Horst Mahler auf der Flucht Anwalt, RAF-Gründer, Nazi

Von ganz links bis rechts außen: Horst Mahler hat eine irrwitzige Reise durch das politische Spektrum hinter sich. Mit 81 Jahren ist der Rechtsextreme jetzt wieder in den Untergrund abgetaucht.

DPA

Es gibt kaum politische Biografien im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts, die bizarrer sind als die von Horst Mahler. Der Anwalt durchlief sämtliche politische Stationen. Zunächst strebte er an den ganz linken äußersten Rand, bis zur Terrorgruppe "Rote Armee Fraktion" (RAF), dann wieder über die FDP und NPD bis ganz nach rechts außen.

Jetzt, mit 81 Jahren, sorgt er noch einmal für Schlagzeilen: Am Mittwoch hätte er in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel eine dreieinhalbjährige restliche Haftstrafe antreten müssen - doch er erschien nicht. Mahler ist auf der Flucht, in einer im Internet verbreiteten Videobotschaft erklärte er, er wolle "in einem aufnahmebereiten, souveränen Staat um Asyl bitten".

Es ist die womöglich letzte, überraschende Wendung in einem an Brüchen wahrlich nicht armen Leben. Die Eltern des im Januar 1936 im schlesischen Haynau geborenen Mannes waren glühende Nationalsozialisten und Antisemiten, die gegen Kriegsende vor der Roten Armee flüchteten und in Dessau in der DDR landeten. Ihr Sohn war Mitglied der kommunistischen "Freien Deutschen Jugend", als sein Vater sich eines Sonntags nach dem Frühstück der Familie im Garten erschoss. Er hatte den Untergang des großdeutschen Reichs nicht verkraftet.

Die Mutter flüchtete aus der DDR nach West-Berlin, Sohn Horst bekam als exzellenter Student ein Stipendium der "Studienstiftung des deutschen Volkes" zugesprochen und studierte an der Freien Universität in West-Berlin Jura. Er trat zunächst der schlagenden Verbindung "Thuringia" bei, 1956 wechselte er zu den Jungsozialisten der SPD. Doch wegen seiner Zugehörigkeit zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) wurde er 1960 wieder aus der SPD ausgeschlossen.

Als aufstrebender Anwalt vertrat Mahler zunächst West-Berliner Steuerabschreiber, manövrierte auch manch prominentes Paar durch die Scheidung. Schnell entwickelte er sich zu einem brillanten Redner und hervorragenden Strafverteidiger. Ab 1967 vertrat er revoltierende Studenten. Fritz Teufel und Rainer Langhans von der Kommune 1 waren seine Mandanten, genauso die Familie des von einem Polizisten erschossenen Studenten Benno Ohnesorg. Er war der führende Anwalt der Studentenbewegung. Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und andere junge Kollegen schauten zu ihm auf.

Doch nachdem Mahler gemeinsam mit empörten Studenten nach den Schüssen eines Rechtsradikalen auf Rudi Dutschke Ostern 1968 die Zentrale des Springer-Konzerns belagert hatte, wurde er als Rädelsführer zu zehn Monaten Haft und einer Schadensersatzzahlung von 75.884,25 D-Mark verurteilt. Mahlers bürgerliche Existenz war damit ruiniert. Im Frühjahr 1970 gründete er mit der Journalistin Ulrike Meinhof und seinen vormaligen Mandanten Andreas Baader und Gudrun Ensslin die RAF.

Doch mit Baader entzweite er sich schon in einem Ausbildungslager militanter Palästinenser in Jordanien. Als Mahler im Oktober 1970 in einer konspirativen RAF-Wohnung festgenommen wurde, zogen ihm Polizisten eine Perücke vom Kopf und eine Pistole aus der Hosentasche. Mahler, der den internen Tarnnamen "James" trug, reagierte wie ein Gentleman: "Kompliment, meine Herren."

"Eine belanglose, eine hauptsächlich lächerliche Figur"

Trotz dünner Beweislage verurteilte ihn das Landgericht Berlin 1973 wegen Banküberfällen und Gründung einer kriminellen Vereinigung zu 14 Jahren Gefängnis. Mahler sagte sich hinter Gittern von der RAF los, Ulrike Meinhof nannte ihn eine "belanglose, eine hauptsächlich lächerliche Figur".

Nach der RAF wandte sich Mahler der maoistischen Kleinpartei KPD zu. 1980 wurde er nach Ablauf von zwei Drittel seiner Freiheitsstrafe entlassen, nun sympathisierte er plötzlich mit den Grünen, rief danach zur Wahl der FDP auf und trat mit deren Bundesinnenminister Gerhart Baum und SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein öffentlich auf. Sein Anwalt war damals Gerhard Schröder. Der Vorsitzende der Jungsozialisten und spätere Kanzler sorgte dafür, dass Mahler ab 1988 wieder als Jurist arbeiten konnte.

Der Dank währte nicht lange: In den Neunzigerjahren trat Mahler seinen langen Marsch ins nationale Lager an, lästerte über die angebliche "Überfremdungspolitik" der Schröder-Regierung. Mahler machte Sprüche wie: "Die Fremden sind das Salz in der Suppe. Aber wer mag schon versalzene Suppe." Oder er schlug standrechtliche Erschießungen von Drogenhändlern vor. Briefe und Mails unterzeichnete er "mit reichstreuen Grüßen".

Ewiger Provokateur

Der einstige Marxist trat in die NPD ein - und wieder aus. Selbst die rechtsextreme Partei war ihm zu lasch und legalistisch. Mahler arbeitete sich vor allem am Holocaust ab, den er leugnete. Er provozierte beständig: Den jüdischen Publizisten und Politiker Michel Friedman grüßte er bei einem Interview mit "Heil Hitler". Immer wieder sorgte Mahler - in geradezu masochistischer Manier - für neue Anklagen und Verurteilungen gegen sich. Den Gerichtssaal sah er als Bühne für seinen Revisionismus. "Ich sitze hier, weil ich hier sitzen will", sagte er einst zum Richter.

Im Mai 2009 erhielt Mahler erneut ein Berufsverbot als Anwalt, nach einer ganzen Serie von Verurteilungen brummte ihm das Landgericht München wegen Holocaustleugnung beziehungsweise Volksverhetzung sechs Jahre Haft auf, das Landgericht Potsdam legte noch mal mehr als fünf Jahre drauf.

Sein einstiger Anwalt und Kollege Schily sieht in Mahlers Weg schlicht eine "unglaubliche Tragik". Den Holocaust zu leugnen, sei "gewiss abscheulich, moralisch verwerflich, grotesk und töricht", sagte der Ex-Innenminister vor etwa zwei Jahren in einem Interview und stellte zugleich - auch mit Blick auf Mahler - die Frage: "Aber deshalb über elf Jahre ins Gefängnis?"

Kurz nach Schilys Äußerungen durfte Mahler den Knast tatsächlich verlassen: Nachdem ihm wegen Altersdiabetes der linke Unterschenkel amputiert wurde, bekam Mahler Haftverschonung. Doch weil er im Gefängnis weitere rechtsextreme Publikationen verfasst haben soll, bestand die bayerische Justiz Ende 2016 darauf, dass Mahler seine Reststrafe verbüßt.

Dem hat sich Mahler nun vorerst entzogen, sein derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt. Das ARD-Magazin "Panorama" berichtete unter Berufung auf einen Vertrauten des Flüchtigen, Mahler sei bereits im Ausland.



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