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Hoyerswerda: Wendekind Sarah verlässt die schrumpfende Stadt

Von Till Mayer

Die Bevölkerungszahl im Osten Deutschlands sinkt beständig - obwohl viele junge Menschen gerne bleiben würden. Doch leider haben sie dort kaum Perspektiven. So wie in Hoyerswerda. Hier packt Sarah Stötzner ihre Koffer. Sie ist 1989, im Jahr des Mauerfalls, geboren.

Hoyerswerda - Keine drei Tage alt und schon gibt es die erste Revolution. Den Jungmüttern stinkt es gewaltig: Engpass bei der Windelversorgung im Frauenkrankenhaus Hoyerswerda. In der Neugeborenen-Station brodelt der Volkszorn, und nicht nur die Babys krakeelen.

Es ist Ende August 1989, Romy Stötzner hält ihre neugeborene Sarah im Arm und wundert sich über all die jungen Frauen, die sich lautstark beschweren. "Vor einem Jahr hätten sie das so nicht gewagt", denkt sich die damals 23-Jährige. Aber in der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR, beginnt ein anderer Wind zu wehen. Erst leise, bis er zum Sturm anschwillt, der das kommunistische Regime hinwegfegen wird. Die Menschen im Osten Deutschlands starten ihre friedliche Revolution, erkämpfen sich Stück für Stück Rede- und Pressefreiheit, Demokratie und die deutsche Vereinigung.

Als die Staatsführung unter Erich Honecker im Oktober 1989 die Nationale Volksarmee säbelrasselnd und panzerkettenklirrend zum 40. Jahrestag der DDR aufmarschieren lässt, ist es ein Beerdigungszug, der ohne viele Umwege auf den Friedhof der Geschichte führt.

Wir Krisenkinder
Julia Schäfer / privat / Corbis / Michael Nowak
Lange konnte die Generation der Krisenkinder den Wohlstand ihrer Eltern genießen. Jetzt muss sie festellen, dass sozialer Abstieg möglich ist. Ihr Abwehrkampf gegen ein prekäres Leben ist höchst individuell. Was sie eint: Sie sind jung, gut ausgebildet -: und bekommen kaum eine Chance. mehr...
Am 24. August 1989 beginnt für Romy Stötzner und ihren Mann Delf ein ganz anderes, ganz privates Abenteuer. Das junge Paar bekommt ein Kind - Sarah: Blaue Augen, blonder Haarschopf, Babyspeck, daran können sich die jungen Eltern gar nicht sattsehen. Um sie herum gerät ein ganzes Land in Aufruhr und aus den Fugen. Doch das Innenleben ihres Kinderwagens, das ist den beiden Stölzners jetzt das Wichtigste.

Die beiden Lehramtsstudenten freuen sich über ihr kleines Glück im Wohnkomplex 10, kurz und bündig WK 10 genannt. 45 Quadratmeter Wohnung mit Kochnische im genormten Plattenbau, mit dicken grauen Betonwänden und einem Treppenhaus, in dem der Wind pfeift, wenn es draußen stürmt.

Ihre "Platte" im WK 10 ist kaum älter als ein Jahr. Alles funktioniert bestens, sogar der betagte Schwarzweißfernseher. Und das Wohnzimmer ziert eine nagelneue Couchgarnitur. Bezahlt vom zinslosen Ehekredit. 7000 DDR-Mark gibt es vom Staat, ein weiteres Geldgeschenk für die Geburt von Sarah.

Sozialistische Musterstadt in Beton gegossen

In der DDR wird jung geheiratet, auch, weil es dann schneller mit der Wohnungszuweisung klappt. Mit dem Elternglück lassen sich die jungen Menschen ebenfalls nicht viel Zeit. Alles ist ja schließlich geregelt: Kinderkrippe, Arbeitsplatz, dafür gibt der sozialistische Staat eine Rundum-Garantie.

Arbeitsplatz - in Hoyerswerda heißt das bis 1989 "Schwarze Pumpe". In dem gewaltigen Kombinat wird aus Braunkohle Gas gewonnen. Das Kombinat hat aus dem verschlafenen 6000 Einwohner-Städtchen ab den fünfziger-Jahren eine Stadt mit gewaltigen Hochhaussiedlungen geformt, die 1989 exakt 67.881 Einwohner zählt. Auf der grünen Wiese entstand eine sozialistische Musterstadt aus Beton gegossen.

Juli 2009: Der Himmel ist grau und Wolken behangen. Grau in Grau auch die Betonplatten, die sich Stockwerk für Stockwerk nach oben ziehen. Sarah Stötzner steht am Rande von Wohnkomplex 10. Die fast 20-Jährige wohnt jetzt schon seit Jahren mit ihren Eltern in einem schmucken Eigenheim in Schwarzkollm, einem Dorf außerhalb von Hoyerswerda mit alten Bauernhäusern, Vorgärten mit Blumenrabatten und einer Neubausiedlung, in der sich Einfamilienhäuser ringförmig aneinanderreihen. Schwarzkollm ist gepflegt, vielleicht ein wenig zu konserviert, und hat dafür die Goldmedaille im bundesdeutschen Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" erhalten.

"Bei DDR denke ich zuerst an Stasi"

Im Wohnkomplex 10 gibt es wenig Medaillenverdächtiges zu sehen. Doch bei einem der Gebäude grinsen Außerirdische von den Wänden, bekennen hintersinnige Graffitis Farbe auf Waschbeton. "Das ist die Malplatte", sagt Sarah Stötzner nicht ohne Stolz. Ein Kunstprojekt der Kulturfabrik, erklärt sie. Mit ihren Freundinnen hat sie daran mitgearbeitet. Zusammen wollten sie ein Weltenlabyrinth in einer der leerstehenden Wohnungen malen. Zielort aller Wirrungen sollte Hoyerswerda sein. Die jungen Leute haben es nicht mehr geschafft, ihr Projekt fertigzustellen. "Schade, das ärgert mich schon ein wenig", meint Sarah Stötzner.

"Verweile doch", steht oben auf der "Platte". Ein vergeblicher Wunsch, das Haus wird bald abgerissen. Vielleicht auch das Nachbargebäude. Auch dort reihen sich verwaiste, dunkle Fenster aneinander. Und dahinter, auf dem Spielplatz, spielt nur der Wind mit der Schaukel. Alles wirkt verlassen. Der ehemalige Supermarkt des WK ist schon lange geschlossen.

"Später haben wir im WK 9 gewohnt", sagt die Blondine. Das liegt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Gebäude ist abgerissen, vom Erdboden verschwunden. Wieder ein Stück DDR-Erinnerung getilgt.

DDR - für Sarah Stötzner ist das schlicht Geschichte. In ihrem Geburtsjahr ging ein System zu Ende, das sie heute nur aus dem Unterricht und den Erzählungen ihrer Eltern kennt. "Bei DDR denke ich zuerst an Stasi", sagt sie. Aber irgendwie fällt es ihr trotzdem schwer, den verblichenen Staat generell als Unrechtsstaat abzustempeln. "Ich glaube, es war nicht alles falsch, zum Beispiel die vielen sozialen Leistungen. Oder die Idee, die dahinter stand, dass alle Menschen gleich sind", meint die junge Frau.

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