Seehofer über Suizid von Flüchtling "Zutiefst bedauerlich"

Nach dem Suizid eines abgeschobenen Afghanen zeigt sich Bundesinnenminister Seehofer betroffen. Es war einer der Männer, deren Ausweisung er am Dienstag begrüßt hatte.

Bundesinnenminister Horst Seehofer
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Bundesinnenminister Horst Seehofer


Bundesinnenminister Horst Seehofer zeigt sich bestürzt über den Suizid eines jungen Afghanen, der aus Deutschland nach Kabul abgeschoben worden ist. "Das ist zutiefst bedauerlich, und wir sollten damit auch sachlich und rücksichtsvoll umgehen", sagte Seehofer in Innsbruck.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass sich einer der 69 afghanischen Asylbewerber des jüngsten Abschiebeflugs aus Deutschland in der afghanischen Hauptstadt Kabul das Leben genommen hat. Am Dienstag hatte sich Seehofer bei der Präsentation seines "Masterplans Migration" über die Zahl gefreut: "Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 - das war von mir nicht so bestellt - Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war."

Der Mann sei dem Innenministerium von der Stadt Hamburg für die Abschiebung gemeldet worden. "Die Bundesländer führen uns diese Personen zu, und wir unterstützen die Bundesländer bei diesen Abschiebungen." Man müsse die Hamburger Behörden fragen, "warum sie diese Person vorgeschlagen haben".

Laut Ausländerbehörde sei der Mann 23 Jahre alt gewesen, 2011 nach Deutschland eingereist und habe Asyl beantragt. Dieser Antrag sei ein Jahr später abgelehnt worden. Dagegen habe der Mann Klage eingereicht, diese habe er jedoch nicht mehr weiterverfolgt, weshalb das Verfahren 2017 eingestellt wurde. Zuletzt habe der Afghane mit einer Duldung in Hamburg gelebt. Er sei in Deutschland rechtskräftig wegen Diebstahls und Körperverletzung verurteilt gewesen.

Mit dem jüngsten Abschiebeflug hatte allein Bayern 51 Afghanen abgeschoben. Außerdem hatten sich laut BMI die Länder Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Berlin, Rheinland-Pfalz, Hessen und Schleswig-Holstein beteiligt.

Migrationskatalog

Rücktrittsforderungen aus der Opposition

Besonders bei der Opposition löste Seehofers Aussage Empörung aus. Politiker von SPD, Grünen und Linkspartei hatten seine Äußerung als zynisch aufgefasst und den CSU-Politiker scharf kritisiert. Seehofer selbst bedauerte seinen Tonfall allerdings nicht: "Das wusste ich gestern nicht. Das ist heute in der Früh bekannt geworden", sagte er über den Suizid des Afghanen.

Juso-Chef Kevin Kühnert schrieb auf Twitter, Seehofer sei ein "erbärmlicher Zyniker und dem Amt charakterlich nicht gewachsen". Sein Rücktritt sei überfällig. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt mahnte: "Abschiebungen eignen sich nicht für Scherze." Bei Seehofer seien Entscheidungen über Menschenleben deshalb "in schlechten Händen".

Auch Rücktrittsforderungen waren laut geworden: "Es ist höchste Zeit, dass Seehofer geht", teilte am Mittwoch der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, Jan Korte, mit. Die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Gyde Jensen (FDP), sagte dem "Tagesspiegel", Seehofer sei aufgrund seiner zynischen Äußerungen "offensichtlich falsch im Amt". Seehofer selbst reagierte mit Unverständnis. Er verstehe diese Forderungen überhaupt nicht, sagte er in Innsbruck.

eaz/dpa/Reuters

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