Seehofer vor Bayernwahl "Es ist immer noch meine Partei"

Horst Seehofer und seine CSU haben sich entfremdet. Der Vorsitzende macht sich im Bayern-Wahlkampf rar und trauert alten Ämtern nach. Muss er bald gehen?

Horst Seehofer (Archivbild)
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Horst Seehofer (Archivbild)

Von , München


Schon das Einladungsschreiben des örtlichen CSU-Kreisverbandes Rosenheim lässt ahnen, dass die Sache ein bisschen kompliziert ist. Als Hauptredner für den Abend angekündigt ist der "Bundesinnenminister, Bayerische Ministerpräsident a.D., CSU-Parteivorsitzende". Format des Abends: "Seehofer persönlich".

"Söder persönlich" heißt die Veranstaltungsreihe, mit der der bayerische Ministerpräsident durch die Kinosäle seines Bundeslandes tourte. Markus Söder erzählt dabei von seinen Hunden und seinen Faschingskostümen, es ist eine Präsentation im Plauderton, durchsetzt von altbekannten Anekdoten und Witzen.

Anders der Auftritt von Söders Vorgänger Seehofer am vergangenen Freitagabend in der Wendelsteinhalle im oberbayerischen Brannenburg: Abgekämpft und müde wirkt Seehofer, immer wieder sagt er Sätze, die man als Abschiedsworte oder als Kampfansage verstehen kann, die Bandbreite ist bei Seehofer immer drin. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wenn man in Berlin umzingelt ist, wie schön es ist, ins gelobte Land zurückzukommen."

"Das schönste Amt auf Erden"

Der Parteivorsitzende meint natürlich Bayern, das er vor einigen Monaten gen Berlin verlassen musste. "Nun bin ich also Bundesinnenminister", sagt Seehofer. "Nicht die schönste Aufgabe, sondern die schwerste." Ganz anders als das Amt des Ministerpräsidenten. "Das hat mir viel Spaß gemacht."

Seehofer zitiert Franz Josef Strauß und dessen Satz zum Ministerpräsidenten - "nach dem Papst das schönste Amt, das auf Erden zu vergeben ist". Doch sein eigener Wechsel nach Berlin habe erst den Generationswechsel in Bayern ermöglicht.

Es ist Seehofers Sicht der Dinge, kein Wort darüber, dass er nicht freiwillig gegangen ist, dass ihn seine eigene Landtagsfraktion zur Rochade zwang und ihn in einem Parteiamt beließ, dessen Ende absehbar ist. "Seehofer persönlich" gewährt vor allem einen Einblick in persönliche Kränkungen und Verletzungen.

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Seehofer im Bayern-Wahlkampf: Zwischen Trauer und Wut

Der Vorsitzende hält sich zurzeit nicht viel in Bayern auf. Parteifreunde machen ihm den Vorwurf, dass er sich zu wenig in den Wahlkampf einbringe. Am Tag der Deutschen Einheit nimmt Seehofer in Rott am Inn an einem Gedenkakt für Franz Josef Strauß teil, den er zum 30. Todestag als "Schöpfer des modernen Bayern" würdigte. Er hat diese Woche noch einen Wirtshausauftritt im oberbayerischen Dietramszell, am Montag folgt ein gemeinsamer Termin mit Söder im Stadttheater von Seehofers Heimatstadt Ingolstadt.

Mühlstein am Hals der Wahlkämpfer

Es steht nicht gut zwischen der CSU und ihrem Vorsitzenden. Die Wahlkämpfer im Land, die Landtagsabgeordneten und Parteifunktionäre, beschweren sich über den Gegenwind aus Berlin und die Dominanz der Bundespolitik. Der Parteichef gehört in diesen Erzählungen eindeutig zur Berliner Sphäre, als Mühlstein am Hals der Wahlkämpfer.

Am Montag wurde wieder einmal sichtbar, wie stark sich Seehofer und seine Partei voneinander entfremdet haben. In München tagt der Vorstand, das Führungsgremium der Partei. Seehofer muss früher gehen, das ist schon seit Tagen so geplant, in Berlin tagt am Abend der Koalitionsausschuss zu den Diesel-Umtauschprämien.

Nachdem Seehofer gegangen ist, setzt es Kritik von den Zurückgebliebenen. Sie sei "fassungslos", dass der Parteivorsitzende kurz vor der Wahl eine solche Sitzung vorzeitig verlasse, soll die Landtagspräsidentin Barbara Stamm gesagt haben. Zu bleiben wäre eine "Frage des Stils" gewesen. Auch andere Parteivordere beschweren sich über Berlin. Die Zitate machen sogleich die Runde, als willkommener Beleg für den Autoritätsverlust des Vorsitzenden.

Die Schuldfrage für die drohende Niederlage ist für viele längst entschieden: Seehofer soll herhalten, auch um von anderen Fehlern abzulenken. Fällt das Ergebnis am 14. Oktober so aus, wie es die Umfragen prophezeien, dann wird es wahrscheinlich Rücktrittsforderungen an ihn aus seiner Partei geben. Offen oder nur mäßig kaschiert in Formeln wie "Neuanfang", "Neuaufstellung", "Umbruch" und "Generationswechsel".

Gewählt bis Ende 2019

Es könnte viele Enttäuschte geben, denn die CSU wird wohl massiv Mandate einbüßen und später Posten in den Ministerien. Und in der Niederlage kämpft jeder für sich allein. Interessant wird sein, aus welchen Ecken im weiten CSU-Reich die Kritiker kommen. Drei Bezirksverbände könnten einen Sonderparteitag außer der Reihe einberufen. Einstweilen ist Seehofer gewählt bis Ende 2019, als Parteichef wäre er auch für Koalitionsverhandlungen zuständig.

"Es ist der modernste Sport im Moment: Ich bin an allem schuld", so kommentiert Seehofer am Montag die Anwürfe von allen Seiten. Wie sehr er sich zu Unrecht in der Kritik sieht, betonte er auch zuvor auf der Wahlkampfveranstaltung in Brannenburg. Er sei die "Zielscheibe von einem Quadratkilometer Meinungsmache in der Hauptstadt", so Seehofer. Dabei sei er "ein friedfertiger Mensch", das wisse auch die Kanzlerin.

"Man kann mir vieles nehmen, nur nicht meine Überzeugungen", ruft Seehofer. Und: "Ein Politiker muss schon Überzeugungen haben, einen Wertekompass, nach dem er handelt." So redet jemand, der mit seinem Amt auch schon um sein Vermächtnis kämpft. Das Gesundheitsministerium habe er bekleidet, ohne Arzt zu sein, nun sei er eben für die Migration zuständig. Aber immer habe er recht gehabt - das Grundmotiv zieht sich durch die Rede.

Früher gab es mehr Pralinen

"Ich muss keinen einzigen Satz meiner Überzeugungen in der Migrationspolitik ändern", sagt Seehofer. 2015 habe er dafür sogar von seiner Landtagsfraktion stehenden Applaus bekommen. Das sei danach nie mehr passiert. Und den Verfassungsschutzpräsidenten habe er verteidigen müssen, weil die SPD eine Kampagne gegen ihn gefahren habe.

Widerworte bekommt Seehofer in Brannenburg nur von einigen Anrainern, die fordern, die Schienen für die Brenner-Ausbaustrecke im Inntal unter die Erde zu verlegen. Seehofer verspricht, das Anliegen an den Bundesverkehrsminister weiterzugeben, der ihm hoffentlich zuhören werde. "Es ist immer noch meine Partei."

Sonst dominiert in Brannenburg christsoziale Eintracht, das Publikum ist mit dem Auftritt des Chefs zufrieden. Die Blaskapelle spielt, gegenüber der Bühne hängen Kreuz und Hirschgeweih. "Du bist ein echter Freund und Staatsmann", sagt der Kreisvorsitzende.

Seehofer verspricht wiederzukommen, so jung sei er schließlich noch. Die Partei überreicht ihm einen Löwen aus Schokolade, gefertigt in einer örtlichen Manufaktur. Seehofer bedankt sich und sagt: "Ich möchte nicht verschweigen: In meiner Zeit als Ministerpräsident gab es mehr Pralinen."



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zeisig 03.10.2018
1. Na ja,
der Mann ist Bundesinenminister. Welchem "alten Amt" sollte er da bitteschön nachtrauern ? Daß er sich im Wahlkampf rar macht hat einen einfachen Grund: Er ist Bundesinnenminister und als solcher weiß Gott viel beschäftigt, wie man an seiner permanenten Präsenz in den Medien schön verfolgen kann. Also ich verstehe nicht, wie man von diesem Mann mehr Einsatz im bayrischen Wahlkampf erwarten kann. In Bayern haben sie anderes Personal und der Ministerpräsident heißt schon lange nicht mehr Horst Seehofer.
Ontologix II 03.10.2018
2. Seehofer ist eigentlich kein Unsympath ...
... aber es fehlt ihm die innere Festigkeit, überzeugende Programme zu entwerfen und durchzuziehen. Wie Max Streibl, einer seiner Vorgänger, ist er überfordert.
Dirko 03.10.2018
3. Seehofer als Sündenbock
Man könnte fast Mitleid mit ihm bekommen, wenn er es nicht durch seine ständige Hetzerei gegen Ausländer selbst verursacht hätte. So kann man nur sagen, dass er es sich wohl verdient hat. Anstatt Wähler damit von der AfD zurückzuholen hat er viele weitere vergrault, die ein christliches und humanistisches Weltbild haben.
tulius-rex 03.10.2018
4. Götterdämmerung
Vielleicht dämmert es diesem überschätzten Regionalfürsten irgendwann was er für Bayern und die Bundesrepublik in über drei Jahren konsequenter, täglicher Zerstörung der Glaubwürdigkeit der Regierung geleistet hat. Die rücksichtslose Stärkung der AfD durch ständiges friendly fire auf die eigene Regierung durch ihn und den Altministerpräsidenten Stoiber. Da hilft kein Bierkrugstemmen mehr. Der durch Seehofer angerichtete Schaden ist maximal und manifestiert sich in 92 Rechtshetzern im Bundestag und bald auch im bayerischen Landesparlament.
spon-1305676456751 03.10.2018
5. Seehofer
Erinnert mich ein wenig an die afrikanischen Despoten, die oft in jungen Jahren mit neuen, guten Ideen ein Land begeistern und bereichern können, dann aber im Alter mit Stur- Und Machtbessesenheit vieles von dem positiven Image wieder kaputt machen. Das kämpfen um jeden Zentimeter Macht sowie die verletzte Eitelkeit des Herrn Seehofer als Ministerpräsident gegangen worden zu sein sitzt tief und kostet neben anderen Gründen „seiner“ Partei wahrscheinlich die absolute Mehrheit. Aufhören, wenn’s am schönsten ist wäre mein Ratschlag.
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