Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

HRE-Insider über die Krisenbank: "Man konnte nur noch beten"

Die Beinahe-Pleite der Hypo Real Estate forcierte in Deutschland die Finanzkrise - die Bank musste sich in die Obhut des Staates retten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE berichtet der ehemalige Risiko-Controller Stéphane Wolter, wie die HRE in den Abgrund taumelte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wolter, im Untersuchungsausschuss des Bundestags haben mehrere Zeugen bislang ausgesagt, dass ein entscheidender Risikofaktor die irische Depfa war, die von der HRE im Herbst 2007 erworben wurde. Wurde in diesem Augenblick die HRE vergiftet?

HRE-Bank in München: Einst grünes Licht für zu hohe Renditeerwartungen
DDP

HRE-Bank in München: Einst grünes Licht für zu hohe Renditeerwartungen

Wolter: Mit dem Kauf der Depfa war das Umfallen der HRE programmiert. Die Welle an kurzfristigen Verbindlichkeiten war schon beim Erwerb der irischen Tochter so stark, dass man nur noch beten konnte: Hoffentlich trocknet der Geldmarkt für die Depfa nicht aus!

SPIEGEL ONLINE: Die staatliche Rettung war also notwendig?

Wolter: Ja. Die HRE ist zweifelsohne eine systemrelevante Bank. Und sie war im Laufe des Jahres 2008 bereits so stark mit der Depfa verwoben - die HRE-Holding und die HRE-Bank wären im Sog der Depfa einfach mit untergegangen.

SPIEGEL ONLINE: Im Ausschuss machten Zeugen der Bundesbank und der BaFin die Pleite der US-Bank Lehman für das Beinahe-Ende der HRE verantwortlich. Zu Recht?

Wolter: Ich würde behaupten, dass Lehman wie ein Katalysator gewirkt hat. Sie hat das Beinahe-Ende nicht verschuldet, sondern eher beschleunigt und verstärkt. Bei genauerem Hinsehen war vieles früher absehbar - etwa wenn die HRE die Liquiditätsberichte der BaFin vorgelegt hätte. Auch die Geschäftsberichte der Depfa zeigten, dass Forderungen und Verbindlichkeiten aus dem Gleichgewicht geraten waren.

SPIEGEL ONLINE: Der Vorstand der HRE hätte den Aufsichtsrat und die Aktionäre also schon früher auf die Risiken hinweisen können?

Wolter: Ja. Das Problem war nur: Hätte sich die HRE früher in der Öffentlichkeit offenbart, dann wäre das Ende noch schneller gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Hätte denn die HRE ohne die Depfa überlebt?

Wolter: Die HRE als Bank ohne Kundeneinlagen wäre zweifelsohne auch ohne Depfa in gewisse Liquiditätsschwierigkeiten gekommen. Man kann hier keine Zahl nennen, das wäre spekulativ. Aber dieser Liquiditätsbedarf hätte sich in einem absolut erträglichen Rahmen gehalten. Die HRE - ohne Depfa - ist weitestgehend fristengerecht durchfinanziert. Sie hatte ein ganz anderes massives Problem. Viele Großaktionäre und institutionelle Investoren erwarteten für ihr eingebrachtes Kapital eine unrealistisch hohe Rendite. Das war mit dem originären Geschäftsmodell der HRE und seinem sich selbst auferlegtem konservativen Risikoprofil als Immobilienbank unvereinbar.

SPIEGEL ONLINE: Georg Funke, der frühere HRE-Vorstandschef, versprach Renditen von bis zu 30 Prozent bei der Depfa.

Wolter: Ja, und es gab sogar Investoren, die haben das geglaubt. Ich habe mich immer gefragt, welchem geplanten Szenario diese 30 Prozent unterliegen. Wenn man sich das vermeintlich konservative Staatsfinanzierungsgeschäft der Depfa vor Augen führt, erscheint dieses Wachstum utopisch. Hinzu kam aber auch, dass der HRE-Vorstand selbst unter massiven Druck stand.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wolter: Die HRE galt als potentieller Übernahmekandidat. Die Rating-Agenturen setzten den Vorstand der Holding massiv unter Druck - sie drohten mit einer Abwertung, sollte sich die HRE nicht innerhalb kürzester Zeit um neue Geschäftsfelder bemühen. Die Rating-Agenturen erwarteten eine Risikodiversifizierung, was im Grundsatz ja auch in Ordnung ist. Eine Abwertung aber hätte auch das Ende für das Geschäftsmodell der HRE mit Gewerbeimmobilien bedeutet. Die Refinanzierungskosten wären dann zu hoch gewesen, die Margen in der Folge zu niedrig.

SPIEGEL ONLINE: Die Rating-Agenturen drückten die HRE faktisch zum Kauf der Depfa?

Wolter: Sie haben auf jeden Fall eine große Mitschuld an der Misere. Noch zwei Wochen, bevor die HRE Zahlungsschwierigkeiten bei der Depfa offenbarte, hat eine der Rating-Agenturen die Bonität der Depfa besser eingestuft als die der HRE-Bank. Das war für die Treasurer in der HRE-Bank mehr als befremdlich.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Ruf genoss denn die irische Depfa vor dem Kauf durch die HRE?

Wolter: Auf dem Kapitalmarkt war sie schon 2007 ein ungeliebtes Kind. Aber für das Management der HRE schien sie die letzte Möglichkeit zu sein, um die Eigenständigkeit des HRE-Konzerns zu bewahren.

SPIEGEL ONLINE: Hätte es für die HRE einen anderen Ausweg gegeben?

Wolter: Aus meiner Sicht nur durch den Verkauf der HRE an einen anderen, stärkeren Partner. Aber nachdem die HRE die Depfa erworben hatte, war eine Fusion mit einer anderen Bank nicht mehr möglich. Um es salopp auszudrücken - durch die Depfa hatte auch die HRE die Krätze.

SPIEGEL ONLINE: Die Bankenaufsicht BaFin orderte im Frühjahr 2008 Bundesbanker zur irischen Depfa und zu drei weiteren Töchtern der HRE. Das Risikomanagement wurde dabei untersucht. In einem Prüfbericht wurden Fehler im Kontrollsystem bemängelt. Wie stellte sich das in Ihrer alltäglichen Arbeit dar?

Wolter: Das Risiko-Controlling der HRE-Holding, dem ich bis Januar 2008 angehörte, wurde instrumentalisiert. Zwar waren wir eigentlich zuständig, doch regelmäßig wurden wir von dezentralen Risikoeinheiten informell überstimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah das konkret aus?

Wolter: Während das Risiko-Controlling der Holding zum Beispiel die Liquidität der irischen Depfa als kritisch einstufte, sahen das die Kollegen in Dublin ganz anders. Ihre Einschätzung war aber maßgeblich für das Management und führte auch dazu, dass bis zum Sommer 2008 nach innen und außen von einer unkritischen Liquiditätslage der HRE berichtet wurde.

SPIEGEL ONLINE: Konnte das Risiko Controlling die Töchter der HRE wirklich prüfen?

Wolter: Vom Management wurde das nicht gerade gefördert. Zeitweise bestand die Abteilung für Markt und Liquiditätsrisiken der Holding nur aus zwei Mitarbeitern - einer davon war ich. Wenn man aber als Holding die Risiken richtig im Griff haben möchte, braucht man andere Strukturen, Kapazitäten und Systemzugriffe - folglich Geld. Es hieß aber von oben: Wir müssen auf die Kosten achten! Das hat sich übrigens mit dem neuen Management grundlegend geändert.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren also gar nicht in der Lage, die Töchter der HRE effektiv zu kontrollieren?

Wolter: So ist es. Das betraf aber hauptsächlich nur die Markt- und Kreditrisiken. Denn die Liquidtätsprobleme der Depfa waren viel früher bekannt. Es gab bereits Ende 2007 ausschlagekräftige Analysen, dass der kurzfristige Kapitalbedarf der irischen Depfa sehr groß war. Was die BaFin und die irische Aufsicht später auch feststellten.

Diesen Artikel...
Forum - Staatsversagen bei der Hypo Real Estate?
insgesamt 873 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Rainer Helmbrecht 05.06.2009
Zitat von sysopEin Untersuchungsausschuss soll die Finanzhilfe der Regierung für die Hypo Real Estate überprüfen. Hat der Bund bei der Rettung der Bank verantwortlich gehandelt? Oder haben die Verantwortlichen Steuergelder verschwendet? Diskutieren Sie mit!
Warum wird das Thema denn so verengt. Alle Landesbanken werden von unfähigen Managern aus der Politik geführt. Da wird gemauschelt und die Verantwortlichen erwecken den Eindruck, dass ihnen die Bedeutung der vielen Nullen, zwischen der führenden Zahl und dem irgendwann folgenden Komma unbekannt ist. Was hinzu kommt ist, dass die Finanzämter überprüfen ob ein Betrieb zum Zwecke des Gewinns gegründet wird, sonst hat der Besitzer keine steuerliche Absetzbarkeit Möglichkeit mehr. Das bedeutet, die Verluste gehen in den "Besitz", des Eigentümers über. MfG. Rainer
2. Desertec > Hre
Galaxia, 05.06.2009
Nur mal so mit 35 Milliarden Euro, kann man schon fast dieses Grossprojekt umsetzen http://desertec.org Einfach nur erschütternd, mit was für Laien wir es in der Regierung zutun haben.
3.
PaulNeu, 05.06.2009
Zitat von Rainer HelmbrechtWarum wird das Thema denn so verengt. Alle Landesbanken werden von unfähigen Managern aus der Politik geführt. Da wird gemauschelt und die Verantwortlichen erwecken den Eindruck, dass ihnen die Bedeutung der vielen Nullen, zwischen der führenden Zahl und dem irgendwann folgenden Komma unbekannt ist. Was hinzu kommt ist, dass die Finanzämter überprüfen ob ein Betrieb zum Zwecke des Gewinns gegründet wird, sonst hat der Besitzer keine steuerliche Absetzbarkeit Möglichkeit mehr. Das bedeutet, die Verluste gehen in den "Besitz", des Eigentümers über. MfG. Rainer
Das zeigt, es kommt nicht darauf an, wer Eigentümer ist, sondern wie eine Bank geführt wird. Managementfehler gab es bei den privaten wie bei den öffentlichen Banken, in beiden Sektoren gibt es auch Institute, die sehr umsichtig geführt wurden. Der Unterschied: die Privaten haben die Gewinne privatisiert, jetzt sollten dort auch die Verluste privatisiert werden. Sparkassen und Landesbanken haben die Gewinne der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, jetzt müssen die Eigentümer natürlich auch für die Verluste aufkommen.
4. Millarden und noch mehr Millarden
Hubert Rudnick, 05.06.2009
Zitat von sysopEin Untersuchungsausschuss soll die Finanzhilfe der Regierung für die Hypo Real Estate überprüfen. Hat der Bund bei der Rettung der Bank verantwortlich gehandelt? Oder haben die Verantwortlichen Steuergelder verschwendet? Diskutieren Sie mit!
------------------------------------------------------ Was man da zu lesen bekommt erscheint mir, als sei unser Finanzminister in einem Tollhaus, es gibt kaun noch Spielregel, da schießt er nur mal so einfach und ungeprüft 35 Millaren für die HRE zu, vielleicht sind diese auch wieder nur in den Sand gesetzt, so wie es vorher eine Landesbank tat, in dem sie ein in insolvenz gehendes Intitut mal schnell noch 300 Millionen schenkte. Wer so mit seine Finanzen, halt stopp, es sind nicht die Finanzen des Herrn Ministers, es sind Steuergelder, die dieser Minister zu verwahren hat. Alles kein Problem, hier bei den Versagerbanken/Finanzspekulanten zeigt man sich großzügig, schließlch braucht man auch unter den Banker noch Freunde, aber bei den Sozialschwachen, da wird um jeden einzelnen €uro gekämpft und das schickt man dann auch Kontrolleure, denn wo kommt denn der deutsche Staat hin, wenn ein Hartz IV ler einen €uro unberechtig zu viel bekäme, da lässt sich noch einiges einsparen. Wer solche Politiker im Lande und in der Regierung hat, der braucht keine Feine von außerhalb mehr fürchten. Hubert Rudnick
5. Bürgschaft oder Bürgschaftsinanspruchnahme?
thorwalt 05.06.2009
Bund und Banken haben für die HRE rund 102 Milliarden Euro an Bürgschaften geleistet. Wurden diese Bürgschaften aber von der HRE überhaupt abgerufen? Wenn ja, in welcher Höhe? Darüber erfährt man nichts, auch nicht auf Nachfrage bei der HRE oder den Aufsichtsbehörden. Abgeordnete antworten nicht, wenn man sie zur HRE fragt. Selbst die findigen Spiegelleute scheinen darüber nichts zu wissen. Niemand weiß, was bei der HRE wirklich los ist. HRE - ein Tabu? Wie ich erfahren habe, hat die HRE nicht einmal bei der Hauptversammlung am 02.06.09 Zahlen vorgelegt, obwohl Banken ja tagesaktuelle Bilanzen anfertigen müssen. Allerdings soll laut SdK die HRE im Quartal 01/09 an den Bund einen Betrag von 160 Millionen gezahlt haben, als Gebühr für die Bereitstellung der Bürgschaft. Gezahlt! Aber was hat sie erhalten? Hat die Bürgschaft dazu geführt, dass die HRE auf dem Kapitalmarkt wieder genug Mittel aufnehmen konnte oder musste der Staat selber Geld zur HRE pumpen? Falls jemand weiß, ob und wieweit die HRE die Bürgschaften überhaupt in Anspruch genommen hat, wäre sicher nicht nur ich für eine Antwort hier im Forum sehr dankbar.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: