Salafisten in Deutschland: Die Koran-Mission des Ibrahim Abou-Nagie

Von Christoph Sydow

Eine 1300 Jahre alte Schrift sorgt für Aufregung in Deutschland: Eine salafistische Gruppe will am Wochenende wieder Gratis-Korane in Fußgängerzonen verteilen. Hinter der Aktion steckt Ibrahim Abou-Nagie, ein schillernder Laienprediger. Schon seit Jahren beobachtet ihn der Verfassungsschutz.

Ibrahim Abou-Nagie: Umstrittene Werbung für "die wahre Religion" Zur Großansicht
dapd

Ibrahim Abou-Nagie: Umstrittene Werbung für "die wahre Religion"

Der Mann mit dem grau melierten Vollbart gibt sich harmlos: Mit der sonoren Baritonstimme eines Volksschullehrers doziert Ibrahim Abou-Nagie über die Großzügigkeit Allahs und die Vorzüge des Islam - der "einzig wahren Religion" für ihn und seine Mitstreiter. Hunderte dieser Videos mit kurzen Predigten kursieren im Internet.

Doch der Mann aus Köln ist kein harmloser Hobbydozent - der Verfassungsschutz beobachtet den Laienprediger und sein Umfeld seit Jahren. Der 47-Jährige ist der Kopf hinter der umstrittenen Verteilungsaktion, bei der 25 Millionen deutsche Koranübersetzungen ans Volk gebracht werden soll. Er ist der Herausgeber des Bandes.

"Die Wahre Religion": Auf einer Website mit diesem Namen wirbt Abou-Nagie seit 2005 für seine Auslegung des Islam. Gemeinsam mit seinem prominenten Kompagnon, dem ehemaligen Amateurboxer und Islam-Konvertiten Pierre Vogel, wirbt der gebürtige Palästinenser besonders bei Jugendlichen gezielt für den salafistischen Islam. Dabei hat die Gruppe junge Muslime und Nicht-Muslime im Visier. Deshalb wirbt die Bewegung besonders im Internet und bietet auch die Möglichkeit, per Skype-Konferenz zum Islam zu konvertieren.

Der Salafismus, den Abou-Nagie predigt, ist eine neofundamentalistische Strömung des Islam. Seine Anhänger orientieren sich am Vorbild der "frommen Altvorderen", arabisch "al-Salaf al-Salih". So werden jene Muslime bezeichnet, die zu Lebzeiten des Propheten Mohammed die Geschicke der islamischen Gemeinde bestimmten. An ihrem Beispiel müssten sich die "wahren Muslime" orientieren, so Abou-Nagie.

Abou-Nagie will Ehebrecher steinigen lassen

Er macht damit die Gebote und Bestimmungen aus der arabischen Wüstengesellschaft des 7. Jahrhunderts zum Maßstab, an dem sich alle Menschen heute zu orientieren hätten. So bezeichnete der Prediger auch die Scharia, also die islamische Methode der Rechtsschöpfung und -auslegung, als dem Grundgesetz überlegen. In der Praxis soll das nach Abou-Nagies Vorstellungen zum Beispiel so aussehen: "Wenn jemand verheiratet ist und Unzucht begeht, der muss gesteinigt werden. Das sind Allahs Gesetze", erklärte er in einem seiner Videos.

Mit der Kraft des Wortes, der islamischen Überlieferungen und des eigenen Charismas versucht Abou-Nagie, in Deutschland für seine Auslegung des Islam und der Scharia zu werben. Doch er kennt auch andere Mittel: Derzeit ist der Salafist vor dem Amtsgericht Köln angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, auf seiner Website zu Straftaten aufgerufen und Andersgläubige beschimpft zu haben. In seinen Predigten habe er Gewalt gegen Nichtmuslime legitimiert, so die Anklage. Journalisten, die kritisch über die Koranverteilung in deutschen Städten berichteten, wurden jüngst von Abou-Nagies Mitstreitern bedroht. Die Behörden haben deshalb Ermittlungen aufgenommen.

Der Verfassungsschutz stuft die Salafisten in Deutschland deshalb als Bedrohung für die Sicherheit der Bundesrepublik ein: "Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist; aber jeder uns bekannte Terrorist war irgendwann einmal in salafistischen Zusammenhängen unterwegs," sagte Verfassungsschutz-Chef Heinz Fromm bereits im vergangenen Sommer.

Abou-Nagie selbst weist die Vorwürfe gegen ihn und seine Anhänger zurück. Er habe lediglich "die Wahrheit" verkündet, wie immer. Auf den zahlreichen Internetseiten, die zum Netzwerk der salafistischen Bewegung in Deutschland gehören, verurteilen seine Unterstützer das Verfahren als "politische Kampagne gegen den Islam". Unter anderem behaupten sie, dass ihre Galionsfigur angeklagt werde, "weil er Kindern den Koran vorgelesen" habe.

Aus dem Gaza-Streifen nach Iserlohn

Tatsächlich hat Abou-Nagie in mehreren Moscheen Kindern und Jugendlichen Koranunterricht in deutscher Sprache erteilt. Bei diesen Gelegenheiten berichtet der Mann mit dem großen Sendungsbewusstsein gerne aus seinem eigenen Leben. Nach seiner Darstellung kam er als 18-Jähriger aus dem Gaza-Streifen nach Iserlohn, um dort Elektrotechnik zu studieren. Später sei er in Deutschland ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden und habe "Millionen verdient". Erst 2003 habe er ein Erweckungserlebnis gehabt und dadurch zur "wahren Religion" gefunden.

Vermutlich ist diese Biografie geschönt, denn der Lebenslauf erinnert frappierend an die Vita des Propheten Mohammed. Auch dieser war laut islamischer Überlieferung ein erfolgreicher Geschäftsmann, dem im Alter von 40 Jahren inmitten einer Sinnkrise der Engel Gabriel erschien, der ihm schließlich die göttliche Offenbarung übermittelte.

Doch auch wenn Abou-Nagie noch so sehr seine Nähe zum Propheten und Allah betont: Bei den Muslimen in Deutschland hat er damit wenig Erfolg: Etwa 5000 Salafisten leben nach Einschätzung des Verfassungsschutzes in der Bundesrepublik. Das sind ungefähr 0,1 Prozent aller in Deutschland lebenden Muslime.

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insgesamt 193 Beiträge
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    Seite 1    
1. Einfache Gegenmaßnahme:
peterbruells 13.04.2012
1 Million Korane - natürlich nur in arabisch - drucken und einen Flashmob organisieren, bei dem jeder ein solches Koran auf dem Tisch der Spender ablegt.
2. SPON-Sinn!
Heinz-und-Kunz 13.04.2012
Zitat von sysopEine 1300 Jahre alte Schrift sorgt für Aufregung in Deutschland: Eine salafistische Gruppe will den Koran in der Bundesrepublik verteilen - kostenlos an alle Haushalte. Hinter der Aktion steckt Ibrahim Abou-Nagie, ein schillernder Laienprediger, der seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Salafisten in Deutschland: Die Koran-Mission des Ibrahim Abou-Nagie - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827367,00.html)
Nicht Mo's Märchenbuch sorgt für Aufregung, sondern die Salafisten.
3.
Luischirmer 13.04.2012
Zitat von sysopEine 1300 Jahre alte Schrift sorgt für Aufregung in Deutschland: Eine salafistische Gruppe will den Koran in der Bundesrepublik verteilen - kostenlos an alle Haushalte. Hinter der Aktion steckt Ibrahim Abou-Nagie, ein schillernder Laienprediger, der seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Salafisten in Deutschland: Die Koran-Mission des Ibrahim Abou-Nagie - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827367,00.html)
Ich wäre eigentlich sehr dankbar, mal auf den Koran gestoßen zu werden. Ihn zu kaufen, würde mir komischerweise nicht einfallen. Aber wenn ich ihn geschenkt Zuhause hätte, würde ich sicherlich mal reinschauen.
4.
de-be 13.04.2012
Zitat von sysopEine 1300 Jahre alte Schrift sorgt für Aufregung in Deutschland: Eine salafistische Gruppe will den Koran in der Bundesrepublik verteilen - kostenlos an alle Haushalte. Hinter der Aktion steckt Ibrahim Abou-Nagie, ein schillernder Laienprediger, der seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Salafisten in Deutschland: Die Koran-Mission des Ibrahim Abou-Nagie - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827367,00.html)
Der Koran wird nicht besser oder schlechter, durch die Person, die ihn verschenkt.
5. ...
TC Matic 13.04.2012
Zitat von sysop"Wenn jemand verheiratet ist und Unzucht begeht, der muss gesteinigt werden. Das sind Allahs Gesetze"
Aus vielen Berichten ist doch bekannt, wer in den Scharia-Staaten als "Ehebrecher" gilt. Vielen vergewaltigten Frauen droht doch bereits die Steinigung oder sie wurden schon gesteinigt.
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