Honorarprofessor in Leipzig Steinbrück erklärt die Welt

Es war keine gute Woche für Peer Steinbrück. Der SPD-Bundesparteitag lief allenfalls mäßig, seine Chancen auf die Kanzlerkandidatur gehen zurück. Doch dann darf er endlich wieder das, was er am besten kann: die Welt erklären. Als Professor an der Uni Leipzig.

Steinbrück in Leipzig: Im Publikum regt sich kein Widerspruch
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Steinbrück in Leipzig: Im Publikum regt sich kein Widerspruch

Von Peter Seybold, Leipzig


Es sind 35 Sekunden. Nur 35 Sekunden. Gerade einmal knapp über eine halbe Minute also. 35 Sekunden, so lange dauert am Ende der Beifall für Peer Steinbrück. Wäre er auf einem SPD-Bundesparteitag, nur zum Beispiel, wäre das ziemlich wenig. Die Zeitungen würden schreiben, die Zuhörer hätten Steinbrück eine ziemliche Ohrfeige verpasst. 35 Sekunden Beifall. Eine Demütigung.

Doch es ist kein Parteitag, auf dem Steinbrück am Freitag Vormittag in Leipzig spricht. Es ist eine Premiere, die im Hörsaal 3 der Universität Leipzig stattfindet. Die mehreren hundert Zuhörer erleben die Uraufführung des Professoren Steinbrück. Hauptberuflich derzeit Bundestagsabgeordneter, SPD-Kanzlerkandidatkandidat, Schachspieler und Buchautor, tritt er sein Amt als Honorarprofessor an.

An diesem Freitag hält der Honorarprofessor seine erste Vorlesung. Das Thema: "Die wirtschaftliche und politische Bedeutung der europäischen Währungsunion".

Tatsächlich erleben die Zuhörer an der Leipziger Uni noch etwas anderes als einen Vortrag: Es ist Steinbrücks Comeback. Er hält die Rede, die man von Angela Merkel schon längst hätte hören wollen.

Es lief zuletzt nicht gut für Steinbrück. Auf dem SPD-Bundesparteitag zu Beginn der Woche wurde seine Rede allenfalls mit Höflichkeitsbeifall belohnt, beim Rennen um die Kanzlerkandidatur ist er in Umfragen zurückgefallen. "Steinbrück verliert AAA", titelte die "taz". Der Shootingstar verlor an Boden. Doch hier in Leipzig, weg von Berlin, weg von seinen "Parteifreunden", scheint das vergessen. Hier kann Steinbrück das geben, was er am besten kann: Den erfahrenen Ökonomen. Den Kanzler in spe.

Steinbrück hat dafür auch gute Bedingungen: Zuhörer, die schon eine Stunde vor Beginn der Vorlesung nur auf ihn warten. Journalisten, die zu Beginn der Vorlesung aus dem Saal geworfen werden ("Das ist eine geschlossene Veranstaltung"), ein Publikum, das bei jedem Witz laut lacht, Journalisten (inkognito im Saal geblieben, versteckt zwischen Studenten), die Beifall klatschen. Es gibt keinen Vize-Bundesvizepräsidenten, der ihn an seine Redezeit erinnert. Keine Zwischenfragen von nervigen Abgeordneten, stattdessen Vorredner, die seine "analytische Stärke" und "brillantes ökonomisches Wissen" loben. Steinbrück spricht vor Zuhörern, die ihm stehend applaudieren, was allerdings daran liegt, dass sie schon vorher standen, weil im überfüllten Saal kein Sitzplatz mehr frei war. Es ist ein offenes Feld, das Steinbrück nutzt.

Steinbrück ist gut in Form. Er hält eine seiner typischen Ansprachen, von der man manche Stellen schon mal von ihm gehört hat, doch es ist trotzdem eine gute Rede. Er spricht klar und verständlich, erklärt komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge gewohnt einfach, wirkt überzeugend, führungsstark.

Groß ist der Bogen, den er spannt. Steinbrück skizziert zunächst den giftigen "Cocktail" an Problemen, der durch das mögliche Übergreifen der Schulden-Krise auf Länder wie Frankreich, eine drohende Kredit-Verknappung für die Realwirtschaft und die negative Signalwirkung von Rating-Agenturen eventuell in Kürze entstünde und bis spätestens Anfang nächsten Jahres entgiftet werden müsste. Andernfalls würde die Lage dramatisch werden.

Die Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels, einen Sondervertrag mit schärferen Haushaltsregeln für die 17 Euro-Länder und zunächst sechs weitere Staaten aufzunehmen, seien daher nur "kurzfristiges Krisenmangement", das nicht reiche.

Steinbrück beschreibt die strukturellen Veränderungen in der Welt mit einer insgesamt "völlig neuen Entwicklung" der Machtordnung. Er beschreibt die wachsende Bedeutung Chinas und anderer Länder wie Indien. All dies würde ein starkes, geeintes Europa nötig machen. Eine "Re-Nationalisierung" hätte vor diesem Hintergrund dramatischste Konsequenzen. "Unmittelbare ökonomische Konsequenzen" wären für das exportorientierte Deutschland sofort massiv zu spüren, insbesondere für den Mittelstand. Umgekehrt würden die schwächeren Länder "abgewertet ohne Ende". Ein neuer ökonomischer Kampf innerhalb Europas mit entsprechenden "politischen Destabilisierungen" würde folgen. "Eine Regierung nach der anderen würde weggefegt werden." Die Lösung der europäischen Schuldenkrise wäre daher zutiefst im deutschen Interesse.

Im Publikum regt sich kein Widerspruch.

Zwischendurch erzählt Steinbrück ein paar Anekdoten. Er redet über seine angefangene Doktorarbeit, die nicht mehr lesbar ist, seitdem Wasser seinen Keller flutete, also "nicht gescannt und überprüft werden kann". Er spricht über seine Vita, in der ausgelassen wurde, dass er einmal in der Schule durchgefallen ist. Mitten im Reden klappt er sein piependes Handy auf. "Das war nicht die Kanzlerin", versichert er dabei, macht dabei allerdings ein Gesicht, als ob es SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles gewesen wäre.

Dann spricht Steinbrück vom Buch eines "ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten" ("Kaufen sie das aber nicht, kaufen sie meins") und über das bisherige persönliche politische Problem an der Spitze Italiens ("sehr testosterongesteuert"). Er erwähnt auch - man höre und staune - kurz eigene Fehler.

Dann kommt er wieder zur Sache. Die Integration aller europäischen Länder sei "die Antwort auf 1945 und den 300-jährigen Zerfleischungsprozess in Europa". Die europäische Einheit gelte es daher zu erhalten, selbst wenn das mit hohen Kosten für Deutschland verbunden sei. Ein Ausschluss einzelner Schuldnerländer wäre keine Option. "Es liegt in ihrer Verantwortung als junge Generation" diese Einheit zu erhalten, wendet er sich an die Studenten. Es müsse verhindert werden, dass es je wieder in Europa zu einem Krieg käme. Das sei keineswegs ausgeschlossen.

Szenebeifall der Studenten.

Auf den Beginn der derzeitigen Krisenphase im Frühjahr 2010 sei "zu spät, zu wenig und zu ungefähr" reagiert worden, so Steinbrück. Griechenland hätten nicht Maßnahmen aufgedrückt werden dürfen, die "den Patienten eher weiter auf das Lager statt auf die Beine" gebracht hätten. Bezogen auf das kurzfristige Krisenmanagement, könne man daher jetzt nur noch über schlechte Lösungen reden. Gute Lösungen gebe es nicht mehr. Eine mögliche Variante müsse die Einführung von Euro-Bonds sein, so Steinbrück. In Wahrheit wäre Deutschland ohnehin längst "bis über beide Knie" in einer Haftungsgemeinschaft.

Es ist ein klares Plädieren für die Einführung der Euro-Bonds, auch wenn Steinbrück das nicht so explizit formuliert.

Am Ende der Rede ertönt dann tosender Beifall.



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