Wandlung in der Euro-Krise Die schrecklich nette Frau Merkel

Angela Merkel wirkt wie verwandelt. Sie lobt Europas Staaten für ihre Mühen in der Euro-Krise und zollt den Menschen Respekt für ihre Entbehrungen. Die sonst so kühle Kanzlerin zeigt sich in neuem rhetorischen Gewand. Mit welchem Ziel?

dapd

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Berlin - Die neue Angela Merkel sieht aus wie die alte. Sie trägt wie üblich einen Blazer, an diesem Mittwoch ist er kamelfarben. Auch die auffällige Bernsteinkette hängt wieder um ihren Hals. Die Frisur? Alles wie gehabt. Und dennoch. Etwas ist anders, seit die Kanzlerin aus der Sommerpause zurück ist. Auch jetzt, wo sie mit Italiens Ministerpräsident Mario Monti im ersten Stock des Bundeskanzleramts steht.

"Italien hat große Anstrengungen unternommen", lobt die deutsche Regierungschefin. Die Reformagenda des Landes in der Schuldenkrise sei "beeindruckend" und werde, davon sei sie "ganz persönlich" überzeugt, "Früchte tragen". Zum Abschied säuselt sie den Reportern zu: "Es war schön mit Ihnen."

Das ist es. Es sind Angela Merkels Worte, die anders klingen. Da spricht nicht mehr die eiserne, die kalte Kanzlerin. Merkel hat in der Euro-Krise die Emotion entdeckt. Nicht, dass sie plötzlich nachgiebig geworden wäre mit all den kämpfenden Staaten der Währungsunion. Aber sie spricht nicht mehr nur von der Pflicht zur Konsolidierung, von zu erreichenden Defizitzielen und drohenden Troika-Berichten. Stattdessen würdigt sie ausdrücklich, wie sehr sich die Regierungen abmühen, sie lobt Erfolge, bedankt sich, spricht von den Menschen, die unter der Krise leiden, zeigt Respekt für deren Entbehrungen. Sie ist hart in der Sache, aber versöhnlich im Ton.

Es ist, als habe Merkel im Sommerurlaub in den Südtiroler Bergen über ihr Image gegrübelt. Vielleicht sind ihr noch einmal die unschönen Fotomontagen in griechischen oder italienischen Zeitungen durch den Kopf gegangen. Die zeigen die Kanzlerin gerne mal in Nazi-Uniform oder schwadronieren vom "Vierten Reich". Oder sie hat an das Cover des britischen "New Statesman" gedacht, der sie jüngst in Terminator-Optik zu "Europe's Most Dangerous Leader" kürte. Möglicherweise hat sie sich auch an die Worte ihres Gastes vom Mittwoch erinnert. Monti berichtete vor kurzem im SPIEGEL von wachsenden Ressentiments in seinem Land - "gegen die Deutschen und manchmal auch gegen die Kanzlerin selbst".

"Wenn es menschelt, kommt das gut an"

Merkel ahnt, sie ist daran nicht ganz unschuldig. Sie wird sich heute selbst darüber ärgern, dass sie sich einst im NRW-Wahlkampf zu der Bemerkung hinreißen ließ, die Menschen im Süden Europas müssten länger arbeiten und weniger Urlaub machen. Das Bild von der gnadenlosen teutonischen Zuchtmeisterin, besessen von einer Austeritätspolitik ohne Rücksicht auf Verluste, es hat sich im Ausland seitdem immer mehr festgesetzt.

Bei den Deutschen sind ihre Beliebtheitswerte zwar hoch wie lange nicht, auch die Union klettert in den Umfragen gerade nach oben. Doch das Risiko, der wenig schmeichelhafte Ruf im Ausland könnte irgendwann auch auf die Stimmung hierzulande schlagen, ist groß. Und in der Wirtschaft gibt es schon länger Sorgen, die antideutschen Ressentiments könnten sich negativ aufs Geschäft auswirken. Also muss Merkel gegensteuern - was gar nicht so einfach ist für eine Kanzlerin, von der viele meinen, sie sei ein "Regierungsautomat", wie der SPIEGEL einst schrieb. Doch Merkel versucht es nun auf die nette Tour. "Wenn es menschelt, kommt das immer gut an", sagt Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Emnid.

Zu bewundern war die rhetorisch neu gewandete Kanzlerin schon am vergangenen Freitag, als Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras in Berlin zu Gast war. Wenn sie mit dessen Vorgänger Georgios Papandreou sprach, wirkte das stets, als bestelle sie einen kleinen Schuljungen zum Rapport. Nun ist die Lage in Griechenlands nicht besser geworden, der Empfang für Samaras fiel dennoch deutlich herzlicher aus.

"Deutschland ist Griechenland in Freundschaft verbunden", betonte Merkel. Sie legte ein Bekenntnis zum Verbleib des Freundes im Euro ab, beschwor emotional, wie wertvoll die gemeinsame Währung für die Einheit Europas sei. Sie sprach Samaras ihr Vertrauen aus - und vor allem: Sie drückte ihre Hochachtung für die "großen Opfer" aus, die der einfache Bürger in Griechenland erbringe. Der habe "viel erduldet und gelitten". So ähnlich wiederholte sie es am Sonntag im Sommerinterview der ARD. Und noch einmal am Montag im CDU-Bundesvorstand. Am Dienstag, bei einer Veranstaltung im Kanzleramt, kommentierte sie die Einschnitte für griechische Rentner und Angestellte gar mit den Worten: "Es blutet einem schon das Herz."

Nettigkeiten und Lob für die Pro-Europa-Kampagne

Schon in der vergangenen Woche hatte sich Merkel zudem der großen Stiftungskampagne "Ich will Europa" angeschlossen. "Mir sprechen diese Menschen mit ihrem Bekenntnis zu Europa aus dem Herzen", lobte sie in einer Videobotschaft. Es sei jede Mühe und Anstrengung wert, die Idee zu verteidigen, dass Europa die Zukunft auch Deutschlands sei.

Die Pro-Europa-Melodie und die Nettigkeiten gegenüber den Krisenstaaten sollen das Bild der Deutschen im Allgemeinen und das Bild der Kanzlerin im Speziellen wieder aufhellen. Die Euro-Zone steht schließlich vor entscheidenden Wochen: Was passiert mit Griechenland? Wie geht es weiter mit der politischen Union? Merkel will, dass Deutschland wieder als treibende Kraft der europäischen Integration wahrgenommen wird - und nicht als jenes Land, das den Daumen über Griechenland senkt und am Ende womöglich den Zerfall der Währungsunion einleitet. "Um nicht in der Hardliner-Ecke zu stehen, geht sie jetzt sehr diplomatisch vor", sagt Emnid-Geschäftsführer Schöppner.

Gar nicht gebrauchen kann Merkel dabei die Poltereien aus der CSU. Von einer "bewussten Abgrenzung" spricht Manfred Güllner, Chef des Forsa-Instituts. "Sie wird wohltuend anders wahrgenommen als die Euro-populistischen Kläffer." Nachdem die FDP sich in der Europapolitik eine neue Zurückhaltung auferlegt hat, muss Merkel nun aber hoffen, dass auch die bayerische Schwesterpartei ihre Appelle zur Mäßigung ernst nimmt. Immerhin: Am Mittwoch ging CSU-Chef Horst Seehofer vorsichtig auf Distanz zu seinem Generalsekretär Alexander Dobrindt, der gerne gegen den vermeintlichen Schlendrian im Süden Europas holzt.

Merkel aber weiß: Jedes scharfe Wort kann ihre Bemühungen um bessere Stimmung zunichte machen. Das will sie unbedingt verhindern - zumal ihr neuer Ton erste Früchte zu tragen scheint. Griechenlands Premier Samaras sprach bei seinem Besuch in Berlin von einem "Startschuss für neue Beziehungen". Auch die griechische Presse registrierte den versöhnlichen Ton. "Das Eis ist gebrochen", schrieb die Athener Zeitung "Ta Nea". Die konservative "Kathimerini" sah "einen Spalt in der Berliner Mauer".

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Seite 1
UnitedEurope 29.08.2012
1. Titellos
Zitat von sysopdapdAngela Merkel wirkt wie verwandelt. Sie lobt Europas Staaten für ihre Mühen in der Euro-Krise und zollt den Menschen Respekt für ihre Entbehrungen. Die sonst so kühle Kanzlerin zeigt sich in neuem rhetorischem Gewand. Mit welchem Ziel? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,852695,00.html
Alles schön und gut. Doch was mir in Italien Sorgen bereitet, ist das der bisherige Erfolg mit Monti steht und fällt. Sollten die beiden größten italienischen Parteien Ernst machen und Monti bald stürzen wollen, seh ich schwarz. Sollte dann auch noch Berlusconi zurückkomen, würd ich als Italiener auswandern.
belohorizonte 29.08.2012
2. Erschreckend nette Menschen
unsere "Red Astair`s" einer glorreichen EURO Schuldenrettung.. Nett kann auch Dummheit beinhalten, Unwissenheit, Desinteresse oder eher kriminelles Denken und Handeln. Griechenlands Politik gilt als "überaus net" beim routinierten Empfang von freundlichen Gefälligkeiten. Nur: sie werden ihr 11 Mrd Paket nicht unter Dach und Fach bringen. Bald wird den Lächlern dieser Krise ihr vorgetäuschter Optimimus verlustig gehen. Italien rumpelte schon vor 15 Jahren krisenmässig so vor sich hin, bei steigenden Zinsen on the long run stehen die europ. Flaggen auf Halbmast. Rote Linien hin oder her...
inqui 29.08.2012
3. merkel
Zitat von sysopdapdAngela Merkel wirkt wie verwandelt. Sie lobt Europas Staaten für ihre Mühen in der Euro-Krise und zollt den Menschen Respekt für ihre Entbehrungen. Die sonst so kühle Kanzlerin zeigt sich in neuem rhetorischem Gewand. Mit welchem Ziel? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,852695,00.html
wird wohl die Urlaubszeit genutzt haben um sich von experten die nötige umgangsform mit den €herren beibringen zu lassen
schlob 29.08.2012
4.
solange sie nicht in unbegrenzte haftung geht, soll sie ruhig lächeln.
Spiegelleserin57 29.08.2012
5. lieb und nett aber
das ändert bei den armen Menschen in den betroffenen Ländern nichts. Sie haben trotzdem keine Arbeit und kleine Renten und das ist den Menschen wichtig!
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