Homosexuelle Flüchtlinge in Deutschland "Die schlimmste Zeit meines Lebens"

Homosexuelle Flüchtlinge berichten von drastischen Übergriffen in deutschen Unterkünften. Der Berliner Senat hat ihnen einen besonderen Schutz zugesprochen.

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Mikheili aus Georgien: Gewürgt bis zur Bewusstlosigkeit
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Mikheili aus Georgien: Gewürgt bis zur Bewusstlosigkeit


Manchmal musste Mikheili einfach tanzen. Dann bewegte er sich in seinem kleinen Zimmer im Erdgeschoss, vor seinem Fenster in der Flüchtlingsunterkunft spielten Kinder. Wenn sie ihn dabei sahen, riefen sie dem tanzenden Mann Schimpfwörter zu, für ihn klangen sie wie "Schlampe".

Mikheili hörte viele solcher Wörter. Nachdem er ein bisschen Arabisch gelernt hatte, verstand er noch mehr davon. Vor allem, wenn er die Highheels aus seinem Gepäck nahm, ein Kleid anzog und Make-up auflegte. "Tunte" nannten sie ihn dann.

Im Januar 2014 kam der Georgier nach Deutschland. Der 23-Jährige hatte auch in seiner Heimat Diskriminierung erlebt: "Ich wurde beschimpft, verprügelt, mein Vater wollte mich töten", zählt er nüchtern auf. 2012 hatte er dennoch den Entschluss gefasst, seine Sexualität nicht länger zu verstecken - warum sollte er ausgerechnet in Berlin wieder damit anfangen?

Schwulenfeindliche Proteste in Georgien: Nicht länger verstecken
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Schwulenfeindliche Proteste in Georgien: Nicht länger verstecken

Während der ersten Monate in Deutschland blieb es für ihn aber nicht bei Beleidigungen. Eines Abends wurde er von anderen Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft an einer Bushaltestelle angegriffen, einer der Männer würgte ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Mikheili kam in ein Krankenhaus, erstattete Anzeige bei der Polizei, doch die Täter konnten nicht ermittelt werden.

"Wir werden allein gelassen"

Queere Flüchtlinge - also schwule, lesbische, bi- und transsexuelle sowie intergeschlechtliche - erleben in den Unterkünften häufig Diskriminierung bis hin zu Übergriffen, sagt Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin. Nach einer Umfrage der Lesbenberatung Berlin gab es dort zwischen Januar und Mai mindestens 20 Übergriffe, Jäkel und andere Helfer halten die Zahl allerdings für viel zu gering. Das Problem: Nur wenige Opfer trauen sich, die Taten hinterher anzuzeigen oder überhaupt darüber zu sprechen. Nicht selten müssen sie mit den Tätern weiter in einer Einrichtung leben, manchmal sogar im selben Zimmer.

In Dresden holte der CSD Dresden e.V. vor wenigen Wochen fünf Männer aus der Zeltstadt für Flüchtlinge. Sie waren von anderen Bewohnern mit Steinen beworfen und schikaniert worden - so mussten sie die Damentoilette benutzen. Es gebe noch weitere Fälle und Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet, sagt Vereinsvorstandsmitglied Ronald Zenker. In Hamburg sind derartige Übergriffe nicht bekannt. Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde: "Die bisherigen besondere Vorkommnisse ließen sich nicht auf die sexuelle Ausrichtung eines Beteiligten zurückführen."

"Wir werden von der Politik damit allein gelassen", sagt Jouanna Hassoun von Miles, dem Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule in Berlin. Viele Geflüchtete kämen aus Regionen, in denen Feindlichkeit gegen Homosexuelle an der Tagesordnung sei. Das würden sie in Deutschland nicht sofort ablegen. Die queeren Flüchtlinge auf der anderen Seite können und wollen sich nur selten verstellen. Schon ein Ohrring kann sie verdächtig machen. Noch dazu sind die Zimmer in den Einrichtungen oft eng, es gibt nichts zu tun, die Geflüchteten fühlen sich nach ihrer Ankunft in Deutschland entmachtet.

"Das macht die Stimmung aggressiv", sagt Kussay. Der Syrer ist ein kräftiger, selbstbewusster Mann. Er spricht offen über seine Homosexualität, auch mit seinem damaligen Zimmernachbarn in einem Flüchtlingsheim - "ein riesiger Fehler", sagt er heute. Der Mann sei sehr religiös gewesen und habe Kussay nicht tolerieren wollen. Er habe ihn beschimpft und häufig auch bespuckt. "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt Kussay. Ein Einzelzimmer bekam er nicht, irgendwann zog sein Bettnachbar aus.

Kussay aus Syrien: Aggressive Stimmung in der Unterkunft
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Kussay aus Syrien: Aggressive Stimmung in der Unterkunft

Aktivisten fordern wegen Zwischenfällen wie diesen, dass queere Flüchtlinge entweder einzeln oder zusammen im einem Zimmer untergebracht werden, sodass sie in ihrer sehr privaten Umgebung niemandem ausgeliefert sind. Die Schwulenberatung Berlin schaut sich nach einer kompletten Unterkunft um, die nur queeren Flüchtlingen offenstehen würde. Noch ist aber kein geeignetes Objekt gefunden, sagt Jäkel.

Dafür gibt es auf einer anderen Ebene einen Etappensieg für die Organisationen: Der Berliner Senat hat in seinem Konzept zur Unterbringung und Integration der Flüchtlinge die besondere Schutzbedürftigkeit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Flüchtlingen festgeschrieben. Außer ihnen zählen unter anderem schwangere Frauen, Minderjährige oder stark traumatisierte Flüchtlinge dazu.

Der besondere Schutz kann ihnen etwa dabei helfen, schneller in ein Einzelzimmer verlegt zu werden. Berlin steht mit dem Vorstoß bundesweit allein da; wobei bislang auch nur von dort ein Konzeptpapier zum Umgang mit den Flüchtlingen kam.

Kussay bereut trotz der Erfahrungen mit seinem Zimmernachbarn nicht, nach Deutschland gekommen zu sein - im Gegenteil. Er genießt das Leben jetzt in Berlin. "Hier kann ich frei sein", sagt er.



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