Lebensmodelle: Das Ende der Feudel-Gesellschaft

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Früher hieß der weibliche Lebensentwurf fast immer: Hausfrau. Doch Frauen sind heutzutage besser ausgebildet, ein Leben am Herd strebt praktisch keine mehr an - und viele Familien können sich das auch gar nicht mehr leisten. Nachruf auf ein Lebensmodell.

Die letzten ihrer Art: Die Hausfrau stirbt aus Fotos
Corbis

Hamburg - Es weihnachtet sehr bei Anke Herzberg. Weiße Holzengel mit großen Flügeln stehen auf der Anrichte im Wohnzimmer. Auf der Fensterbank drei Flamingoblumen in Glasvasen mit roten Schleifchen. Adventskranz, Adventskalender - das volle Programm. Sehr geschmackvoll und mit Liebe zum Detail dekoriert. "Solche Sachen machen mir Spaß", sagt die 50-Jährige, "einrichten und tüdeln."

Anke Herzberg ist Hausfrau, und sie hat kein Problem mit dieser Bezeichnung. Eine Rarität im Jahr 2012, denn Hausfrau will eigentlich niemand mehr sein. Das Wort klingt nach letztem Jahrhundert. Unsexy - spätestens seit ein Hausgerätehersteller vor ein paar Jahren in seinen Werbespots den Coup mit dem Begriff "Familienmanagerin" gelandet hat. Ein viel schöneres Etikett für dieselbe Arbeit. Selbst der fast hundert Jahre alte Hausfrauenverband heißt nicht mehr so. Der heißt seit drei Jahren "Netzwerk Haushalt" - irgendwie cooler.

Die Hamburgerin Herzberg hat zwei Kinder, 13 und 17 Jahre alt. Mit ihrer ruhigen Art und den blitzenden blauen Augen strahlt sie Selbstbewusstsein aus. Ihr Mann Ralf arbeitet in der IT-Branche mit immer wieder auch unregelmäßigen Arbeitszeiten. Als das erste Kind geboren wurde, beschloss das Paar, dass sie, die als Krankenschwester in der Psychiatrie arbeitete, nun zu Hause bleibt. "Ich habe das ganz bewusst entschieden. Ich war damals 33 und hatte ja schon 16 Jahre voll gearbeitet." Sie wollte bei ihrem Kind sein und ihrem Mann den Rücken frei halten. Sicherheit habe ihr die Gewissheit gegeben, dass sie im Notfall in ihrem Beruf immer eine Stelle finden würde.

Hausfrau als Modell auf Zeit

Noch vor 40 Jahren war das Dasein als Hausfrau der ganz normale Lebensplan der allermeisten Frauen. 1971 waren rund 55 Prozent der Frauen bis 65 Jahre Hausfrau. Vor zehn Jahren waren es nur noch 36 Prozent und im Jahr 2011 noch 28 Prozent.

"Das Heimchen am Herd gibt es längst nicht mehr", sagt Elke Wieczorek, stellvertretende Präsidentin vom Netzwerk Haushalt. "Inzwischen ist die Hausfrau für die meisten nur noch ein Modell auf Zeit. Und das ist auch sinnvoll." Wieczorek rät Frauen, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Dem Betreuungsgeld, das ab kommendem Jahr gezahlt wird, steht sie skeptisch gegenüber. "Es ist eine Wertschätzung der Gesellschaft für unsere Arbeit. Aber die jungen Frauen müssen aufpassen, dass sie den Anschluss nicht verpassen."

Denn das Versorgungsmodell Ehe hat längst ausgedient. Viele Paare leben heute unverheiratet zusammen. Und selbst verheiratete Hausfrauen können sich nicht mehr darauf verlassen, ausgesorgt zu haben. Kommt es zur Scheidung, stehen die Ansprüche der Kinder vor den Ansprüchen der Ex-Frau. Und wenn die Kinder nicht mehr ganz klein sind, dann sieht das Scheidungsrecht inzwischen vor, dass eine Frau in der Regel selbst für ihren Unterhalt sorgen kann.

Sein schlechtes Image hatte der Job der Hausfrau schon in den sechziger Jahren weg - obwohl er Normalität war. Damals sorgte die Amerikanerin Betty Friedan mit ihrem Bestseller "Der Weiblichkeitswahn" für Aufsehen. Darin bemängelte sie, dass Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert würden und beschrieb Unzufriedenheit und Unterforderung der Frauen. Zudem entlarvte sie, wie geschickt Werbung und Industrie sich den Mythos von der perfekten Hausfrau zunutze machten.

Die Rollenverteilung war sogar gesetzlich festgelegt. Bis Ende der fünfziger Jahre konnte ein Ehemann in Deutschland den Job seiner Frau fristlos kündigen. Und erst seit 1977 dürfen Frauen ohne Einverständnis ihres Mannes berufstätig sein.

Der Haushalt wartet nach der Arbeit

Auch Herzberg war nicht immer glücklich mit ihrer Entscheidung. "Als die Kinder klein waren, habe ich mir selbst viel Stress gemacht, weil alles picobello sein sollte." Später hatte sie Phasen, in denen sie sich nicht ausgefüllt fühlte. "Ich habe damals Kurse besucht: Malen und Schmuck designen. Das typische für die gelangweilte Hausfrau." Aber bereut hat sie ihren Entschluss nie. "Ich glaube, wenn beide voll arbeiten, dann kommen die Kinder zu kurz."

Dass beide voll arbeiten, ist jedoch noch immer die Ausnahme - zumindest solange Kinder im Haushalt leben. Meist haben diese Frauen eine Teilzeitstelle oder einen schlecht bezahlten Minijob. Von den Frauen bis 65 Jahre arbeiteten im vergangenen Jahr 45 Prozent in Teilzeit. Herzberg arbeitet seit einigen Monaten auch wieder: 15 Stunden die Woche in einer Arztpraxis.

Die Krux an der Sache ist jedoch, dass der Haushalt trotzdem gemacht werden muss. Er wartet nach der Arbeit und bleibt meist an den Frauen hängen. Denn das traditionelle Rollenverständnis hält sich bis heute hartnäckig, wie Studien immer wieder feststellen. Zuletzt zeigte der Führungskräfte-Monitor, dass selbst Karrierefrauen dem nicht entkommen. Demnach arbeitet eine verheiratete weibliche Führungskraft an einem freien Samstag 2,9 Stunden im Haushalt. Ihr männliches Pendant nur knapp die Hälfte: 1,6 Stunden.

Erstaunlich, dass parallel zum immer seltener werdenden Phänomen der Nur-Hausfrau seit einigen Jahren Zeitschriften für gediegenes Kochen, Basteln, Einrichten und Gartenarbeit boomen. Vorreiter "Landlust", seit 2005 auf dem Markt, verkauft inzwischen regelmäßig mehr als eine Million Hefte. Offenbar wächst da die Sehnsucht nach heiler Welt im trauten Heim - die es aber für die meisten langjährigen Hausfrauen nie gegeben hat.

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insgesamt 270 Beiträge
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    Seite 1    
1. Alternative zur Hausarbeit....
alangasi 25.12.2012
ist also das Arbeiten. Und noch mal Arbeiten. Und möglichst als Führungskraft im Internationalen Bereich. Das ist ein genau so falsches Bild wie das dass früher von Hausfrauen medial verbreitet wurde. Wir leben in verstrahlten Zeiten........
2. Kinder
arminius44 25.12.2012
Zitat von alangasiist also das Arbeiten. Und noch mal Arbeiten. Und möglichst als Führungskraft im Internationalen Bereich. Das ist ein genau so falsches Bild wie das dass früher von Hausfrauen medial verbreitet wurde. Wir leben in verstrahlten Zeiten........
Kinder und Familie sind unwichtig, die bringen die Störche auf dem Rückflug von Afrika oder der Türkei sowieso mit.
3.
rainbowman1 25.12.2012
Das Lebensmodell "Hausfrau" ist am Ende? Nun, für die "Nur-Hausfrau" gilt dies bestimmt, aber das war´s dann auch schon. In Österreich will die Hälfte aller jungen Frauen Hausfrau werden. Traumberuf Hausfrau? • Gesellschaft & Leute (http://www.profil.at/articles/1146/560/312257/hausfrau-traumberuf-hausfrau) Und auch in Deutschland sind Frauen offenbar viel weniger modern als angenommen, schließlich will der Staat gerade den Ehefrauen wieder lebenslangen Unterhalt garantieren, den natürlich der Ex-Mann zahlen soll: Unterhaltsrecht: Die Korrektur einer Reform - Politik - Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/politik/unterhaltsrecht-die-korrektur-einer-reform/7497764.html) Und was die Tatsache angeht, daß eine Frau bis 1977 zur Berufstätigkeit die Erlaubnis des Mannes brauchte, so ist es heute so, daß ein Mann von der Frau zur dauerhaften Vollzeit-Erwerbstätigkeit (ggf. zzgl. Nebenjob) gezwungen werden kann. Sie braucht dazu nur die Scheidung einreichen. Fürwahr ein toller Erfolg...
4. Oha!
Stefnix 25.12.2012
Laßt das bloß niemanden bei der CSU lesen!
5.
ostfrau 25.12.2012
Komisch, an Ihnen scheint ganz vorbeigegangen zu sein, dass es einen Teil Deutschlands gab, wo Frauen schon weit vor 1977 ohne Einverstaendnis des Ehemanns arbeiten gehen durften.
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