Geschichte eines Satzes "Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland"

Die Debatte begann mit Christian Wulff - obwohl sich schon Wolfgang Schäuble Jahre zuvor zu der Frage äußerte: Gehört der Islam zu Deutschland? Eine Auswahl der Antworten, die Spitzenpolitiker seither darauf gegeben haben.

Horst Seehofer
LUKAS BARTH/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Horst Seehofer


An seinem ersten Tag im Amt hat Horst Seehofer eine alte Islamdebatte neu angefacht. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", sagt der neue Innen- und Heimatminister - und prägt damit an diesem Freitag die Titelseite der "Bild"-Zeitung.

Der Satz hat in verschiedenen Varianten inzwischen schon eine jahrelange Geschichte in Deutschland. Eine Auswahl:

"Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft."

Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am 28. September 2006 in seiner Regierungserklärung anlässlich der Islamkonferenz.


Bundespräsident Christian Wulff am Tag der deutschen Einheit 2010
DPA

Bundespräsident Christian Wulff am Tag der deutschen Einheit 2010

"Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland."

Der damalige Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010.


"Die deutsche Leitkultur ergibt sich eindeutig aus unserem Grundgesetz und vor allem aus den Werten, die Grundlage unserer Verfassung sind. Wir haben eine christlich geprägte Wertetradition mit jüdischen Wurzeln. Keine andere. Dazu gehört auch die Toleranz gegenüber anderen Religionen. Aber andere Religionen können nicht prägend für unsere gewachsene Werteorientierung sein."

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) am 11.Oktober 2010 im "Focus", angesprochen auf die Aussage Wulffs.


"Natürlich sind Muslime Teil Deutschlands und gehören zu diesem Land. Es ist respektlos, sie nicht als Teil der Gesellschaft anzuerkennen."

Der damalige Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit (SPD) im Oktober 2010 bei einer Parteiveranstaltung als Reaktion auf die Äußerungen Seehofers im "Focus"-Interview.


"Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt."

Hans-Peter Friedrich (CSU) am 3. März 2011 bei seinem ersten Auftritt als neuer Innenminister.


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"Die Wirklichkeit ist, dass in diesem Lande viele Muslime leben. (...) Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland."

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck am 31. Mai 2012 in der "Zeit".


"Der Islam ist nicht Teil unserer Tradition und Identität in Deutschland und gehört somit nicht zu Deutschland. Muslime gehören aber sehr wohl zu Deutschland. Sie genießen selbstverständlich als Staatsbürger die vollen Rechte."

Unionsfraktionschef Volker Kauder anlässlich der Islamkonferenz am 19. April 2012 in der "Passauer Neuen Presse".


"Es ist offenkundig, dass der Islam inzwischen unzweifelhaft zu Deutschland gehört."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Rede zum muslimischen Fastenmonat Ramadan am 30. Juni 2015.


"Der Islam gehört inzwischen zu den Religionen, die in Deutschland erhebliche Verbreitung finden."

Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der "Welt" vom 28. Februar 2015.


Thomas de Maizière
REUTERS

Thomas de Maizière

"Was die Rolle des Islam angeht, so müssen wir darauf bestehen, dass Religionen versöhnen und nicht spalten, dass Religionsfreiheit Rücksichtnahme heißt - und dann gehören die Muslime und auch der Islam zu Deutschland."

Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im ARD-"Bericht aus Berlin" am 25. Januar 2015.


"Von meiner Seite möchte ich sagen, dass unser früherer Bundespräsident Christian Wulff gesagt hat: 'Der Islam gehört zu Deutschland.' Das ist so, dieser Meinung bin ich auch."

Kanzlerin Merkel bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Januar 2015 mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu.


"Der Islam gehört zu uns, weil wir hier Millionen von Muslimen haben."

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am 27. Januar 2015 nach Merkels Aussage und vielfachem Widerspruch darauf.


"Mein Vorvorgänger Christian Wulff war gerade hier im Schloss Bellevue, wir haben auch über dieses Thema gesprochen. Ich habe ihn dabei so verstanden: Machen wir uns endlich ehrlich, die Muslime gehören zu Deutschland. Wir haben seit Beginn der Sechzigerjahre viele Menschen zu uns geholt, als Arbeitskräfte, darunter viele Muslime aus der Türkei. Sie sind geblieben, haben in Deutschland Wurzeln geschlagen, pflegen ihren Glauben. Diese Zuwanderungsgeschichte gehört zu uns, sie ist Teil unserer Geschichte, ohne dass wir deswegen unsere christlich-jüdischen Traditionen aufgeben."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Interview mit dem "Stern", erschienen am 20. Juli 2017, auf die Frage: "Gehört der Islam zu Deutschland?"


"Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt. (...) Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland."

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in der "Bild"-Zeitung, 16. März 2018.


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"Religionsfreiheit auf dem Boden des Grundgesetzes gehört unstreitig zu Deutschland, genau wie auch die Muslime in Deutschland mit ihrem Glauben, dem Islam, zu unserem Land gehören."

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer am 16. März 2018 zur Deutschen Presse-Agentur als Reaktion auf Seehofer.


Die Prägung des Landes sei "sehr stark durch das Christentum" sowie das Judentum erfolgt. "Aber inzwischen leben vier Millionen Muslime in Deutschland." Diese Menschen übten in Deutschland ihre Religion aus. "Und diese Muslime gehören auch zu Deutschland. Und genauso gehört ihre Religion damit zu Deutschland, also auch der Islam."

Kanzlerin Merkel am 16. März 2018 in einer Pressekonferenz als Reaktion auf Seehofers Aussage.

aci



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Seite 1
sanko1212 16.03.2018
1. Wenn
man unaufgeregt über den Sinn dieser Worte nachdenkt, dann wird man feststellen: Es können nicht die Muslime als Individuen zu Deutschland gehören, wenn sie ihren Glauben irgendwo in ihren Herkunftsländern ablegen müssen! Unsere Politiker sollten vor dem Reden immer erst ihre Gedanken sortieren und die Schlüssigkeit ihrer Äußerungen prüfen. Dass der Islam Deutschland in der Vergangenheit nicht geprägt hat, ist Tatsache. Aber zur Gegenwart gehört er genauso dazu wie auch das Christentum und Judentum. Er ist nicht das Charakteristische für unser Land, aber dessen integraler Bestandteil.
Lion79 16.03.2018
2. Nein!
Weder der Islam noch das Christentum noch irgendeine andere Religion gehört zu Deutschland. Die Muslime und Christen und und und dahingegen selbstverständlich. Nur sollte man alle Sonderrechte für jede Religion abschaffen. Das sind alles die privaten Ansichten von Menschen. Das sollte auch so eindeutig rechtlich geklärt sein. Jeder hat das Recht zu glauben was er will. Aber keiner sollte das Recht haben aufgrund dieses Glaubens irgendwelche Sonderrechte in Anspruch zu nehmen. Säkularisation ist das einzig richtige.
weltgedanke 16.03.2018
3.
Ich glaube, die Politiker reden da ein Stück weit aneinander vorbei. Als nüchterne Bestandsaufnahme muss man durchaus sagen, dass der Islam im Moment zu Deutschland gehört. Das Problem ist nur, dass der Satz aus propagandistischen Gründen gerne aus dem Kontext der reinen Gegenwart herausgerissen wird. Das zeigt sich sowohl in Seehofers Verweis auf die christlische Historie des Abendlands, aber auch auf der anderen Seite in der unterschwelligen Annahme, weil der Islam nun mal zu Deutschland gehöre, müsse man ihn künftig tolerieren, ihm den Weg weiter ebnen oder seinen Anhängern mit einer besonderen Willkommenshaltung begegnen. Es ist völlig legitim zu sagen, der Islam gehört zu Deutschland, aber wir wollen ihn hier nicht. Als mögliche Analogie könnte man vielleicht dies anführen: Rechtsradikalismus gehört offenbar zu Deutschland (das zu leugnen, wäre Realitätsverweigerung), aber es ist völlig legitim, ihn trotzdem abzulehnen. Ich persönlich möchte nicht in einem muslimisch geprägten Umfeld oder Land leben, aber das ist keine Ablehnung der Muslime oder es Islam an sich, sondern einfach nur eine Präferenz bezüglich meinem Lebensumfeld. Als Mensch, der hier geboren ist, erwarte ich, dass meine Meinung politisch Berücksichtigung findet. Inhaltlich gesehen halte ich es mit dem Dalai Lama, der sinngemäß gesagt hat: "Natürlich müssen diese Menschen zurück in ihre Heimatländer. Deutschland kann doch nicht ein muslimisch geprägtes Land werden."
voiceecho 16.03.2018
4. Einfach nur albern!
Die ganze Diskussion ist albern und unsinnig! Ob und wenn überhaupt eine Religion zu einem Land gehört oder nicht, entscheiden keine Politiker, sondern die Menschen, die im jeweiligen Land leben und sowie ihre demographische Struktur! Jeder Politiker, der eine solche Diskussion führt, läuft die Gefahr ganze Bevölkerungsschichten zu verleugnen und ihre gesellschaftliche Rolle zu ignorieren. So etwas zahlt sich spätestens an der Wahlurne aus!
neanderspezi 16.03.2018
5. Gehört oder gehört nicht, muss also durchexerziert werden
Die Personalisierung eines Landes unter Zuhilfenahme geistiger, religiöser und kultureller Eigenschaften ist ausgemachter Nonsens. Ein Land zeigt spezifische Merkmale nicht in Ausprägungen seines Flohzirkusses, der sich auf ihm festgesetzt hat, sondern in geologischen und klimatischen Eigenschaften mit einer sich mehr oder weniger gut aufeinander abgestimmten und seiner Ressourcen bedienenden Vielzahl an Spezies. Da ein Land kein ansprechbares Individuum darstellt und juristisch nicht anfechtbar ist, geht ihm auch absolut nichts abhanden, wenn ihm keine Glaubensgemeinschaft einer besonderen Spezies mit irgendwelchen verschwurbelten Zugehörigkeitsbegriffen beizukommen versucht.
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