Seehofers GroKo-Nacht "Ich habe dann gerne eine Mandarine geschält"

Sie schliefen auf dem Fußboden, sie stritten, sie rangen, sie einigten sich: CSU-Chef Seehofer hat einige Geheimnisse der letzten GroKo-Verhandlungsnacht gelüftet.

Horst Seehofer
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Mehr als zwölf Stunden haben CDU, CSU und SPD nur über die künftige Ressortverteilung verhandelt. Das sagte CSU-Chef Horst Seehofer nun in einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen. Darin erklärte er auch, wie es dazu kam, dass er das neue Innenministerium übernehmen soll - und wie die SPD den Druck auf CDU und CSU erhöhte.

"Die letzte Verhandlungsnacht begann ja durch die Feststellung der SPD: Wir wollen das Auswärtige Amt, das Finanzministerium und das Sozialministerium, sonst gibt es keine Regierung", sagte Seehofer. Die CSU habe dagegen gehalten und auch das Finanzministerium gefordert sowie Interesse an Sozialministerium und Auswärtigem Amt angemeldet.

"Das war der Beginn, dass von 16 Uhr bis 6 Uhr in der Früh nur über diese Frage gesprochen wurde." In der Zeit seien viele Verhandler in andere Räume gegangen und hätten sich auf den Boden gelegt, darunter auch Ministerpräsidenten. "Dann verbleiben in dem Zimmer vier, fünf Personen, die aber nicht miteinander reden, weil keiner eine Lösung hat und weil man unterschiedlicher Meinung ist", sagte der CSU-Vorsitzende. "Ich habe dann gerne eine Mandarine oder eine Orange geschält, weil das wenigstens eine Betätigung war."

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Lange habe man sich nur angeschwiegen. "Wenn jemand etwas anderes erzählt, dann sagt er nicht die Wahrheit. So ging das die ganze Nacht", berichtete Seehofer. "Es war eine sehr, sehr spannende Situation, wenn ein Koalitionspartner sagt "sonst gibt es keine Koalition"." Es dauere dann eben viele Stunden, bis auch erwachsene Menschen sich wieder vernünftig verhielten. "Wir wussten so ungefähr um 6 Uhr in der Früh: So kann es nicht weitergehen. Denn wenn die Koalition scheitert, weil man sich nicht über die Vergabe der Posten verständigen kann, hätte das für alle Parteien einen riesigen Schaden über Jahre ausgelöst." Das sei allen Parteien bewusst gewesen.

SPD warnte vor Mitgliederentscheid

"Dann haben wir uns als CSU zurückgezogen und überlegt: Wie kommen wir aus dem Dilemma heraus? Es drehte sich ja immer um die CSU", sagte Seehofer. Denn die SPD habe nicht nachgegeben und habe dies damit begründet, dass sie sonst nicht über den Mitgliederentscheid komme.

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"Die Kanzlerin hat uns am Anfang sehr unterstützt, aber war dann mit fortgeschrittener Zeit schon auch der Meinung, so können wir jetzt nicht weitermachen, weil dann platzt die Koalition, und draußen von der Bevölkerung versteht es niemand", so Seehofer. "Und das war dann der Überlegungsprozess, dass wir gesagt haben: Wenn die SPD drei Minister verlangt, verlangt die CSU auch drei." Er bekam dann das Innenministerium, ergänzt um die Bereiche Bauen und Heimat.

Zwölfeinhalb Tage und eine ganze Nacht verhandelten die drei Parteien insgesamt miteinander. Am Ende hing alles an zwei Punkten, die von Anfang an maximal aufgeladen waren: die sachgrundlose Befristung bei Arbeitsverträgen und die von der SPD so titulierte "Zwei-Klassen-Medizin". Zuletzt ging es dann um die Verteilung der Ressorts, an der es nun vielfach Kritik gibt.



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mho/dpa

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