TV-Duell in Hessen Bouffier überrumpelt Schäfer-Gümbel

Neun Tage vor der Landtagswahl in Hessen trafen sich die Spitzenkandidaten zum TV-Duell. Dabei schaltete CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier voll auf Angriff - Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel wirkte überrumpelt.

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Schäfer-Gümbel (l.) und Ministerpräsident Bouffier vor der Aufzeichnung: Der CDU-Amtsinhaber spielt auf Angriff
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Schäfer-Gümbel (l.) und Ministerpräsident Bouffier vor der Aufzeichnung: Der CDU-Amtsinhaber spielt auf Angriff


Hinterher, als er wieder abgeschminkt war, gönnte sich Volker Bouffier einen hübschen Vergleich des Duells mit der Sportart seiner Jugend. Beim Basketball, plauderte der 61-jährige Ministerpräsident, komme es darauf an, "ein Spiel möglichst schnell in die Finger zu kriegen" und "selbst den Rhythmus des Spiels" zu bestimmen.

Das Rezept hatten ihm seine Coachs offenbar auch für das Fernsehduell empfohlen, das am Freitagnachmittag beim Hessischen Rundfunk (hr) aufgezeichnet und am Abend ausgestrahlt wurde. Bouffier gab von Beginn an das Tempo vor, startete mit offensivem Pressing und ließ seinen Herausforderer, den 18 Jahre jüngeren SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel, streckenweise blass und defensiv wirken.

Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Hessen-Wahl am nächsten Sonntag geben, das lassen zumindest die Ergebnisse der Demoskopen seit Monaten erwarten. In den Umfragen ist mal Rot-Grün vorne, mal Schwarz-Gelb, mal gibt es ein Patt.

Bislang konnte Schäfer-Gümbel für sich in Anspruch nehmen, dass die befragten Wähler mehrheitlich eine Wechselstimmung nach 14 Jahren CDU-geführter Landesregierung in Hessen erkennen ließen und zudem den SPD-Spitzenkandidaten als persönlich sympathischer und glaubwürdiger bewerteten als den Amtsinhaber.

Bouffiers Frontalangriff

Aber genau da, beim Thema Glaubwürdigkeit, setzte Bouffier im Duell sofort kampfeslustig an. Ohne auf die Frage von HR-Chefredakteur Alois Theisen nach Bouffiers schlechten Umfragewerten näher einzugehen, startete er einen Frontalangriff auf Schäfer-Gümbel: Der Kandidat solle doch endlich mal klarstellen, wie er es mit der Linkspartei halten werde, wenn die wieder ins Parlament komme. Werde er sich dann von den Linken zum Ministerpräsidenten wählen lassen oder nicht?

So ging es weiter: Bouffier hakte mehrfach nach, während Schäfer-Gümbel versuchte, seine schwierige Position zu erklären. Er habe schließlich aus den "kapitalen Fehlern" seiner Amtsvorgängerin Andrea Ypsilanti vor fünf Jahren gelernt. Die SPD-Frau hatte vor der Wahl ein rot-rot-grünes Bündnis fest ausgeschlossen, es danach aber dann doch zweimal versucht, um schließlich krachend damit zu scheitern. Ausschließen wolle er deshalb nichts mehr, sagte Schäfer-Gümbel, aber "politisch" wolle er so eine Dreierkoalition auf gar keinen Fall.

Bouffier stocherte so ausdauernd und ungehindert in diesem wunden Punkt von Schäfer-Gümbels Wahlkampagne, dass man sich zeitweise fragte, ob Moderator Theisen zwischendurch mal eine Kaffeepause eingelegt hatte. Er könne doch jetzt sein Ehrenwort geben, dass es kein rot-rot-grünes Bündnis geben werde, ging Bouffier seinen Gegenkandidaten direkt an, während Schäfer-Gümbel immer weiter herumeierte. Die erste Viertelstunde des Duells war damit klar die Show des Amtsinhabers.

Aber auch danach hatte Schäfer-Gümbel überraschend große Probleme, in die Offensive zu kommen. Beim Thema Steuergerechtigkeit verschaffte er sich einmal kurz etwas Vorsprung mit dem eingängigen Argument, es könne ja wohl nicht sein, dass ein kleiner Betrieb aus seinem Heimatort in Deutschland mehr Steuern zahlen müsse als internationale Konzerne. Aber Bouffier wischte das Thema schnell und abgeklärt vom Tisch: Die Konzerne hätten ihre Zentrale schließlich in Amerika, "und wir haben hier eine Landtagswahl".

Schäfer-Gümbel bleibt brav

In einem Abschnitt zur Schulpolitik gelang es Schäfer-Gümbel immerhin, den Spieß einmal umzudrehen und dem Regierungschef vorzuhalten, dass dieser "fest im Stil der siebziger Jahre" verhaftet sei und mehr in Organisationsstrukturen denke als an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Schüler. Aber auch das war letztlich nur eine Reaktion auf einen vorangegangenen Angriff Bouffiers, der Schäfer-Gümbels Partei eine Tendenz zur "Einheitsschule" unterstellte.

Im Laufe des Duells verzettelten sich dann allerdings beide Kontrahenten zunehmend in Details - etwa zum sperrigen Thema "Länderfinanzausgleich", dessen hochkomplexen Verästelungen selbst Fachleute unter den Zuschauern wohl nur noch sehr eingeschränkt folgen dürften. Am Ende hätte Schäfer-Gümbel vielleicht noch einmal punkten können, weil der als Langredner bekannte Bouffier seine Redezeit längst aufgebraucht hatte.

Aber statt, wie Bouffier, einfach immer wieder die Fragen des Moderators zu ignorieren und eigene Themen zu setzen, arbeitete Schäfer-Gümbel in seinen Restminuten die vorgegebene Agenda brav und gewissenhaft ab. Erst danach fragte er noch einmal artig nach, ob er denn jetzt vielleicht noch etwas zu dem seiner Meinung nach zu kurz gekommenen Thema Arbeit sagen dürfe. Doch da verwies ihn HR-Mann Theisen schon auf die bereits überzogene Sendezeit und das nun anstehende Schlusswort.

Nach der Aufzeichnung sagte Schäfer-Gümbel, er sei "sehr zufrieden" mit seinem Auftritt. Andererseits schien ihm auch langsam aufzugehen, dass er seine Chance cleverer hätte nutzen können. Klamauk sei seine Sache nicht, verteidigte er sich, deshalb habe er die Fragen alle sorgsam beantwortet. Man könne aber doch noch ein zweites TV-Duell veranstalten, weil so viele Themen auf der Strecke geblieben seien, schlug er vor. Bouffier lehnte sich auf die Frage locker zurück und schmunzelte. Im Prinzip gerne, meinte er. Aber leider, leider sei er bis zum Wahlabend schon völlig ausgebucht.



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Seite 1
danido 13.09.2013
1. Vollkommen überfordert der SPD-Mann...
...und somit ungeeignet für das Amt des Ministerpräsidenten
westerwäller 13.09.2013
2. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ...
... Thorsten Schäfer-Pümpel als Gießener zwar Mittelhesse ist, aber eben kein "Westerwäller" ...
friedrich_eckard 13.09.2013
3.
Da hatte man nun Herrn Schäfer-Gümbel noch für einen der "besseren" im aktuellen Personalbestand der sPD gehalten - aber der lernt es auch nicht. Die Antwort auf die Frage "Wie hältst Du's mit rotgrünrot?" hätte zu lauten gehabt: - dass er lieber mit den GRÜNEN allein regieren wolle und um ein entsprechendes Wählervotum werbe, also rotgrünrot nicht *anstrebe*, - dass er aber die Entscheidung der Wähler zu respektieren habe, und dass die sPD bei entsprechendem Wahlausgang selbstverständlich auch die Verständigung mit der LINKEN suchen werde, da rotgrünrot schwarzrot noch immer bei weitem vorzuziehen sei, und - dass dei sPD sich von rechts her in ihre Koalitionsangelegenheiten hineinreden zu lassen nicht nötig habe. Er hätte dann noch Willy Brandt zitieren können: *"Darf die SPD es zulassen, dass ein Bürgerblock mit seinen publizistischen Hilfstruppen darüber entscheidet, ob dann, wenn die parlamentarische Konstellation dies möglich macht, die SPD teilhat an der Regierungsverantwortung oder nicht? Wollten und wollen wir zulassen, dass die Rechte uns unserer Bewegungsfreiheit beraubt und uns von ihren Gnadenerweisen abhängig macht? Ich meine: Darauf dürfen Sozialdemokraten sich auch in Zukunft nicht einlassen."* Rotgrünrot geht nicht durch den Hintereingang, sondern nur durch die Vordertür. Wenn sich die sPD darauf wirklich einlassen will, dann muss sie das selbstbewusst, offensiv und aggressiv vertreten. Sich verdruckst in eine solche Konstellation hineinzuschleichen und sich noch dafür zu entschuldigen - so wird das nie was! Lasst die Rechte doch schäumen, und beherzigt wenigstens in diesem Einzelfall ein Wort Lenins: "Wenn mich meine Feinde loben, dann habe ich einen Fehler gemacht. Sind sie wütend und außer sich, dann war mein Handeln richtig." Aber die da wollen auch noch den Beifall ihrer Gegner und stossen dafür ggf. auch die eigenen Leute vor die Köpfe - hoffnungslos!
tolate 13.09.2013
4. Frechheit siegt.
Dass Bouffier seine Anhänger überzeugt hat, steht außer Zweifel, denn er hat sich gegeben, wie er ist. Ob er darüber hinaus noch weitere Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, mit der Folge, von mehr Leuten für wählbar gehalten zu werden, wird man nach der Wahl wissen.
backtoblack 13.09.2013
5. Tanz den Ypsilanti1
Zitat von sysopDPANeun Tage vor der Landtagswahl in Hessen trafen sich die Spitzenkandidaten zum TV-Duell. In der aufgezeichneten Debatte, die derzeit im Hessischen Rundfunk zu sehen ist, schaltet CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier voll auf Angriff - Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel wirkt überrumpelt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/im-tv-duell-hessen-greift-bouffier-schaefer-guembel-an-a-922201.html
Mit seinen unklaren Aussagen, was er den bei einem Wahlausgang mit einer rot-rot-grünen Mehrheit zu tun gedenke, tanzt Schäfer-Gümbel jetzt schon den Ypsilanti. Mal schließt er "formal" gar nichts aus, dann ist er für eine solche Koalition nicht zu haben, dann verweist er darauf, dass eine schwarz-gelbe Mehrheit in diesem Fall geschäftsführend bis auf weiteres die Regierung stelle. Echt motivierende Äusserungen für alle diejenigen Hessen, die einen Politikwechsel schon seit ewigen Zeiten herbeisehnen, der nach Lage der Dinge ohne die Linke nun einmal nicht zu haben ist. Da braucht es keinen Bouffier. Doch Schäfer-Gümbel hat sich in den letzten Wochen selbst demontiert. Er tanzt den Ypsilanti und kaum jemand kann ihn retten.
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