschte." Am Ende von Hilbergs Vortrag klangen lange seine Schätzungen des quantitativen Ausmaßes des Unfassbaren nach: 800.000 ermordete Juden in den Ghettos, 1.400.000 Erschießungen, 2.900.000 Tote in den Lagern - neben anderen jüdischen Nazi-Opfern. "Es sind ja die Zahlen, die von den Leugnern in Zweifel gezogen werden. Aber hier sind sie", sagte Hilberg leise dazu.

Tröstlich ist da immerhin der zweite Konsens der wissenschaftlichen Erforscher des Zivilisationsbruchs: Dass "die Holocaustforschung nie in Gefahr war, sich von den Leugnern in absurde Debatten ziehen oder sich von ihnen die Agenda diktieren zu lassen", so Longerich. Er schlug vor, doch jährlich eine große, internationale Holocaust-Konferenz in Deutschland abzuhalten. Wenn der Beifall der hunderten Teilnehmer ein Maßstab ist, dann fiel die Idee auf fruchtbaren Boden.

Es war vor allem die Debatte über den aktuellen Antisemitismus in all seinen Ausprägungen, die die Konferenz prägte. Natan Sznaider vom Academic College in Tel Aviv lenkte den Blick auf die Ausgangsfragestellung nach der "Transnationalität des Gedenkens" und beklagte einen schleichenden Verlust der Trennschärfe: "Der Holocaust wurde zum Sinnbild der Barbarei, und jeder darf sich bedienen, denn in diesem Diskurs gibt es keine Deutschen und keine Juden." Sznaider bezog sich damit vor allem auf die "Falle der Universalität" und die "lokale Vereinnahmung" der Schoah, der aus seinem eigentlichen Kontext losgelöst wurde - mit der grotesken Folge, dass man "heute wegen Auschwitz gegen Israel sein kann". Dabei so Sznaider zu Beginn und zu Ende, "war die Endlösung kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern eines gegen die Juden."

Harald Welzer vom "Centre for Interdisciplinary Memory Research" in Essen bestätigte diesen Befund, indem er auf eigene Untersuchungen des Holocaust-Erinnerns im Ausland verwies. In Norwegen, in der Schweiz, in den Niederlanden: Wo immer Welzer und seine Kollegen Interviews führten, stellten sie fest, dass erschreckend viele Menschen den Holocaust zum Beispiel mit der aktuellen Nahost-Problematik in Verbindung bringen oder akut antisemitische Äußerungen machen.

Der deutschiranische Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani lieferte eine Einschätzung der antisemitischen und antiisraelischen Polemiken und Drohungen des iranischen Präsidenten: Dieser ziele nach Außen, so der Befund, und er gewinne mit dieser Agenda vor allem in der arabischen Welt tatsächlich an Unterstützung - während im Iran selbst ironischerweise in den verbliebenen intellektuellen Nischen der Holocaust als unbestrittenes Ereignis wieder mit neuer Verve diskutiert werde.

Anstieg des "nicht durchdachen Antisemitismus"

Wolfgang Benz vom "Zentrum für Antisemitismusforschung" in Berlin warnte mit Bezug auf Deutschland vor zunehmenden Versuchen von Rechtsextremisten, mit Tabubrüchen zu provozieren oder den Holocaust zu trivialisieren. Typisch seien dafür etwa Schmähungen des Holocaust-Mahnmals in Berlin als "Bundesschamanlage" oder die in NPD-Kreisen gängige Formulierung vom "Bombenholocaust von Dresden". Eine besondere Herausforderung sei überdies die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei - Tschechen, Polen, aber auch Migranten aus der islamischen Welt brächten "eine gewisse Erinnerungskonkurrenz" mit. Sein Fazit: "Betroffenheit darf von Zuwanderern ebenso wenig erwartet werden wie Schuld oder Scham. Die Annahme von Informationen dürfen sie aber nicht ablehnen."

Den Blick auf Antisemitimus und Holocaustleugnung in Frankreich lenkte Jean-Yves Camus vom "Institut de Relations Internationales et Stratégiques" in Paris: Hier würden die Mehrzahl antisemitischer Übergriffe von jungen Männern aus den Maghrebstatten begangen. Allerdings, so Camus, gebe es dafür weniger eine religiöse Grundlage als vielmehr die Aufwiegelung durch einseitige und zum Teil antisemitische Satellitensender. Diese Befunde bestätigte im Großen und Ganzen auch der Islamwissenschaftler Michael Kiefer für die junge Migrantengeneration in Deutschland: Die Zunahme an Antisemitismus in diesen Zirkeln habe mit Medien zu tun, sei aber "nicht durchdacht".

Es war eine Konferenz zur richtigen Zeit, mit dem richtigen Thema und wahrscheinlich auch am richtigen Ort: Das belegte nicht nur die außerordentlich hohe Zahl an interessierten Teilnehmern, die längst nicht alle Wissenschaftler waren. Die Antisemiten, so das Fazit der Veranstaltung, sind mitten unter uns und gewinnen an Boden. Das gibt Anlass zur Sorge. Die Leugner der millionenfaches Judenmordes allerdings bleiben nach wie vor eine radikale Minderheit.

Es gehe darum, so der Bundestagsabgeordnete Gert Weisskirchen, der zugleich Persönlicher Beauftragter des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung des Antisemitismus ist, "täglich den Kampf gegen den Gedächtnisverlust" zu führen. Im nächsten Jahr also wieder in Berlin?



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