Seehofers Abschied Niemals geht er so ganz

Der Übergang von Seehofer zu Söder auf dem Sonderparteitag lief mit leisen Misstönen ab, dabei braucht die Partei dringend Harmonie. Auf einen pflegeleichten Ex-Vorsitzenden darf sich die CSU auch in Zukunft nicht einstellen.

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Von und , München


Es ist ein echter Seehofer, den der scheidende Vorsitzende am Morgen dem Parteitag vorausschickt. Er habe sein Horoskop für das Sternzeichen Krebs im heimischen "Donaukurier" gelesen, erzählt Seehofer den wartenden Journalisten mit einem maliziösen Lächeln. Dort habe es geheißen: "Sie verlieren keinesfalls ihr Gesicht, wenn Sie eine getroffene Entscheidung revidieren."

Generalsekretär Markus Blume schiebt vorsichtshalber schnell hinterher: "War aber nur Spaß, oder?" Dann geht er gemeinsam mit Seehofer und dem Belgeittross die betonierte Rampe zum Eingang der kleinen Olympiahalle in München hinunter.

So ganz traut die CSU ihrem scheidenden Chef Seehofer nicht. Er soll möglichst ohne Misstöne seinem Nachfolger Markus Söder Platz machen. Seehofer indes tut nur das Nötigste, um solche Befürchtungen zu entkräften. Entsprechend kühl fällt insgesamt die Verabschiedung Seehofers aus.

Vor seinem Rückzug setzt Seehofer zwar - ein seltener Vorgang - einen versöhnlichen Tweet ab: "Heute gebe ich das Amt des CSU-Vorsitzenden nach mehr als zehn Jahren in die Hände meiner Partei zurück. Ich bedanke mich herzlich für die vielfältige Unterstützung und den menschlichen Zuspruch in all den Jahren. Alles Gute!"

Doch auf einen pflegeleichten Ex-Vorsitzenden darf sich die CSU nicht einstellen, darauf liefert der Sonderparteitag erste Hinweise. Noch im Foyer umreißt Seehofer gewohnt vieldeutig seine künftige Rolle. "In das Alltagsgeschäft mische ich mich nicht ein." Wenn es aber um "grundlegende Weichenstellungen" für die Partei gehe, zum Beispiel in der Sozialpolitik, werde er sich zu Wort melden.

Bedürfnis nach Harmonie

Solche Wortmeldungen wollen derzeit die wenigsten in der CSU hören, das Bedürfnis nach Harmonie dominiert nach dem abgeschlossenen internen Machtkampf den Parteitag. Söder soll es richten, so fallen die meisten Kommentare am Rande aus. "Es ist Zeit für den Wechsel, und ich glaube, Horst Seehofer sieht das inzwischen auch so", sagt beispielsweise der Fraktionsvorsitzende Thomas Kreuzer vor Seehofers Rede.

Abschiedsgeschenk für Seehofer
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Abschiedsgeschenk für Seehofer

Die fällt mit 25 Minuten gewünscht knapp aus: Dankbarkeit und Stolz prägten nach 3739 Tagen im Parteiamt seine Gemütslage, erzählt Seehofer. Die CSU sei eine "einmalige, einzigartige Partei", doch die Wahlergebnisse hätten sich zuletzt verschlechtert. Seehofer nennt zwei Gründe: Den Einzug der Freien Wähler in den Landtag ab 2008 und den Aufstieg der AfD.

Zum Streit mit der Schwesterpartei CDU: "Die Alternative wäre für uns mit einem noch größeren Schaden verbunden gewesen." Sein inhaltliches Vermächtnis an die CSU: "Verachtet mir die kleinen Leute nicht", sagt Seehofer, Arbeitersohn aus Ingolstadt. Die seien das "Rückgrat unserer Gesellschaft".

Das Foyer bleibt während der Rede Seehofers gut gefüllt, vor der Verpflegungsausgabe bildet sich eine Schlange. Ein CSU-Mitglied aus der Oberpfalz will "jetzt noch ein Weißbier trinken und eine Weißwurst essen, damit ich bei Söders Rede nicht hungrig bin." Sein Wehmut über den Abschied halte sich in Grenzen, so der Christsoziale. "Seehofers Zeit war nach dem schlechten Ergebnis der Bundestagswahl abgelaufen."

So verabschieden sich Weggefährten von Seehofer:

Sparsam fallen auch die Worte aus, die Seehofer für seinen Nachfolger findet. Er habe Markus Söder als Nachfolger vorgeschlagen. "Und der gesamte Parteivorstand hat sich dieser Sache angeschlossen." Söder habe als Ministerpräsident gezeigt, dass er große Aufgaben "gut, sehr gut erledigt", urteilt Seehofer, doch der zusätzliche Parteivorsitz sei "ein Amt mit einer gewaltigen Verantwortung."

"Am schwierigsten dürfte für dich sein, dass du dich nun nur mit dir selbst koordinieren musst", gibt Seehofer Söder auf den Weg. "Mein Werk ist getan", sagt Seehofer. "Macht es gut." Die Delegierten erheben sich zum höflichen Applaus, aber die Jubelstürme bleiben aus, ein Einzelner hält ein "Danke Horst"-Plakat in die Höhe.

Der neue Ehrenvorsitzende

Seehofer wird seiner Partei als künftiger Ehrenvorsitzender erhalten bleiben, diesen Vorschlag macht Söder gleich zu Beginn seiner Rede als Geste der Befriedung. Den Status haben derzeit nur Theo Waigel und Edmund Stoiber inne. Stoiber erleichterte die CSU 2007 so den ebenfalls holprigen Abschied.

Ein kurzer Film auf dem Parteitag untermalt Seehofers allmählichen Übertritt in die imaginäre Ruhmeshalle der Partei. Bilder vergangener Wahlsiege sind dort zu sehen, Lobgesänge auf Horst Seehofer: "So sehen Sieger aus." Ob er traurig sei, wird Seehofer später gefragt: "Die Zeit heilt alle Wunden."

Stimmenfang #82 - Söder beerbt Seehofer: Macht die CSU jetzt noch mehr Ärger?

Wie sich das Verhältnis Seehofers zu seiner Partei künftig einpendelt, ist noch unklar. Gut möglich, dass Seehofer nach seiner aktiven Zeit in der Gunst seiner Parteifreunde auch wieder zulegt: Dann nämlich, wenn die Umfragewerte mit Söder als alleinigem Frontmann auch nicht besser werden sollten. Darauf weisen Erhebungen der vergangenen Tage hin, die die CSU noch unter dem Ergebnis der Landtagswahl auswiesen.

Nachdem der heiklere Teil des Parteitags vorüber ist, hält Söder seine Bewerbungsrede. Sie besteht zum großen Teil aus bekannten Elementen, Grundton: "Zeit für neue Stärke". Dann wird gewählt, Söder ist der einzige Kandidat. Sein Wahlergebnis bleibt mit 87,4 Prozent im mittelprächtigen Bereich.

Shakehands zwischen altem und neuem Vorsitzendem, dann folgen ein paar bemühte Frotzeleien auf der Bühne. "Das steht, glaube ich, in der Satzung, dass man als Ehrenvorsitzender nicht mehr kandidieren kann", sagt Söder. In seinem, Söders, Horoskop, habe es geheißen: "Lassen Sie sich durch nichts erschrecken heute."

Übergroßen Rückenwind bekommt auch Söder nicht an diesem Tag. Es ist ein eher blutleerer, teilweise schnell durchgepaukter Sonderparteitag, der zeigt, wie abgekämpft die Partei ist. Den emotionalen Höhepunkt bildet der gemeinsame Einzug Söders mit der neuen CDU-Vorsitzenden. Auch Annegret Kramp-Karrenbauer beschwört die Einigkeit der Unionsparteien.

Zum Abschied der Ära Seehofer überreicht die Partei ihrem Vorsitzenden ein Geschenk. Der höchste Modelleisenbahnfan der CSU bekommt ein neues Schmuckstück für die heimische Anlage überreicht: Einen Nachbau der CSU-Landesleitung in München im Mini-Maßstab. Das Gebäude ist originalgetreu nachgebildet, allerdings ohne den Parteivorsitzenden oder andere handelnde Personen. Das Geschenk könne bei ihm den Wunsch auslösen, dort wieder einzuziehen, warnt Seehofer witzelnd. "Bewerbungen sind nie ganz aussichtslos. So alt bin ich ja noch nicht."



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
basileus97 19.01.2019
1.
In einer Demokratie darf und soll gestritten werden. In einer demokratischen Partei MUSS ein Diskurs stattfinden. Dieser sollte selbstverständlich inhaltlich und nicht auf persönlicher Ebene geführt werde. Keine Partei braucht Harmonie.
prologo 19.01.2019
2. Für Bayern war Seehofer gut
Bayern ist mit das beste Bundesland in Deutschland, also kann er nicht viel falsch gemacht haben. Und es ist auch gut, wenn Seehofer als graue Eminenz im Hintergrund vorhanden bleibt.
dirkcoe 19.01.2019
3. Ausserhalb von Bayern
interessiert es doch eh keinen Menschen, wer da gerade der Vorsitzende der CSU ist. Also was soll's?
gunpot 19.01.2019
4. Sie irren gewaltig,
es interessiert schon, wer in er CSU das Sagen hat. Das sage ich als CDU Mitglied. Endlich geht dieser Stinkstiefel. Aufgrund seiner Obstruktionspolitik verlor die CDU so viele Stimmen, das liegt nicht allein an der AfD. Hoffentlich schmeißt ihn Merkel jetzt aus dem Kabinett.
jimbofeider 19.01.2019
5. Franke
Seehofer ist für seine Späße berüchtigt, die gehen nämlich meist zu lasten anderer. In Bayern nennt man das "Hintervotzig ". Nur bei Söder hat er einen ebenbürtigen Gegner der ist Franke und von Haus aus hat der es mit den Bayern nicht so. Da wird sich Horsti zweimal oberlegen ein wenig zu schmutzeln. Aber es ist ja eh alles nur Gaudi fürs Volk.
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