"Hürriyet"-Europa-Chef "Frau Merkel diskriminiert die Türken"

Türkische Medien werden von deutschen Politikern für ihre Berichterstattung über die Brandkatastrophe in Ludwigshafen massiv kritisiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE wehrt sich Kerem Caliskan vom Massenblatt "Hürriyet" gegen die Vorwürfe - und attackiert Kanzlerin Merkel.


SPIEGEL ONLINE: Herr Caliskan, Sie haben die Deutsche Schule in Istanbul absolviert und Brecht-Gedichte ins Türkische übertragen. Was haben Sie als erstes gedacht, als Sie von dem Brand in Ludwigshafen hörten?

Am Absperrzaun vor der Ludwigshafener Brandruine: Warten auf den türkischen Premier Erdogan
DPA

Am Absperrzaun vor der Ludwigshafener Brandruine: Warten auf den türkischen Premier Erdogan

Caliskan: Ich dachte: "Mein Gott, haben sie wieder gezündelt?" Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Der Brand kann natürlich durch einen Kurzschluss, eine Gasflaschenexplosion oder einen Unfall entstanden sein. Aber da ist auch die Aussage der beiden Mädchen, die einen Brandstifter gesehen haben. Wenn es Brandstiftung war, wird die deutsche Polizei das aufklären – davon gehen wir aus.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben sich die Beziehungen zwischen Türken und Deutschen so verschlechtert?

Caliskan: Bundeskanzlerin Angela Merkel versucht zusammen mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, die Türkei aus Europa herauszudrängen. Diese Diskriminierung ist der Hauptgrund für all die Turbulenzen und Konflikte zwischen den Türken und Deutschen. Leider hält Frau Merkel an dieser Politik fest, um sich die Stimmen der konservativen Wähler in Deutschland zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Und davon fühlen sich auch die Deutschtürken in Hamburg und München betroffen?

Caliskan: Aber selbstverständlich! Sie werden dadurch zu dem ewigen "Ausländer" gemacht. Die türkischen Einwanderer haben seit den sechziger Jahren den Aufbau, und dann die Wiedervereinigung Deutschlands tatkräftig unterstützt. Jetzt zählen sie nicht zu den "zivilisierten Europäern" und werden ausgeschlossen. Das beleidigt sie zutiefst. Und die Rechtsradikalen nutzen das aus.

SPIEGEL ONLINE: Die türkischen Medien werden beschuldigt, in Ludwigshafen einen rassistischen Hintergrund geradezu herbeizusehnen. Haben Sie übertrieben?

Caliskan: Niemand wünscht hier eine Brandstiftung herbei. Wir haben in der "Hürriyet" schon am Tag darauf die Aussagen der beiden kleinen Mädchen abgedruckt. Sie hatten schon im Krankenhaus erzählt, dass sie einen Brandstifter gesehen haben. Was wir sagen ist: Die Wahrscheinlichkeit einer Brandstiftung ist hoch. Aber dass Neonazis dahinter steckten, haben wir nie geschrieben. Wir informieren die Leser über die neonazistischen Organisationen in und um Ludwigshafen. Das türkische Vereinslokal im Erdgeschoss wurde früher von extremen Rechten benutzt, und vor zwei Jahren flog ein Molotowcocktail dort hinein. Wir werden bis zur Aufklärung des Falles darüber berichten.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass die türkischen Medien in Deutschland nicht besonders integrationsfördernd seien und im Falle Ludwigshafens eine negative Rolle spielten?

Caliskan: Die türkischen Medien tun ihr Bestes, damit in Deutschland erfolgreiche, gut ausgebildete, respektable Generationen von Türken aufwachsen.

SPIEGEL ONLINE: Gelingt die Integration oder ist sie gescheitert?

Caliskan: Hand aufs Herz: Wie sahen die Türken vor 40 Jahren hier aus? Sie konnten kein Wort Deutsch, sie kannten nicht einmal den Weg zum nächsten Krämerladen. Ihr Abenteuer der Anpassung an Europa ist das größte Integrationsabenteuer des 20. Jahrhunderts. Einst hat man sie kollektiv in "Türkenheime" eingewiesen, heute bewegen sich ihre Enkel auf den oberen Etagen der Konzerne und politischen Parteien. Unter den schwersten Bedingungen haben sich die Türken hier behauptet. Deshalb gebührt ihnen Respekt.

SPIEGEL ONLINE: Warum besuchte der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan gestern die Ruine von Ludwigshafen? Will er sich damit bei den Auslandstürken einschmeicheln, die bei den letzten Wahlen 2007 mehrheitlich für ihn stimmten?

Caliskan: Die Türken hier fühlen sich im Moment völlig im Stich gelassen. Erdogan weiß das. Er sollte eigentlich am Wochenende die Münchner Sicherheitskonferenz eröffnen. Dass er davor nach Ludwigshafen kam, war ihm sozusagen zur Pflicht geworden. Wenn er es nicht getan hätte, hätte man ihn scharf kritisiert. Also kam er.

SPIEGEL ONLINE: Sowohl Deutsche als auch Türken klagen über die Medien der anderen. Wie finden Sie die deutsche Berichterstattung über Ludwigshafen?

Caliskan: Die deutschen Medien berichten nicht gern über die Erstarkung extrem rechter Bewegungen. Ich gebe Ihnen ein aktuelles Beispiel: Am Mittwoch, den 6. Februar, haben Neonazis in München eine Versammlung abgehalten. Ich hatte dort einen eigenen Reporter sitzen. Sie haben Juden bedroht und den Rausschmiss aller Ausländer aus Deutschland gefordert. In den großen Zeitungen erschien darüber keine einzige Zeile. Zweites Beispiel: Die Entsendung der vier türkischen Experten nach Ludwigshafen wird mehrheitlich kritisiert. Das ist falsch. Da leistet eine türkische Regierung ihren Bürgern im Ausland moralische Unterstützung.

SPIEGEL ONLINE: Begreift sich die "Hürriyet" als das Sprachrohr der Türken in Deutschland?

Caliskan: Die Deutschtürken haben bis heute keine effiziente Lobby-Organisation. Der "Hürriyet" kommt diese Aufgabe wie von alleine zu. Sie versucht ihr seit 40 Jahren gerecht zu werden …

SPIEGEL ONLINE: … indem sie auch fast in jedem Dorf Deutschlands einen freiwilligen Reporter hat. Damit fühlen Sie den Türken auch den Puls. Wie ist ihre Seelenverfassung im Moment?

Caliskan: Überhaupt nicht gut! Die zunehmende Ausländerfeindlichkeit und diese letzten Brandkatastrophen haben sie unglaublich nervös gemacht. Sie fühlen sich bedroht, wenn sie zur Arbeit gehen, wenn sie ihre Kinder morgens zur Schule verabschieden. Das teilen sie uns täglich in Hunderten von Mails mit. Vor allem ärgern sie die Politiker, die auf ihrem Rücken auf Stimmenfang gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ja im Falle Roland Kochs in Hessen mächtig schief ging. Was müssen die Politiker, die Medien, ja alle tun, um das tief gestörte Verhältnis zu verbessern?

Caliskan: Die CDU sollte über ihre politische Linie nachdenken, die Türkei aus der EU auszuschließen. Wir wollen ein großes und sicheres Europa, dem auch die Türkei angehört. Die Türken in Deutschland können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Deutschland überaltert. Es kann die hier geborenen und aufwachsenden jungen Türken mit einer Bildungsoffensive als qualifizierte Arbeitskräfte und Rentenzahler gewinnen. Die Türken wollen nichts anderes als voll dazu zu gehören.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre der erste Schritt dazu?

Caliskan: Den "West-Östlichen Diwan" Goethes in den Schulen zur Pflichtlektüre zu machen!

Das Interview führte Dilek Zaptcioglu.



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