Seehofers Facebook-Party: "Horsti, Muschi..."

Von , München

Neun Euro für ein Mixgetränk, faltenfreie Damen und ein witzelnder Senior-Surfer: Horst Seehofers Facebook-Party gerät zum PR-Event. Nur ein paar hundert Gäste finden den Weg in die Münchner Nobeldisco P1. Den Mangel an Masse kaschiert der CSU-Chef mit Volksnähe.

Gegen 22 Uhr eskaliert die Lage. Ein Stehtisch wackelt bedrohlich, auf ihm steht eine Kerze, die Flamme flackert, eine Menschenmenge drängelt sich um den Tisch, der Tisch geht in die Schräge, gleich wird er kippen. Doch der Pulk schiebt sich wie blind weiter, aufgeregte Rufe hallen aus dem Gewimmel.

Der im Vorfeld befürchtete Flashmob auf Horst Seehofers Facebook-Party, er ist da. Allerdings wird der Tumult nicht von Gästen und Fans des bayerischen Landesvaters ausgelöst. Sondern von Journalisten.

"Herr Seehofer!", rufen sie, manche auch "Horst!" Minutenlang steht der CSU-Chef auf der Freitreppe der Kunsthalle, umringt von Dutzenden Kameras und Mikrofonen. In letzter Minute retten Wachsame den Stehtisch nebst Kerze und richten ihn wieder auf, der Pulk schiebt Seehofer weiter in Richtung blauem Teppich, dem Eingang zum P1.

"Neun Euro, bitte"

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Seehofer schmeißt Facebook-Party: Stimmenfang 2.0
Eine volle Stunde wird Horst Seehofer brauchen, um durch den Pulk ins P1 zu dringen. Die Glitzerdisco ist außerhalb Münchens bekannt aus TV-Umstylingshows ("Ob die 21-jährige Agrarökologiestudentin in diesen Klamotten reingelassen wird?") und Olli-Kahn-Berichterstattung. Am Dienstagabend hat Seehofer hier zur Facebook-Party geladen, um sich für "Fans und Freunde" Zeit zu nehmen.

Seinen großen Auftritt bekommt er. 150 Medienvertreter sind da. Allerdings im Verhältnis dazu ziemlich wenig andere Leute. Ein Türsteher muss sich bei der Frage, wie viele Gäste er schätzungsweise reingelassen hat, ein herzhaftes Prusten verkneifen. 500 seien es, gegen Mitternacht vielleicht ein paar hundert mehr. Angekündigt hatten sich auf Seehofers Facebook-Fanseite mehr als 2500 Menschen. Versprochen wurden ein Freigetränk und die Aussicht, den 62 Jahre alten Landesvater in angesagter Umgebung mal ganz volksnah erleben zu können.

Das mit den Freigetränken ist in der Realität kompliziert. Jeder Seehofer-Fan bekommt einen Bon für ein Getränk. Ein Gast bestellt Red Bull mit Wodka. "Das sind aber zwei Getränke", sagt die Tresendame, "verstehen Sie?". Man versteht. Und fragt, wie viel zugezahlt werden müsse. Neun Euro.

Da hat sich die Geldfrage - was kostet der ganze Spaß eigentlich - dann auch fast erledigt: Das P1 dürfte an dem Abend ebenfalls ordentlich mitverdienen. Seehofer selbst sagt bei seiner Ankunft, er werde die Kosten nicht beziffern. Vonseiten der CSU heißt es, die Sause wurde aus dem regulären Eventbudget der Partei bezahlt. Eine genaue Summe wird nicht verraten.

Nun ist es weder ungewöhnlich noch verwerflich, dass Parteien PR-Veranstaltungen machen. Seehofers Party ist ein Versuch, moderner zu wirken, stellenweise ist es sogar ein netter Versuch. Der Abend ist lau, die Lounges sind gemütlich, die Menschen sehen hübsch aus und duften gut. Der Ministerpräsident kommt ins Plaudern. Auf einer Bühne im Club, vor versammeltem Publikum befragt, spricht er über das "Vorglühen" seiner erwachsenen Kinder, wenn die am Wochenende um die Häuser zögen. "Dann kommen die im Morgengrauen wieder und schlafen den ganzen Tag." Die Kinder dürften ihn sogar Horsti nennen, wenn sie das wollten. Das habe ja auch Tradition in Bayern, diese niedlichen Kosenamen, "Horsti, Muschi…", zählt die Moderatorin auf. "Naja, Muschi würde ich jetzt vielleicht nicht sagen", erwidert Seehofer. Die Leute lachen. Edmund Stoiber hat seine Frau Karin übrigens "Muschi" genannt.

Piraten kriegen Einladung

Vom Internet schwärmt er auch, "das ist ein Segen für die junge Generation". Früher habe er Lexika gekauft, heute lese er die Welt im Web. Ideen für Postings auf Facebook habe er, "wenn ich im Auto durch Deutschland fahre". Zwar lasse er die technische Komponente, das Eintippen und Absenden, einen Mitarbeiter erledigen. Aber wahrscheinlich wirkt dieses Geständnis glaubwürdiger, als würde er sich krampfhaft als Netzprofi gerieren.

"Ich habe jetzt auch einen Mitgliedsausweis der Piratenpartei", sagte Seehofer. Der CSU bleibe er aber treu. Der Landesvorsitzende der Piraten in Bayern, Stefan Körner, überreichte Seehofer den Ausweis mit der Nummer 1337 auf der Party. Seehofer erntet wieder Lacher, als er daraufhin die Piraten zum Politischen Aschermittwoch nach Passau einlädt.

Natürlich ist das Setting wohldurchdacht: Überall liegen glänzende Flyer rum, die die Netzkompetenz der Partei illustrieren sollen. "Vernetz dich mit uns!", ruft eine Werbung der Jungen Union (JU) auf, JU-Chefin Katrin Albsteiger posiert im Trikot auf einem "Fußball-Planer" zum in die Tasche stecken, bei Bedarf kann man einen CSU-Mitgliedsantrag auf Bierdeckeln ausfüllen. Das alles wirkt professionell, aber eben manchmal auch furchtbar gewollt - und so authentisch wie die aufgespritzten Lippen einiger Damen im Publikum.

Aus Parteikreisen heißt es später am Abend, Sinn der ganzen Aktion sei vor allem eines gewesen: Die Zahl der Seehofer-Fans auf Facebook zu erhöhen - um im sozialen Netz das Rennen gegen Seehofers Konkurrenten im Wahljahr 2013, den populären SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude (SPD), zu gewinnen. Beide haben mit ein paar tausend "Fans" angefangen. Dank der P1-Party liegt Seehofer mit knapp 10.000 Facebook-Freunden nun um Längen vorn.

Das, immerhin, lässt sich auch mit einer immens geschrumpften Gästeschaar erreichen.

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insgesamt 64 Beiträge
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1. Nobeldisko?
-murof- 09.05.2012
P1 war schon immer mit der peinlichste Laden überhaupt.
2. So leicht wird der Horst...
zeitmax 09.05.2012
zum Vollhorst in der Spassgesellschaft. Man erkennt die Absicht und ist verstimmt...
3. Link? Reich mal den Joint rüber!
Ischi 09.05.2012
Wo ist der Live Stream? Wo die coole Mukke? Wenn ich das schon lese Wodka Redbull 9€ ...ts ts auf ner richtig coolen Party trinkt man Mate und raucht einen Joint!
4. Das ist...
neswlf88 09.05.2012
Zitat von sysopNeun Euro für ein Mixgetränk, faltenfreie Damen, und ein witzelnder Senior-Surfer: Horst Seehofers Facebook-Party gerät zum PR-Event. Nur ein paar hundert Gäste finden den Weg in die Münchner Nobeldisko P1. Den Mangel an Masse kaschiert der CSU-Chef mit Volksnähe. Horst Seehofer feiert Facebook-Party in München in der Discothek P1 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832142,00.html)
"Seehofer macht sich zum Horst" ...einfach mal eine der besten Überschriften die ich bei SPIEGEL online je gelesen habe :D
5. Tolle Party
Martin2 09.05.2012
Zitat von sysopNeun Euro für ein Mixgetränk, faltenfreie Damen, und ein witzelnder Senior-Surfer: Horst Seehofers Facebook-Party gerät zum PR-Event. Nur ein paar hundert Gäste finden den Weg in die Münchner Nobeldisko P1. Den Mangel an Masse kaschiert der CSU-Chef mit Volksnähe. Horst Seehofer feiert Facebook-Party in München in der Discothek P1 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832142,00.html)
Ich war auf der Party und möchte ein paar Punkte Ihres Artikels kommentieren: 1.) Zur Gästeanzahl: Die CSU hat bei 2500 Zusagen keine weiteren Gäste zugelassen, weil mehr nicht ins P1 rein passen. Wie viel der zugesagten Gäste dann wirklich kommen, darüber lagen ja keine Erfahrungswerte vor. Leer war es auf jeden Fall nicht - gerade angenehm. 2.) Ein Bier hat 3,50 Euro gekostet - das ist günstig denn normalerweise ist es im P1 fast 3 Mal so teuer. 3.) Das mit den Bierdeckeln und Flyern stimmt zwar, aber das war wirklich nicht im Vordergrund. 4.) Nachdem der Journalistenrummel nachgelassen hatte konnte wirklich jeder mit Seehofer reden und er hat geduldig zugehört- das selbe übrigens auch mit Innenminister Hermann, der ebenfalls anwesend war. Mein Fazit: Für Dienstag Abend eine angenehme Party in einer tollen Location, welche mir die CSU und Horst Seehofer auf jeden Fall ein Stück weit sympathischer gemacht hat, auch wenn ich politisch eher weiter links stehe.
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