Homosexuellen-Denkmal Ein Kuss als doppelte Mahnung

Tausende Homosexuelle wurden von den Nazis ermordet, jetzt haben die Opfer eine Gedenkstätte bekommen, direkt gegenüber vom Holocaust-Mahnmal. Bei der Einweihung war auch der Streit um den Bau ein Thema - und die aktuelle Diskriminierung von Schwulen und Lesben.

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Berlin - Aus dem Streit, der nicht enden wollte, ist Form geworden: Viereinhalb Jahre nach dem Beschluss des Bundestages, ein Mahnmal für die von den Nationalsozialisten verfolgten Homosexuellen zu errichten; 63 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 39 Jahre nach Abschaffung des Paragraphen zur strafrechtlichen Verfolgung von Schwulen.

Es steht nicht weit vom Brandenburger Tor: das Denkmal für schätzungsweise 7000 in Konzentrationslagern ermordete und zehntausende verurteilte Homosexuelle.,

Schräg gegenüber vom Holocaust-Mahnmal Peter Eisenmans, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem auch den von den Nazis verfolgten Sinti und Roma gedacht werden soll, lehnt der dunkelgraue Kubus schief unter Ahornbäumen und Birken. 3,65 Meter hoch, 1,90 Meter breit und 4,70 Meter lang ist der gemeinsame Entwurf des Dänen Michael Elmgreen und des Norwegers Ingar Dragset.

In der Vorderseite des Kubus öffnet sich ein Fenster, durch das ein Video in Endlosschleife zu sehen ist: zwei Männer, die sich küssen. Eine Symbiose aus Gedenken und Mahnung für die Gegenwart. "Ein Zeichen gegen zeitgenössische Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung", nannte es die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast.

"Wir wollen nicht normalisiert werden"

An die 500 Menschen sind zur Eröffnung gekommen, die meisten Männer, die meisten homosexuell. Es ist ein großer Tag für Schwule. Vor 13 Jahren hatte der Berliner Grünen-Politiker Albert Eckert zusammen mit einer Handvoll Mitstreitern die Denkschrift "Der homosexuellen NS-Opfer gedenken" veröffentlicht. Jetzt wird ihrer endlich gedacht, im Herzen der Hauptstadt, mit einem gelungenen Denkmal.

Bei den Reden zur Einweihung geht es jedoch auch um die Querelen, um den Streit. Die Union hatte 2003 im Bundestag gegen den Bau des Homosexuellen-Mahnmals gestimmt - als erster spricht bei der Eröffnung trotzdem der CDU-Mann, Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Die Initiative für das Denkmal sei von Betroffenen ausgegangen. Der graue Quader sei nun "das Resultat vielschichtiger Meinungsbildungsprozesse", sagt Neumann. Die Einweihung sei Ausdruck der Überzeugung, dass Ressentiments gegen Andersdenkende keinen Platz haben. "Außer in der CDU", ruft jemand.

Ein spürbar bewegter Berliner Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erläutert die "doppelte Bedeutung", die das Denkmal für ihn hat. Zum einen, der homosexuellen NS-Opfer zu gedenken, zum anderen, darauf hinzuweisen, "dass es auch heute noch tagtägliche Diskriminierung von Homosexuellen gibt, auch in einer so großen, ach so toleranten Stadt wie Berlin".

Ärger um das küssende Paar auf der Einladungskarte

Wowereit erinnert daran, dass auch nach dem Ende des Nationalsozialismus rund 50.000 Männer auf der Grundlage des Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches verurteilt wurden; fast ebenso viele wie unter den Nazis.

Und Albert Eckert, der Leiter der Mahnmal-Initiative, sagt: "Wir wollen nicht normalisiert, sondern in unserem Anderssein anerkannt werden." Und alle, "die uns skandalös finden", die es "widerlich finden, wenn sich ein gleichgeschlechtliches Paar küsst: Gerade für sie ist das Denkmal gebaut - wenn sie sich daran stören, um so besser!"

Es hatte viel Protest gegen den Bau gegeben - auch aus unerwarteter Richtung. Nachdem der Bundestag 2003 den Bau beschlossen hatte, regte sich Widerstand unter Lesben. Die Zeitschrift "Emma" rief zu Protestunterschriften auf, weil das Denkmal vor allem für das Gedenken an männliche Homosexuelle stehe. Ein "Ghetto des Kitsches männlicher Homosexualität" schmähte Alice Schwarzer das Werk Elmgreens und Dragsets.

Schließlich haben sich alle Beteiligten darauf geeinigt, dass das Video mit dem küssenden schwulen Pärchen nach zwei Jahren abgelöst wird durch einen Film, der ein lesbisches Paar zeigt. Diese "Dynamik sei genial", lobte Renate Künast.

Zuletzt hatte es Streit über die Gestaltung der Einladungskarte für die Eröffnung gegeben. Offenbar wollte Staatsminister Neumann darauf nicht das Foto des küssenden Schwulen-Paars abdrucken - zum Ärger der skandinavischen Künstler: "Den Kuss nicht zu drucken, zeigt, dass wir immer noch ein Problem haben", sagt Elmgreen im Berliner Stadtmagazin "zitty".

"Späte Ehrung für die Kämpfer der ersten Stunde"

Ein Tross Politiker schreitet zum Mahnmal, Bernd Neumann, Wolfgang Thierse, Marianne Birthler und andere. Kränze werden niedergelegt. Lange Schlangen bilden sich vor dem Fenster, hinter dem der endlose Kuss läuft. Eine Gruppe Schwuler und Lesben liest Texte über die Schicksale verfolgter Homosexueller vor.

Dennis Wiedemann vom Verband "Homosexuelle und Kirche" steht Hand in Hand mit seinem Freund vor dem Mahnmal. "Für mich ist das eine späte Ehrung der Kämpfer der ersten Stunde", sagt er, "also derer, die sich für unsere Rechte stark gemacht haben."

Aber in die Freude über das neue Mahnmal mischt sich auch Sorge: "Wir dürfen gespannt sein, wie lange es hier bleibt. Das erste Hakenkreuz wird nicht lange auf sich warten lassen", meint ein Mann, der leise am Rand der Eröffnung steht.

Immerhin, es steht. Und nach all dem Streit, all dem Gezerre, wer wie wo geehrt werden soll, bringt es ein älterer Herr auf eine ziemlich unideologische Formel: "Ach, es sind so viele schöne Männer heute hier."



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