Horst Ehmke wird 80 Der flotte Hotte sah sich als kommenden exzellenten Kanzler

Willy Brandt förderte ihn und machte ihn zum Chef des Kanzleramts. Doch vielen war Horst Ehmke das Enfant terrible der Bonner Politik. Mächtige Gegner stellten sich in der SPD gegen ihn: Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Hans-Jochen Vogel. Heute wird das scharfzüngige Multitalent 80.

Von Franz Walter


Göttingen - Seine politisch schönsten Jahre dürften in der Frühlingszeit des Sozialliberalismus gelegen haben. Hier war er der Hansdampf in allen Gassen, der mit seiner politischen Kraft, Lust und Energie kongenial in jene Ära hochoptimistischer Machbarkeit und zielgenauer Veränderungspläne hineinpasste, mehr noch: sie gewissermaßen verkörperte. Horst Ehmke. Heute wird Willy Brandts damaliger Kanzleramtschef 80 Jahre.

Ehmke: Zu intelligent, zu schnell, zu scharfzüngig
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Ehmke: Zu intelligent, zu schnell, zu scharfzüngig

Ein Kind der klassischen Arbeiterbewegung war Ehmke nicht. Seine Wiege stand in Danzig, in einer durch und durch bürgerlichen Arztfamilie. Mit siebzehn legte Ehmke sein Notabitur ab, nach Kriegsende studierte er in Göttingen Recht und Volkswirtschaft, zwischenzeitlich auch Geschichte und politische Wissenschaft in Princeton. 1952 wurde er bei Rudolf Smend über "Grenzen der Verfassungsänderung" promoviert, einige Jahre später legte er seine Habilitationsschrift zum Thema "Wirtschaft und Verfassung" vor.

Mit 34 Jahren erhielt er seinen ersten Ruf als Professor für Öffentliches Recht nach Freiburg, avancierte bald darauf eben dort zum Dekan. Zu Beginn der Großen Koalition wurde er, der schon Mitte der fünfziger Jahre als Assistent beim damaligen juristischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Adolf Arndt, gearbeitet hatte, Staatssekretär unter Gustav Heinemann, kurz darauf – als dieser zum Bundespräsidenten gewählt wurde – Bundesminister der Justiz.

Etlichen Traditionalisten in der SPD verlief diese Blitzkarriere entschieden zu schnell. Sie misstrauten dem kecken Bürgersohn, der nichts richtig ernst nahm, sich zuweilen auch über die Heiligtümer des Sozialismus im schnoddrigen Ton lustig machte, der heute links, morgen Mitte, übermorgen vielleicht rechts sein konnte, überhaupt: Der noch nie in seinem Leben Parteibeiträge kassiert hatte.

Indes: Der sozialdemokratische Parteivorsitzende Willy Brandt erkannte die besondere Begabung Ehmkes - "Horst ist unser Spezialist für alles", pflegte er zu sagen - und machte ihn 1969 als Regierungschef der neuen sozialliberalen Koalition zum Chef seines Kanzleramts. Binnen weniger Monate wurde Ehmke sodann zum Enfant terrible der Bonner Politik. Auch im eigenen politischen Lager wimmelte es von Feinden des forschen Kanzleramtsministers. Helmut Schmidt pflegte eine heftige Abneigung gegen den ihm in vielem durchaus wesensähnlichen Vorsteher des Palais Schaumburg.

Aber auch Außenminister Scheel vom freidemokratischen Koalitionspartner mochte Ehmke nicht. Der SPD-Fraktionschef Herbert Wehner war ebenfalls ein Gegner. Und in den Bundestagsfraktionen von SPD und FDP fanden sich ebenso nur wenige Freunde und Sympathisanten Ehmkes. Etliche Historiker geben dieser zeitgenössischen Ehmke-Fronde auch in der Rückschau zumeist recht. Ehmke sei, so kann man in zahlreichen Abhandlungen nachlesen, nicht der richtige Mann am richtigen Platz gewesen.

Mangel an opportunistischer Rücksichtnahme

Aber wie hätte der richtige Mann sein, was genau hätte er machen müssen? In aller Regel bekommt man auf diese Frage von kundigen Interpreten des Politischen zu hören, dass ein guter Kanzleramtschef seine Funktion still, leise, unauffällig ausfüllen müsse. Dass er ohne Eitelkeit und Ruhmsucht zu Werke zu gehen habe. Dass er allein dem Kanzler die Inszenierung des Politischen in der Öffentlichkeit überlassen solle. An diesem Maßstab gemessen war Ehmke seinerzeit in der Tat eine glatte Fehlbesetzung. Ehmke war alles andere als zurückhaltend, geräuschlos, öffentlichkeitsscheu.

Brandts Kanzleramtsleiter liebte vielmehr die Präsentation, die Resonanz, den Applaus, die Aufmerksamkeit des großen Publikums. Ehmke hat gewiss keine Sekunde gegen seinen Kanzler intrigiert, hat sich nicht ernsthaft als ein Rivale zu ihm aufgebaut. Aber dass er irgendwann später, sollte Brandt einmal amtsmüde werden, einen durchaus exzellenten Kanzler der Deutschen Bundesrepublik abgeben würde, davon allerdings dürfte Ehmke felsenfest überzeugt gewesen sein. Und einen Hehl machte er aus diesem strotzenden Selbstbewusstsein nicht.

So war Ehmke nun einmal. Er war ein Kraftpaket, ein Draufgänger, unaufhörlich nach vorne stürmend, dabei eine schillernd vieldeutige, man kann auch freundlicher sagen: multitalentierte Gestalt. Er war zwar ein Ordinarius, aber er war nicht professoral. Dafür wirkte er zu vitalistisch, zu hemdsärmelig, zu kraftstrotzend mit seinem amerikanischen Bürstenhaarschnitt. Er genoss – anders als viele zaudernde Professoren und Intellektuelle, die es in die Politik verschlagen hatte - die Möglichkeiten der realen Macht. Doch fehlten ihm die mitunter nötigen opportunistischen Rücksichtnahmen, die Anpassungsgeschmeidigkeit zahlreicher Politiker. Ehmke war in vielerlei Hinsicht zu intelligent für die Politik, zu schnell, zu scharfsinnig – und letztlich dadurch zu scharfzüngig.

Wenig Geduld gegenüber langsamer Denkenden

Mit langsamer denkenden Kollegen – und wer dachte nicht langsamer als der "flotte Hotte" – zeigte er wenig Geduld. Er fiel ihnen ins Wort, wies sie zurecht. Er konnte einfach eine gelungene süffisante Pointe auf Kosten anderer nicht unterdrücken. Man hat es oft geschrieben: Es fehlte Ehmke mitunter an Dezenz und Diskretion. So gesehen war es tatsächlich heikel, ihn auf den Stuhl des Kanzleramtschefs zu platzieren. Denn es war ja richtig, dass der Leiter der Regierungszentrale Konflikte zwischen den Ressorts dämpfen musste, dass er zu moderieren, zu koordinieren, auszugleichen und zusammenzufügen hatte.

Und dennoch schossen die polemischen Urteile über Ehmkes Hoppla-jetzt-komm-ich-Stil weit über das Ziel hinaus, ja: sie wurden ihm nie gerecht. Es reicht nicht, wenn man sich nur auf seine unzweifelhafte Egozentrik fixiert. Egon Bahr lag schließlich nicht daneben, als er sich in seinen Memoiren bewundernd erinnerte, dass er vor und nach Ehmke niemanden kennen gelernt habe, der mehr Papier bearbeitet, mehr vom Tisch geschafft hätte. Gewiss, Ehmke hatte sich in der Regierungszentrale viel vorgenommen.

Dabei scheiterte sein seinerzeit berüchtigter "Planungsverbund", mit dem er die Reformvorhaben der Ministerien und des Kanzleramts verklammern und synchronisieren wollte, am Widerstand der Einzelressorts, vor allem an der notorischen Eifersucht von Helmut Schmidt, auch an der Gleichgültigkeit des Kanzlers in diesen Dingen. Aber sonst hatte Ehmke das Amt gut und fest im Griff. Ehmke war kein weltabgewandter Professor, aber auch nicht lediglich ein schnodderiger Vielredner. Er war ein durchaus harter Arbeiter, der sich, wenn nötig, zwanzig Stunden am Tag durch Akten fressen konnte.

Druck von Wehner und Schmidt

Er administrierte akkurat und kompetent, entlastete damit seinen Kanzler von viel Alltagsroutine. Dass viele altgediente Ministerialbürokraten Ehmke nicht leiden konnten, zeigte nur, wie sehr er ihnen Leistungen und ungewohntes Tempo abforderte. Schließlich war das Amt in den sechziger Jahren, seit dem Abgang von Adenauer, ziemlich heruntergekommen. Ehmke führte wieder die nützliche Personalrotation zwischen Kanzleramt und Ministerien ein, die seit 1963 geruht hatte. Und er modernisierte das verstaubte Amt, sorgte für moderne Kommunikationstechniken.

Aber auch das überschäumende Temperament Ehmkes war nicht nur von Nachteil. Der Kanzler jedenfalls, um den es schließlich ging, zog daraus mehr Nutzen als Schaden. Horst Ehmke selbst spricht in seinen Memoiren von einer "kompensatorischen Arbeitsteilung", die er mit Willy Brandt gepflegt habe. In der Tat: Kanzleramtschefs und Kanzlerberater müssen in vielfacher Hinsicht komplementär zu ihren Kanzlern stehen; sie sollten über Fähigkeiten verfügen, die ihren Chefs fehlen; sie sollten die Kanzler ergänzen, nicht spiegeln, sollten also ihre Defizite ausgleichen, nicht ihre Stärken unterstreichen. Willy Brandt besaß ein eher grüblerisches Wesen, wich Konflikten gern aus. Ehmke hingegen liebte die Rauferei, das Kampfgetümmel, den Schlagabtausch. Ehmke war infolgedessen gleichsam Bodyguard und Blitzableiter für Brandt.

Doch nach den Bundestagswahlen 1972 musste Ehmke - auf Druck von Wehner und Schmidt - aus dem Kanzleramt verschwinden. Und nicht zufällig begann nun der stetige Abstieg Brandts. Ehmke selbst übernahm das Ministerium für Forschung, Technologie und Post, schied aber dort nach der Demission von Brandt ebenfalls aus. Ab 1977 war er noch für knapp 15 Jahre ein wichtiger Mann in der SPD-Fraktion, Experte für Außenpolitik, aber auch weiterhin brillant extemporierender Redner zu allen Fragen der Politik.

Nach den Bundestagswahlen 1990 überwarf er sich als dezidierter Lafontainist mit dem Partei- und Fraktionsvorsitzenden Hans-Jochen Vogel, was ihn fortan die wichtigsten Ämter in der Partei und im Bundestag kostete. Ab 1994 gehörte er dem Parlament nicht mehr an. Seither schrieb er, bevorzugt in seinem Ferienhaus in der Eifel, Kriminalromane. Sex spielt darin eine vorzügliche Rolle. Auch geheimdienstliche Machenschaften. Natürlich Politik. Erfahrungen eben aus einem prallen Leben.



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