Seehofer verstehen Auch nur ein Mensch

Tragödie oder Farce? Horst Seehofer kämpft um die Zukunft der CSU. Aber für die Korrektur des größten Fehlers der Vergangenheit ist es zu spät.

DPA

Eine Kolumne von


"Er is a mentsch", das sagt man auf Jiddisch, wenn man jemandem ein Kompliment machen will. "A mentsch" ist ein feiner Kerl. Einer, der tut, was er sagt. Vielleicht ist der Seehofer Horst so "a mentsch"? Einer, der in einer wichtigen politischen Frage nicht einknickt. Vielleicht ist Seehofer aber auch einfach nur - ein Mensch, bei dem, wie bei uns allen, irgendwann die Sicherungen durchbrennen.

Jedenfalls menschelt es bei Seehofer in einer für Politiker ganz ungewöhnlichen Weise. Fassungslos sieht der Rest der Welt Seehofer beim menscheln zu, und man weiß gar nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Aber ganz gleich, ob das Titanengefecht zwischen der preußischen Eisenkanzlerin und dem bayerischen Hartholzhorst als Tragödie oder als Farce endet - von dem Schock dieses Wochenendes wird sich die Union nicht so bald erholen und die Bundeskanzlerin gar nicht.

Es geht nicht um Ausländer

Es ist für Laien - und für alle anderen auch - nicht mehr so ganz einfach, herauszufinden, worüber der Streit zwischen CSU und CDU eigentlich geht. Sicher ist: Von Flüchtlingen und Migranten haben beide Unionsparteien gleichermaßen die Nase voll. In der Welt des politisierten Christentums gilt längst wieder jede Schlechterbehandlung von Migranten als "Fortschritt". Am liebsten soll der Ausländer bei sich bleiben. Und wenn das nicht geht, dann ab ins Lager, am besten in Afrika, notfalls in Bayern, jedenfalls an einem Ort - sagen wir - konzentriert.

Es geht also im Streit der Union nicht um die Ausländer. Es geht um Angela Merkel. Die CSU hat kein Ausländerproblem. Sie hat ein Angelaproblem. Seehofer will den Preis nicht zahlen, den Merkels Politik die CSU kostet. Aber es ist zu spät, viel zu spät. Jetzt kommt Panik auf.

Man sieht an den Kommentaren über die Unionswirren, dass nördlich des Mains das Verständnis für die bayerische Seelenlage fehlt. Seit 1957 stellt die CSU den Ministerpräsidenten in Bayern. Seit 1962 regiert die Partei allein mit absoluter Mehrheit - die 2008 kurz verloren ging und 2013 wieder erobert werden konnte. Die CSU spielt - man muss das leider so sagen - in einer ganz anderen Liga als Angela Merkel. Der Kanzlerin kann die Zerrüttung des deutschen Parteiensystems egal sein.

Hauptsache, eine von ihr geführte Regierung hat immer eine Stimme mehr als die anderen. Für die CSU sieht das anders aus.

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Die Union hat einen schweren strategischen Fehler gemacht, als sie die AfD unterschätzte. Noch Ende 2014 erinnerte Wolfgang Schäuble an die kurze braune Blüte der "Republikaner" und prophezeite: "Ich denke, so wird es auch der AfD gehen." Was für ein Irrtum! Es fehlte der Union damals an radikalem Realismus. Auf die Gründung der AfD hätte sie mit einer bundesweiten Ausdehnung der CSU reagieren müssen.

Was Franz Josef Strauß 1976 nicht wagte - aus Sorge um den konservativen Kern der Union, gegen den Modernisierer Helmut Kohl, den Sprung nach Norden zu machen - das hätte Seehofer unter dem Ansturm der AfD-Horden gegen die Modernisiererin Merkel wagen müssen. Jetzt ist die AfD zur sagenumwobenen "Vierten Partei" geworden. So nannte man in einer lang zurückliegenden Vergangenheit, als es drei Programme im Fernsehen gab und drei Fraktionen im Bundestag, die Vision einer bundesweiten CSU, einer bürgerlich-konservativen Partei rechts von der CDU.

Die politische Kultur des Landes hätte gewonnen. Solche düsteren Rassisten wie Björn Höcke gibt es in der CSU nicht. Und tatsächlich sagten die Umfragen immer wieder, dass die AfD-Anhänger mehr von Horst Seehofer hielten als von ihrer eigenen Parteispitze.

Ein historisches Versagen

Das wäre eine andere politische Welt gewesen: Die CDU wäre die eine, große Volkspartei der Mitte, rechts flankiert von der kleinen Schwester CSU, links von den Grünen. Die AfD wäre marginalisiert oder tot, die Linken auf ewig in den östlichen Schmollwinkel verbannt und die SPD, ja, die SPD - die hätte da gar keinen sinnvollen Platz mehr. Mit Blick auf Bebel und Brandt wäre das traurig, keine Frage.

Dass es so nicht kam, ist ein historisches Versagen. Aber nun ist es zu spät. Die AfD ist in die Lücke gestoßen, die CDU und CSU ihr bereitwillig ließen.

Und jetzt, da ihm das alles klar wird, da es ihm wie Schuppen von den Augen fällt, da dreht Horst Seehofer am Rad, er tritt zurück, tritt vom Rücktritt zurück, und versucht, in aller Panik etwas festzuhalten, was nicht mehr zu halten ist.

Dabei ist diese Einstellung eigentlich gar nicht bayerisch, dass irgendwas von Dauer sei. "Was ist so ein Mensch schon? Nackert ist er, nackert", hat die Mutter von Oskar Maria Graf gesagt, dem bayerischen Nationaldichter, der auch im New Yorker Exil nie die Lederhose ablegte:

"Und wenn er gestorben ist, ist er ein Haufen Dreck."

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insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
93160 02.07.2018
1. Ja es menschelt
Ein fast ruehrender Kommentar von Augstein. Aber nicht die Union allein hat die AFD unterschaetzt. SPD, Gruene und CDU haben nicht begriffen, wenn sie Einheitspartei in Deutschland erschaffen, kann der Waehler ja nur zu den extremen Parteien laufen. Das hat sogar die Madame Wagenknecht begriffen.Und instinktiv auch die CSU. Die Merkel, meine Meinung, hat Deutschland so geschadet, es ist nicht mehr gut zu machen. Diesen Geist bekommt man nicht mehr in die Flasche.Und da geht es nicht nur um Asylpolitik, ueberhaupt nicht. Das Entsetzen in Seehofers Gesicht bei der BTW hat alles gesagt. Die Merkel macht ja nur alles richtig. Sollten in Deutschland die SPD, Merkel und Gruene regieren eines tages, tut mir leid, aber dann wuerden in Frankreich die Alarmglocken leuchten.Denn Demokratie lebt von Unterschieden. Hat nicht einmal die SPD in Deutschland begriffen.Die gruenen sind eine Sekte, die wuerden mit jeden regieren. Die Wagenknecht ist die einzige die das versteht.
jamguy 02.07.2018
2.
Zitat von 93160Ein fast ruehrender Kommentar von Augstein. Aber nicht die Union allein hat die AFD unterschaetzt. SPD, Gruene und CDU haben nicht begriffen, wenn sie Einheitspartei in Deutschland erschaffen, kann der Waehler ja nur zu den extremen Parteien laufen. Das hat sogar die Madame Wagenknecht begriffen.Und instinktiv auch die CSU. Die Merkel, meine Meinung, hat Deutschland so geschadet, es ist nicht mehr gut zu machen. Diesen Geist bekommt man nicht mehr in die Flasche.Und da geht es nicht nur um Asylpolitik, ueberhaupt nicht. Das Entsetzen in Seehofers Gesicht bei der BTW hat alles gesagt. Die Merkel macht ja nur alles richtig. Sollten in Deutschland die SPD, Merkel und Gruene regieren eines tages, tut mir leid, aber dann wuerden in Frankreich die Alarmglocken leuchten.Denn Demokratie lebt von Unterschieden. Hat nicht einmal die SPD in Deutschland begriffen.Die gruenen sind eine Sekte, die wuerden mit jeden regieren. Die Wagenknecht ist die einzige die das versteht.
die nächsten Wahlen werden bezeugen Wer den richtigen Kurs gefahren hat und is der sinnvollste Moment eventuell aus zu scheiden?
lemmy 02.07.2018
3. Dieser Streit ist keine Katastrophe, das ist Politik, ist Demokratie!
Sieht man die vorwurfsvollen Mienen sämtlicher Protagonisten, Journalisten und Politikern der letzten Tage in ARD und ZDF könnte man glatt meinen, die Welt ginge unter, weil jemand (oder ein paar mehr-hoffentlich-) am Stuhl der ewigen Kanzlerin sägen. Das Gegenteil ist der Fall. Dieser Bruch wäre eine Chance auf politischen Neubeginn. Dieses Land bewegt sich seit 14 Jahren in einer Art Dämmerschlaf, so als hätte man der Bevölkerung ein Langzeitsedativum verabreicht. Und wenn einmal im Jahr ihre "Herrscherin" zu ihnen spricht, fallen sie wieder für 12 Monate bis zur nächsten Sonntagspredigt in den Tiefschlaf. Schluss damit. Wenn sie fällt, geht die Welt nicht unter. Es wird sich nicht die Erde unter Europa auftun und Deutschland und den Rest der EU im Erdkern verschwinden lassen. Versprochen. Und weder Europa noch Deutschland mit seiner Wirtschaft wird untergehen, wenn es wieder Grenzkontrollen gibt. Das ist völliger Schwachsinn und entbehrt jeglicher Grundlage. Ganz im Gegenteil: Die letzten G7 und G20 Gipfel in Hamburg und Ellmau haben gezeigt welche gravierenden Erfolge die Polizei in wenigen Tagen erreicht hat. Die Bekämpfung von Kriminalität ist entgegen aller Unkenrufe etwas GUTES, man munkelt, es sei sogar positiv für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Dass Grenzabweisungen sogar gesetzlich vorgeschrieben sind, und zwar in noch viel weitreichender Form als Horst das umsetzen wollte, ist nur ein weiterer "Gag" in diesem ganzen absurden Affentheater um Migration. Nachzulesen in der Expertise des ehem. Bundesverfassungsrichters Papier. Aber wen interessiert heute noch die Rechtslage, die Sachfragen? Niemand. Es geht um selbst ernannte Moralapostel, machthungrige Politiker, die meinen sie stünden über ALLEM, über den Gesetzen und über dem Volk. Ja, das gibt´s auch noch, das Volk. Ich höre K.G.E. und C.R. schon wieder schreien. Weil heute im Jahre 14 n.M. wird nicht mehr geschaut "was" jemand sagt, sondern "wer" es sagt. Und stehst du auf der "falschen" Seite, bist du draußen. Und "falsch" ist immer genau da, wo "Kim Jong Merkel" nicht steht! Mehr muss man über dieses Deutschland nicht mehr wissen. Unterirdisch!
jj2005 02.07.2018
4. Eine kleine Spitze gefällig?
"... und die SPD, ja, die SPD - die hätte da gar keinen sinnvollen Platz mehr. Mit Blick auf Bebel und Brandt wäre das traurig, keine Frage" Nanu, da muss sich ja bei Herrn Augstein ordentlich Wut auf die alte Tante aufgestaut haben ;-) Herr Seehofer wird seinen Ruhestand geniessen, das scheint ziemlich klar. Und Pitbull Söder kann man sich kaum als Partner einer Fraktionsgemeinschaft vorstellen. Es läuft wohl alles auf eine Spaltung hinaus. Macht nix, die Demokratie hält sowas locker aus. Hauptsache, Gauland und Höcke werden dahin zurückgewählt, wo sie hingehören - auf den Müll der Geschichte.
diavid 02.07.2018
5. Konzentrationslager
Sorry, aber der Vergleich mit den Konzentrationslager geht gar nicht. Was für eine Entgleisung. Die Lager sind zwar kein Feriencamp, aber die sind dazu da, dass die Menschen nicht unter freiem Himmel schlafen und hungern müssen. Wie man das mit Orten vergleichen kann in denen Menschen mit Absicht ausgehungert wurden, sich tot arbeiten mussten oder als ganze Zugladung vergast wurden, kann ich mir nicht erklären.
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