Homophobie-Fall Wie Schwule eiskalt abserviert wurden

Mitten im schwulsten Kiez von Berlin macht ein Eisverkäufer Front gegen Homosexuelle und vertreibt küssende Pärchen vor seinem Laden. Die Szene wollte sich das nicht weiter gefallen lassen - und organisierte eine Demo.

Von und Zacharias Zacharakis


Auf ein Kommando von Schwester Aura Scorlea wird die gesamte Versammlung still. Hunderte Männer beginnen miteinander zu knutschen. Nur noch Küss-Geräusche sind zu hören. Dann ergreift die Schwester vom "Orden der Perpetuellen Indulgenz" wieder das Wort.

Schwule Demonstranten in Berlin: "Tuntensicherheit!"
DDP

Schwule Demonstranten in Berlin: "Tuntensicherheit!"

Die Ende der siebziger Jahre in San Francisco gegründete Gruppe schwuler Männer und Transvestiten fordert den "ewigen Straferlass" für die gleichgeschlechtliche Liebe - auch heute in Berlin-Schöneberg, wenige Meter entfernt vom U-Bahn-Hof Nollendorfplatz. Das Areal gilt seit Jahrzehnten als urbaner Anziehungspunkt der homosexuellen Szene.

"Wir stehen alle hier für den freundlichen Umgang mit Menschen, für Toleranz, Liebe und Zuneigung", predigt die Schwester, und die Menge jubelt. Aura Scorlea, mit ihrem blauen Bart, den Kirschohrringen und dem aus einem BH geschneiderten Schleier steht auf einer Bank direkt vor der Eisdiele "Dolce

do" in der Maaßenstraße.

Vor ihr haben sich etwa tausend überwiegend männliche Demonstranten versammelt. Alle wollen sie den Eismann, Paolo Savaris, sehen, der seit einiger Zeit homosexuelle Paare vor seinem Laden vertreibt. Es soll dabei auch schon zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

Kaltschnäuzige Beschimpfung

Am 25. April hatte ein junger Mann einen derartigen Vorfall der Polizei gemeldet. Kilian S., 22, stellte sich gemeinsam mit zwei Freunden in der Schlange vor der Eisdiele an. "Wir haben uns eine Perücke aufgesetzt und ein bisschen Spaß gemacht", erinnert sich S. im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Daraufhin sei der Besitzer auf sie zugekommen, um sie mit den Worten "Verpisst euch, ihr schwulen Säue" zu vertreiben.

S. informierte die Polizei per Handy. "Er war auf 180", sagt der junge Mann. "Während ich am Apparat sprach, holte er aus, um mir eine reinzuschlagen. Das Klatschen ist auch auf der Tonbandaufnahme bei der Polizei zu hören." S. erstattete daraufhin Anzeige wegen Nötigung und versuchter Körperverletzung.

Es war wohl kein Einzelfall. Der "Tagesspiegel" berichtete, am 3. Mai sei ein lesbisches Pärchen von dem Eismann verjagt worden. Eine Sprecherin der Berliner Polizei bestätigte SPIEGEL ONLINE die beiden Fälle: "Die sind bei uns aktenkundig."

Bastian Finke von der schwulen Opferberatung "Maneo" berichtet von weiteren Beschwerden über den Eisdielenbesitzer. "In den letzten Jahren haben wir insgesamt fünf Fälle bei uns registriert, in denen dieser Wirt gegenüber Schwulen und Lesben ausfällig und beleidigend geworden ist", erzählt er. "Aber erst die jüngsten Fälle haben in der Community zu erheblichen Dissonanzen geführt."

Mit den Waffeln des Humors

Von denen kann sich Eisverkäufer Savaris nun selbst überzeugen. Er steht hinter der Theke seines Geschäfts, als ein Kommando der "TunSi" anrückt - des Staatsministeriums für Tuntensicherheit, einer Berliner Aktivistengruppe. "Einmal Schokolade in der Waffel", sagt Agentin G. streng. "Überprüfung auf Tuntensicherheit!" Die fünf Transvestiten mit ihren mausgrauen Uniformen fordern den Besitzer auf, vor der Menge zu sprechen. Doch der zieht sich zunächst zurück in seinen Laden.

Der Fall ist inzwischen auch bei einer Berliner Behörde gelandet. Der Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Ekkehard Band, hat das bezirkliche Rechts- und Wirtschaftsamt um eine Stellungnahme gebeten. Er schließe gewerberechtliche Schritte nicht aus, sagte Band zu SPIEGEL ONLINE. Zudem wolle er den Wirt in der nächsten Woche aufsuchen, um ein persönliches Gespräch zu führen. "Sein Verhalten passt nicht so richtig in unseren Bezirk, aber vielleicht kann ich ja mit einem Gespräch für mehr Toleranz sorgen."

Tatsächlich war der Kiez südlich des Nollendorfplatzes schon in den zwanziger Jahren mit seinen zahlreichen Vergnügungslokalen und Etablissements ein Magnet für internationale, schwule Klientel. Der homosexuelle englische Schriftsteller Christopher Isherwood lebte von 1929 bis 1933 in der Nollendorfstraße 17, nur wenige Meter von der Eisdiele "Dolce Freddo" entfernt.

"Früher haben wir uns weggeduckt. Man durfte nicht zusammen tanzen oder sich küssen", berichtet Paul Seiler, Jahrgang 1936. Der leicht gebeugte Herr im eleganten Anzug wohnt seit den siebziger Jahren im Kiez und steht jetzt in der Menge vor der Eisdiele. "Das ist eine Art alltäglicher Faschismus. Deswegen bin ich heute hier."

Kuss und Stuss

Neben ihm halten sich zwei junge Männer in den Armen: Khan Raphelt, 29, und Parakash Galle, 36. "Wir sind das erste Paar, das Paolo hier verscheucht hat", sagen die beiden. Sie hätten sich im Mai 2007 vor dem Geschäft einen "Kuss auf die Wange" gegeben, woraufhin der Wirt sie verjagt habe. Während die beiden ihre Geschichte erzählen, wird es unter den Demonstranten unruhig. Begleitet von mehreren Polizisten verlässt Paolo Savaris doch sein Geschäft und steigt auf eine Bank, um zu den Menschen zu sprechen.

"Das sind alles Kleinigkeiten gewesen" sagt er. "Ich habe nichts gemacht. Das ist ein Missverständnis." Aus der Menge kommen Pfiffe. "Eis-Boykott, Eis-Boykott, Eis-Boykott", skandieren die Demonstranten. Seit 25 Jahren betreibe er das Geschäft, erklärt Savaris weiter. Er habe nichts gegen die homosexuelle Szene, aber wenn direkt vor seinem Laden herumgeknutscht werde, störe dies auch manchen Kunden. Damit kann Savaris die Menge nicht beruhigen. Dann sagt er noch: "Ich habe keinen Hass. Wenn etwas falsch gelaufen ist, entschuldige ich mich dafür."

Die Versammlung nimmt die Entschuldigung mit einem Grummeln zur Kenntnis. Fürs Erste scheinen die Wogen geglättet zu sein. Eismann Savaris tritt den Rückzug hinter seine Theke an. Neue Kundschaft konnte er an diesem sonnigen Tag vermutlich nicht dazugewinnen.



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