Leben in der Großfamilie: Großes Glück im täglichen Chaos

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Die Kirschs aus Hamburg haben sechs Kinder, die Bernhardts aus Thüringen sieben - Großfamilien aus der Mittelschicht wie sie gibt es in Deutschland immer seltener. Kein Wunder, viel Nachwuchs kostet auch viel Geld, Hilfe vom Staat gibt es kaum. Dennoch bereuen beide Paare ihre Entscheidung nicht.

Kinderreiche Familien: Keine Atempause Fotos
Annett Eger

Hamburg - Draußen auf den Straßen im wuseligen Stadtteil Eimsbüttel eilen die Menschen zur Arbeit oder zum Einkaufen. Hier im Hinterhof von Familie Kirsch bekommt man davon nichts mit. Es herrscht eine Ruhe wie auf dem Land. "Es gibt sogar einen Garten, in dem unsere Kaninchen leben", sagte Erike Kirsch, 42, Mutter von sechs Kindern - ein Mädchen, fünf Jungs. Auf dem Tisch duften Lebkuchen und Wohlfühltee. Die fünf großen Kinder sind in der Schule. Nur der zweijährige Jonas tippelt herum und will unbedingt Apfelmus. Vater Tjaard marschiert mit ihm los zum Einkaufen.

Familien wie die Kirschs - berufstätige, gebildete Großstädter mit vielen Kindern - sind wie Schnee an Weihnachten: sehr selten. Erike und Tjaard haben Musik studiert. Er arbeitet als freiberuflicher Dirigent, gehörte unter anderem zum Ensemble der Musicals "Cats" und "König der Löwen". Sie hat sich zur Kinesiologin fortgebildet und arbeitet rund 16 Stunden in der Woche.

Von den insgesamt 11,7 Millionen Familien mit Nachwuchs in Deutschland hatten 2011 nur noch 2,5 Prozent vier oder mehr Kinder. Das sind nicht einmal 300.000 Familien. Von den heute 74 bis 79 Jahre alten Frauen hatten noch gut 14 Prozent vier oder mehr Kinder. Nachwuchs ist längst kein selbstverständlicher Teil der Lebensplanung mehr, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung jüngst in einer Studie vorstellte. Demnach sind den Menschen heute Job, Freunde, Hobbys und der Lebenspartner wichtiger.

Inzwischen ist klar, dass auch der Schwund kinderreicher Familien deutliche Auswirkungen auf die Geburtenrate hat - nicht nur die zunehmende Kinderlosigkeit. Und besonders in der Mittelschicht sind kinderreiche Familien rar, heißt es schon im "Monitor Familienforschung" aus dem Jahr 2007. Der Untersuchung zufolge haben vor allem drei Gruppen viele Kinder:

  • sozial schwache Familien,
  • reiche Familien
  • und Familien mit Migrationshintergrund.

Die Mittelschicht begnügt sich meist mit ein oder zwei Kindern - aus Angst, den Lebensstandard nicht halten zu können.

Viel Freude, wenig Geld

Für die Kirschs war immer klar, dass sie mehr als ein Kind wollen. Beide haben selber drei Geschwister. Ihr erstes Kind, Tochter Mia, bekamen Erike, als sie noch im Studium steckte. Das Mädchen ist inzwischen 18 und macht bald Abitur. Ihre Brüder sind 16, 14, zwölf, acht und zwei Jahre alt. "Wir haben so viel Spaß mit unseren Kindern", sagt Erike Kirsch. "Wir sind mit ganz viel beschenkt worden!" Problematisch, sagt sie, sei nur ein Faktor: Geld.

Mit ihrer Wohnung hatten sie Glück. Die sei trotz ihrer 160 Quadratmeter bezahlbar. "Aber allein die Schule kostet unermesslich viel: Klassenkasse, Ausflüge, Bücher, Hefte. Es gibt Wochen, da sind wir allein dafür 250 Euro los." Ihr Einkommen stocken sie mit Hartz IV auf, sonst reicht es nicht.

Trotzdem sind viele Dinge nicht drin, die in anderen Familien normal sind. Fernreisen zum Beispiel. "Mit sechs Kindern fliegen - das ist nicht zu bezahlen." Oder mit der Familie ins Restaurant. "Ich gehe manchmal mit einem Kind essen, damit sie das kennenlernen." Auch Taschengeld gibt es nicht. "Aber ich bezahle die Großen, wenn sie abends babysitten."

Wohnung in der alten Porzellanfabrik

Einschränkungen kennt auch Familie Bernhardt aus dem Ort Kahla in der Nähe von Jena in Thüringen. Antje Bernhardt und ihr Mann Carsten haben sieben Kinder, das älteste 14, die Zwillinge ein Jahr alt. Als Wohnung dient ihnen ein Teil einer stillgelegten, hundert Jahre alten Porzellanfabrik. Diesen Winter steht der erste Urlaub überhaupt an. Eine Woche Österreich. Das ist aber nur deshalb drin, weil sie das Hotel nicht bezahlen müssen, denn mit dem haben sie gerade beruflich zu tun. Das Paar betreibt eine Firma, die Büro- und Hotelmöbel recycelt.

Antje Bernhardt wünschte sich immer ein Mädchen. Doch Nummer eins, zwei, drei und vier wurden Jungs. Dann kam endlich die ersehnte Miuccia, heute drei Jahre alt. "Ich wollte aber nicht, dass sie das von ihren Brüdern verwöhnte Nesthäkchen wird, deshalb wollte ich noch ein Kind." Und daraus wurden zwei, die Zwillinge Lucio und Lou Lou. Kinder, sagt sie, stünden für den Glauben an die Zukunft. Und die Großfamilie sieht sie als Energiequelle. "Das ist positive Energie, die uns durch die Tage trägt - aber auch über alle Hindernisse hinweg."

Zeit für sich hat die 40-Jährige praktisch überhaupt nicht mehr. "Wenn ich die Kinder morgens aus dem Haus habe, dann habe ich schon die erste Arbeitsschicht hinter mir. Wenn ich dann alle Betten gemacht und die Wäsche gewaschen habe, dann war das schon die zweite Schicht." Richtig problematisch wird es, wenn alle krank sind. "Wir hatten einmal alle Magen-Darm-Probleme, nur mein Mann blieb verschont. Der kam mit dem Waschen überhaupt nicht mehr hinterher."

So läuft ein Tag mit 7 Kindern ab
5 Uhr
Aufstehen, Morgenpflege und Frühstück vorbereiten
bis 6 Uhr
...habe ich Ruhe und kann mit meinem Mann ohne größere Störung reden
6 bis 6.45 Uhr
...Kinder wecken, waschen, anziehen, dann Frühstück (selten gemeinsam, meist hintereinander weg, je nachdem, wann wer aufgestanden ist und wie viel Zeit bleibt bis zum Verlassen des Hauses)
7 bis 7.15 Uhr
...Hinaustreiben der Meute aus dem Haus
7.15 bis 8.15 Uhr
...Jetzt sind die Kita-Kinder dran: Essen (Gemüsebrei) für die Babys kochen, Babys waschen und anziehen, die dreijährige Miuccia anziehen und vor allem davon abhalten, das morgendliche Chaos zu intensivieren.
8.15 bis 8.45 Uhr
...Kinder zur Kita bringen. Damit bin ich mit der Frühschicht fertig und freue mich auf die endlich ruhige Wohnung (weniger auf das alltägliche Aufräumen).
9 bis 10 Uhr
...Betten machen, Grundordnung herstellen, manchmal mit meinem Mann gemeinsam etwas essen (aus Zeitgründen aber eher selten)
10.30 bis 12 Uhr
...Arbeiten im Büro
12 bis 12.30 Uhr
...Babys aus der Kita holen und an die Kinderfrau übergeben
12.30 bis 15 Uhr
...Arbeiten im Büro Am Nachmittag entscheidet sich, wer welche Kinderbetreuung übernimmt. Das teilen die Kinderfrau, die Großeltern, manchmal mein Mann und ich zwischen uns auf.
15 bis 18 Uhr
...Einkaufen gehen, Kinder bei Hausaufgaben betreuen, Kinder vom Sport abholen, Spielplatz mit den Kleinen besuchen und Abendessen vorbereiten
18 Uhr
...Babys zu Bett bringen
18.30 bis 19.30 Uhr
...Abendessen mit den Kindern, die schon zu Hause sind
bis 21 Uhr
...jetzt die Größeren ins Bett bringen beziehungsweise dazu anleiten, sich selber für die Nacht fertigzumachen.
21 bis 22.30 Uhr
...habe ich Zeit für mich. Da wird dann Wäsche gemacht, die Küche aufgeräumt, selten ferngesehen
22.30 Uhr
...gehe ich zu Bett, da die Babys noch nicht durchschlafen und meist schon vor Mitternacht wieder von sich hören lassen.
Sparen ist Familie Bernhardt vertraut. "Bei uns tragen die Kleinen die Sachen von den Großen auf." Statussymbole, wie Luxus-Kinderwagen oder französische Babykleidung, die in vielen Ein- oder Zwei-Kind-Familien wichtig sind, gibt es nicht. Um über die Runden zu kommen, hilft Antje Bernhardt in der Firma ihres Mannes mit. "Ich muss arbeiten, aber ich will auch arbeiten, sonst würde ich eine Macke kriegen."

Kinderfrau und Tagesvater

Um den Haushalt zu bewältigen, hat die Familie eine Kinderfrau engagiert, die jeden Tag hilft. Sie unterstützt bei der Vorbereitung des Mittagessens, beaufsichtigt die Hausaufgaben, bringt die Kleinsten an die frische Luft. "Allein würde ich das nicht schaffen. Schon die Chauffeur-Dienste am Nachmittag, wenn die Kinder zum Fußballtraining oder sonst wohin müssen, kosten irrsinnig viel Zeit." Betreuung, sagt sie, das wäre der Punkt, wo sie sich mehr Unterstützung vom Staat wünschen würde.

Mangelnde Unterstützung kritisiert auch Familie Kirsch. "Die Formulare auszufüllen, ist wahnsinnig schwierig", sagt Erike Kirsch. Sie wurde sogar aufgefordert, ihre beiden ältesten Kinder auf dem Sozialamt vorzustellen, um zu prüfen, ob sie arbeiten gehen könnten. Dabei besuchen beide noch die Schule. "Da habe ich mich geweigert. Das wollte ich den Kindern nicht zumuten."

Seit fünf Jahren haben die Kirschs einen Tagesvater, der sie unterstützt. Mal kommt er nur ein paar Stunden in der Woche, mal auch fast rund um die Uhr, wenn Vater Tjaard wegen eines Gastspiels unterwegs ist. Aber die Kinder haben auch früh Selbständigkeit gelernt. "Sie haben andere Freiräume als Kinder in Kleinfamilien, weil nicht jedes Kind so im Fokus steht", sagt Erike Kirsch. Vertrauen spiele eine große Rolle.

Inzwischen hat sie festgestellt, dass sie für andere Eltern in Erziehungsfragen ein Vorbild ist. Die Mütter und Väter der Freunde ihrer Kinder fragen immer wieder nach, wie sie die Dinge regelt - etwa wann die älteren Kinder abends zu Hause sein müssen, ob sie anrufen, sich melden müssen. "Das Schwierige bei der Erziehung ist, sich selber und seinen Gefühlen treu zu bleiben. Und das ist mit vielen Kindern deutlich einfacher als mit einem." Wer mit so vielen unterschiedlichen Charakteren konfrontiert sei, könne letztlich nur noch auf die innere Stimme hören.

Trotz aller Arbeit und Einschränkungen bezeichnet sich Antje Bernhardt als glücklich. Sie will ihr Leben keinesfalls als mühsam missverstanden wissen. "Man erlebt so viel mit den Kindern, sie geben so viel Liebe." Eine große Familie verleihe jedem Mitglied große Kraft und Rückhalt. "Es geht nicht mehr um einen allein. Es geht um das Wir."

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So läuft ein Tag mit 7 Kindern ab
5 Uhr
Aufstehen, Morgenpflege und Frühstück vorbereiten
bis 6 Uhr
...habe ich Ruhe und kann mit meinem Mann ohne größere Störung reden
6 bis 6.45 Uhr
...Kinder wecken, waschen, anziehen, dann Frühstück (selten gemeinsam, meist hintereinander weg, je nachdem, wann wer aufgestanden ist und wie viel Zeit bleibt bis zum Verlassen des Hauses)
7 bis 7.15 Uhr
...Hinaustreiben der Meute aus dem Haus
7.15 bis 8.15 Uhr
...Jetzt sind die Kita-Kinder dran: Essen (Gemüsebrei) für die Babys kochen, Babys waschen und anziehen, die dreijährige Miuccia anziehen und vor allem davon abhalten, das morgendliche Chaos zu intensivieren.
8.15 bis 8.45 Uhr
...Kinder zur Kita bringen. Damit bin ich mit der Frühschicht fertig und freue mich auf die endlich ruhige Wohnung (weniger auf das alltägliche Aufräumen).
9 bis 10 Uhr
...Betten machen, Grundordnung herstellen, manchmal mit meinem Mann gemeinsam etwas essen (aus Zeitgründen aber eher selten)
10.30 bis 12 Uhr
...Arbeiten im Büro
12 bis 12.30 Uhr
...Babys aus der Kita holen und an die Kinderfrau übergeben
12.30 bis 15 Uhr
...Arbeiten im Büro Am Nachmittag entscheidet sich, wer welche Kinderbetreuung übernimmt. Das teilen die Kinderfrau, die Großeltern, manchmal mein Mann und ich zwischen uns auf.
15 bis 18 Uhr
...Einkaufen gehen, Kinder bei Hausaufgaben betreuen, Kinder vom Sport abholen, Spielplatz mit den Kleinen besuchen und Abendessen vorbereiten
18 Uhr
...Babys zu Bett bringen
18.30 bis 19.30 Uhr
...Abendessen mit den Kindern, die schon zu Hause sind
bis 21 Uhr
...jetzt die Größeren ins Bett bringen beziehungsweise dazu anleiten, sich selber für die Nacht fertigzumachen.
21 bis 22.30 Uhr
...habe ich Zeit für mich. Da wird dann Wäsche gemacht, die Küche aufgeräumt, selten ferngesehen
22.30 Uhr
...gehe ich zu Bett, da die Babys noch nicht durchschlafen und meist schon vor Mitternacht wieder von sich hören lassen.