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Hooligan-Krawalle: Neonazis im Propaganda-Rausch

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Hooligan-Demo in Köln: Neue "Volksfront" Zur Großansicht
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Hooligan-Demo in Köln: Neue "Volksfront"

Die rechtsextreme Szene feiert die gewaltsamen Anti-Salafisten-Proteste von Köln als Machtdemonstration. Schwächelnde Neonazi-Parteien wie "Die Rechte" hoffen auf neuen Zulauf. Weitere Aufmärsche sind geplant.

Berlin - Mancher scheint noch immer wie im Rausch. Von einem "Fanal des Aufbruchs" ist auf einer einschlägigen Internetplattform die Rede. Endlich hätten "echte Männer Gesicht für unser deutsches Vaterland gezeigt", heißt es an anderer Stelle. Und einer prophezeit: "Köln war nicht das Ende, Köln war der Anfang!"

Die rechtsextreme Szene feiert die Gewaltproteste von Köln als Machtdemonstration. Fast 5000 Menschen waren am Sonntag auf der Straße - es ist lange her, dass sich in Deutschland ein Mob dieser Stärke durch eine Metropole bewegen und dabei offen rassistische Parolen grölen, Polizisten, Journalisten und politische Gegner angreifen konnte.

Für viele braune Aktivisten muss das wie ein Befreiungsschlag wirken. Zuletzt verliefen die meisten Aufmärsche am rechten Rand eher kümmerlich. Oft kamen nur ein paar Versprengte, um nach stundenlanger Blockade in zugigen Kleinstadt-Bahnhöfen wieder die Heimreise anzutreten. Kein Wunder, dass der eine oder andere mit beschränktem Weltbild über eine neue "Volksfront" jubelt.

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Polizeigroßeinsatz: Hooligan-Demo in Köln
Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass unter den Teilnehmern des aus der Fußball-Hooligan-Szene initiierten Bündnisses der Gewalt rund 500 bekannte Rechtsextremisten waren. Dass sich eine so große Zahl zusammenfindet, ist an sich schon ungewöhnlich. Dass sie aber unbehelligt in einer viel größeren Gruppe mitmarschieren können, noch viel ungewöhnlicher. Rechtsextreme Gruppierungen haben nun eine Hoffnung: Die Proteste von Köln, der angebliche Kampf gegen gewaltbereite Salafisten sollen ihnen aus der Isolation und damit auch aus der politischen Bedeutungslosigkeit helfen - und neuen Zulauf verschaffen.

Besonders eine rechtsextreme Truppe, die frische Kräfte gut gebrauchen kann, tat sich als wohlwollender Begleiter der Kölner Proteste hervor: Die vor zwei Jahren gegründete Partei "Die Rechte" des Hamburger Neonazis Christian Worch war laut Beobachtern mit etlichen Mitgliedern und Sympathisanten vor Ort. Vorneweg Siegfried Borchardt, genannt "SS-Siggi", "Rechte"-Vorsitzender in Dortmund und Ex-Stadtrat, auch der wegen Körperverletzung verurteilte Matthias Drewer wurde gesichtet, Kreischef in Wuppertal, genauso NRW-Landesvize Michael Brück. In dessen Versandhandel "Antisem" gibt es alles, was der gemeine Neonazi so braucht: Zwille, Stahlkugeln, Reizgas, Sturmhaube.

"Die Rechte"-Funktionär Borchardt: Wurzeln im Hooligan-Milieu Zur Großansicht
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"Die Rechte"-Funktionär Borchardt: Wurzeln im Hooligan-Milieu

"Die Rechte" gilt seit ihrer Gründung als Auffangbecken für verbotene Neonazi-Kameradschaften, ihre Verbindungen ins Milieu der Fußball-Hooligans sind unübersehbar. "Etliche Akteure der Partei 'Die Rechte' weisen eine Affinität zum Fußball auf", heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht für NRW. Das gilt vor allem für Dortmund, wo der aktivste Kreisverband der Partei zu finden ist. In der Ruhrmetropole hatten sich bereits vor einigen Wochen Hooligans und örtliche Neonazis, auch der "Rechten" zum Anti-Salafisten-Protest verabredet. Die Mobilisierung klappte: 300 Demonstranten skandierten deutschnationale Sprechchöre, immerhin blieb es friedlich.

Das Treffen diente auch dazu, alte Kontakte aufzufrischen und Berührungsängste abzubauen. Dortmunder "Rechte"-Mann Borchardt gehörte einst zu den führenden Köpfen der militanten Hooligantruppe "Borussenfront". Auch im harten Kern des "Nationalen Widerstands Dortmund" war er aktiv, genau wie Dennis Giemsch, jetzt Vorstandsmitglied bei der "Rechten". Als die Kameradschaft 2012 verboten wurde, enthüllten Fans im Stadion der Borussia ein Solidaritätstransparent.

Die Kameradschaftsvergangenheit und auch das Strafregister einiger Funktionäre lassen erahnen, dass es den meisten nicht so sehr um Parteipolitik geht. Sie fühlen sich im rechtsradikalen Straßenkampf wohler, dem die Szene in Köln nachgehen konnte. Das sieht auch das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen so, wo schon länger darüber nachgedacht wird, "Die Rechte" im Land zu verbieten, weil sie nur eine Alibi-Partei sei, für die das im Grundgesetz festgeschriebene Parteienprivileg nicht gelten dürfe. Zuletzt scheiterte "Die Rechte" damit, bei der Europawahl anzutreten, weil man die notwendigen 4000 Unterstützungsunterschriften nicht zusammenbekam. Bei der Kommunalwahl holte man einen Sitz im Dortmunder Stadtrat. Als die Truppe die Wahlparty im Rathaus stürmen wollte, musste die Polizei eingreifen.

Zum Hooligan-Marsch nach Köln sollen laut Facebook-Eintrag 200 Anhänger aus Dortmund angereist sein. "Nächstes Mal werden wir noch mehr", heißt es dort euphorisch. Auf der offiziellen Internetseite der Partei wird die Hoffnung auf "ein weiteres Anwachsen dieser neuen Bewegung und ein Übergreifen auch in die Kreise normaler Bürger" geäußert.

Neue Proteste sind angekündigt, nach Behördenangaben hat die Gruppierung "Hooligans gegen Salafisten" für den 15. November in Berlin und Hamburg Demonstrationen angekündigt. In Berlin will man am Brandenburger Tor protestieren, in Hamburg durch das Schanzenviertel ziehen, dem Zentrum der linken und autonomen Szene in der Hansestadt. Die Sicherheitsbehörden befürchten erneute Gewaltausbrüche, Berlin prüft daher ein Verbot der Demo.

Mitarbeit: Jörg Diehl

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