Hooligan-Randale Rechtsextrem, betrunken und brandgefährlich

Es war eine Machtdemonstration, deren Ausmaß selbst die Polizei überraschte: Die Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" mobilisierte in Köln rund 3000 Randalierer, zumeist Rechtsextreme - ein bedrohlicher Aufmarsch.

Aus Köln berichten und

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Der Kölner Hauptbahnhof wirkte am frühen Sonntagabend wie ein Schlachtfeld. Schwer gepanzerte Polizisten rannten in geschlossenen Truppen von links nach rechts, Bahn-Mitarbeiter halfen ihnen, einige der Hauptausgänge abzuriegeln. Dazwischen brüllten immer wieder Menschen: "Hasta la vista, Salafista!"

Die Situation war außer Kontrolle geraten.

Annähernd 3000 Randalierer waren zuvor im Namen der Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa) durch Köln marschiert. Mehr als die Veranstalter gehofft, mehr als die Polizei für möglich gehalten hatte. Es waren nur wenige Frauen dabei, nur wenige Menschen aus dem bürgerlichen Lager. Die meisten Besucher waren weiß, kahlrasiert, breitschultrig und trugen sichtbare Tätowierungen. Viele von ihnen kennen sich seit Jahren, sie entstammen der gewaltaffinen Fußballszene. Es sind Hooligans, die seit geraumer Zeit gemeinsam gegen Salafisten vorgehen. Dabei bekommen sie eine breite Unterstützung aus dem Neonazi-Milieu.

Der Mann mit dem Karohemd redet, anstatt zu brüllen. Es ist früher Nachmittag, er steht auf einer Bühne und spricht zu den Demonstranten: "Die Hool-Szene ist begrenzt, aber wir wollen eine Volksbewegung werden." Man habe das Potenzial, 200.000 Menschen zu erreichen. Vielleicht auch Frauen und Kinder. "Da müssen wir uns fragen, wie wir es schaffen wollen, ernst genommen zu werden." Was er sagt, ist kaum jemandem hier Applaus wert. Aber es zeigt, was das Ziel dieser Bewegung ist: Mit einem gemeinsamen Feind in der Mitte der Gesellschaft ankommen.

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Hooligan-Demo in der Innenstadt: Ausschreitungen in Köln
Die Grundstimmung wird immer aggressiver

Der Redner, der nachfolgt, trifft den Ton deutlich besser: "Wir wollen keine Bürgerbewegung sein, sondern eine radikale Bewegung", grölt er. "Und die muss europaweit sein. Die anderen haben die letzten 50 Jahre ihre Chance gehabt." Applaus, Gejohle, die Grundstimmung der Demonstranten wird immer aggressiver.

Eine Kundgebung gegen Salafismus ist angekündigt, doch für die wenigen Touristen, die sich in die Nähe der Veranstaltung trauen, muss das hier schlicht wie ein Aufmarsch der rechten Szene wirken, der sich gegen alles wendet, was man als fremd empfindet. Der türkischstämmige Fotograf, der von der Polizei vor Tritten und Schubsereien geschützt werden muss, ist jedenfalls kein Salafist. Beschimpft wird er trotzdem: "Verpiss dich, Scheiß-Moslem!"

Mehrfach muss die Polizei sich schützend vor Passanten und Touristen stellen, die - sofern sie fremdländisch aussehen - von einigen beschimpft und attackiert werden. Eine etwa 20-jährige Frau, die ein selbstgemaltes Transparent hochhält, auf dem "Mehr Liebe, weniger Extremismus" steht, muss von der Polizei in Sicherheit gebracht werden. "Kommunistenschlampe", wird ihr hinterhergerufen.

Palettenweise Biernachschub

Die Neonazi-Hooligans schleppen palettenweise Biernachschub aus dem Bahnhofsgebäude heraus, bereits kurz nach dem Beginn der Demonstration sind manche sturzbetrunken.

Das Auftreten vieler HoGeSa-Leute passt nicht zum Eigenmarketing der Gruppe, die auf Facebook so tut, als ob sie massiven Zulauf aus dem bürgerlichen Spektrum hätte, und den Medien vorwirft, sie schwinge die "Nazikeule", um eine politisch unbelastete Gruppe zu diskreditieren.

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Hier muss niemand eine Keule schwingen, die Beschreibung dessen, was man sieht, reicht vollkommen: Hunderte tragen einschlägige Kleidermarken und Symbole, "Deutschland den Deutschen"-Rufe hallen hundertfach. An den Laternenmasten rund um die Demonstrationsfläche kleben Aufkleber von rechtsextremen Labels und Neonazi-Kameradschaften. Das Who's who der in die Jahre gekommenen rechten Hool-Gruppen aus Kaiserslautern, Essen, Dortmund und vielen anderen Städten verbrüdert sich offensichtlich.

Nach den Rednern betritt der Sänger der bei Neonazis beliebten Band Kategorie C die Bühne und stimmt den Song an, der extra für HoGeSa geschrieben wurde. Dort heißt es: "Heute schächten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder." Es ist die perfideste Form der Agitation, mitten in einer der wichtigsten deutschen Großstädte.

"Eine neue Qualität der Gewalt"

Kurz darauf kündigt er an, dass man nun losmarschieren werde. Der Vorsatz, friedlich zu bleiben, hält nicht einmal fünf Minuten. Dann verlassen einige Dutzend der rechtsextremen Hooligans den Demo-Zug und rennen nach links, wo sie ein paar Gegendemonstranten ausgemacht haben.

Die Polizei, die mit tausend Mann vor Ort ist, kann sie zurückdrängen. Schon 300 Meter später wird die Demo aufgelöst: Flaschen fliegen auf die Polizisten, die nun attackiert werden. 44 verletzte Beamte gibt die Polizei später zu Protokoll. Als die Menge einen Fotografen in einer Fensteröffnung sieht, fliegen Leuchtraketen gegen die Fassade.

Der Einsatzleiter der Polizei, die zahlenmäßig den Demonstranten fahrlässig unterlegen war, erklärte den Aufmarsch sofort für beendet.

Doch die Aggressionen bleiben auch auf dem Rückweg zum Bahnhof bestehen. Polizisten werden mit Flaschen beworfen, Passanten angespuckt, Mülltonnen kaputt getreten. Kaum ist der Breslauer Platz erreicht, rennt ein Pulk los und schubst einen Einsatzwagen der Polizei um.

"Wenn sich diese Gruppe jetzt verfestigt und noch wächst, dann haben wir aus meiner Sicht eine neue Qualität der Gewalt", sagt später der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Arnold Plickert. Mit einem solchen Bündnis könne es die Polizei in NRW, die ohnehin schon viele große Einsätze bei Fußballspielen leisten müsse, nicht mehr aufnehmen.

Die rechtsextreme Machtdemonstration ist vollendet.



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