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18. Januar 2013, 14:26 Uhr

Ministerpräsident McAllister

Machtprobe für Merkels Mac

Von , Hannover und Stadthagen

David McAllister hat einen steilen Aufstieg hinter sich. Jetzt muss der Ministerpräsident um seine Macht in Niedersachsen kämpfen. Eine Niederlage würde Angela Merkel den Auftakt ins Wahljahr vermiesen - und könnte McAllister trotzdem die Tür in die Bundespolitik öffnen.

David McAllister sieht jetzt sehr zufrieden aus. Eben noch lehnte er lässig mit dem linken Unterarm auf dem Stehpult vor ihm. Jetzt richtet er sich auf, streift das Sakko glatt und grinst, erst in den Saal hinein, dann hinüber zur Bundeskanzlerin. Angela Merkel hat gerade vom "Funkeln in seinen Augen" gesprochen, ihn als "richtigen Landesvater" gepriesen. "Freuen Sie sich, dass Sie einen so tollen Ministerpräsidenten haben!", ruft sie. Die Menschen klatschen begeistert.

Wahlkampf in der Festhalle von Stadthagen. Auftritte wie diesen haben Merkel und McAllister in dieser Woche fast jeden Abend irgendwo in Niedersachsen absolviert. Und mit jedem Abend scheint die Siegesgewissheit gestiegen zu sein. Dabei ist überhaupt nichts entschieden. Zwar sind die Chancen besser als noch vor einigen Wochen, dass Union und FDP die Landtagswahl noch gewinnen können. Dafür aber müssen es die darbenden Liberalen erst einmal in den Landtag schaffen. Genauso kann am Sonntag die Macht an SPD-Herausforderer Stephan Weil verloren sein - SPD und Grüne liegen in den meisten Umfragen noch immer knapp vorn.

Die Abstimmung im zweitgrößten Flächenland der Republik ist die erste große Bewährungsprobe für David McAllister. Der heute 42-Jährige hat schon eine steile Polit-Karriere im Land hinter sich: 2003 Fraktionschef, 2008 Parteichef, 2010 bundesweit jüngster Ministerpräsident - Ämter, die er von Christian Wulff erbte. Jetzt muss McAllister kämpfen. Nicht nur um die Staatskanzlei. Er soll auch noch der Kanzlerin Schwung für das Wahljahr verschaffen. Keine leichte Bürde.

"I'm a Mac"? Die Kanzlerin macht Witze

Niedersachsen wird zur Richtungswahl, für das Land und für den Bund. Das große Wahlkampfthema gibt es nicht, es geht um Schulden, um Schulen, Infrastruktur, die Energiewende. McAllister kommt das entgegen. Inhaltliche Schärfe ist seine Sache nicht, am liebsten will er es allen recht machen, den Freunden der Gesamtschulen genauso wie jenen des Gymnasiums, den Verfechtern des Betreuungsgelds und denen, die ihre Kinder in die Kita geben. "Ich bin da leidenschaftslos", hat er einmal auf eine Frage nach seinem Standpunkt zum Betreuungsgeld geantwortet.

Und so geht es bei der Wahl vor allem um die Frage: Rot-Grün oder Schwarz-Gelb? "Es gibt keine Wechselstimmung", versucht sich McAllister seit Wochen Mut zu machen. Er verweist auf die stabilen Umfragewerte der CDU, auf seine Popularität. Die Mehrheit der Niedersachsen mag ihren Ministerpräsidenten. Fragt man die Menschen, was sie an ihm schätzen, heißt es oft: "Er ist so bodenständig." Nach den Erfahrungen mit Wulff scheint der Bedarf an Glamour und Geldadel gestillt.

McAllister hat sich früh vom Gebaren seines Vorgängers distanziert. Einst selbst Schützenkönig in seinem Heimatort Bad Bederkesa schwatzt der Regierungschef noch heute lieber auf dem Volksfest mit den Bürgern beim Bier, als auf großer Bühne Reden zu schwingen, geschweige denn durch TV-Talkshows zu tingeln. Muss er doch mal ran, verkrampft McAllister schnell. Dann will er möglichst staatstragend wirken, setzt ein unnatürliches Dauergrinsen auf, seine Sprache rutscht ins Phrasenhafte und hat so gar nichts mehr von der Aggressivität, die mancher bei ihm zu Generalsekretärszeiten vor zehn Jahren erkannt haben wollte.

Heute demonstriert McAllister lieber Weltläufigkeit, statt sich ins politische Schlachtgetümmel zu stürzen. Er ist der einzige Ministerpräsident mit doppelter Staatsbürgerschaft, sein Vater kam 1944 als Soldat aus Glasgow nach Deutschland, kehrte nach dem Krieg zurück und heiratete. McAllister pflegt seine Wurzeln: "Unser Häuptling ist ein Schotte", heißt es im Wahlkampfsong, dazu erklingt Dudelsackmusik. Ein wenig putzig sieht es aus, wenn dann noch das meist angegraute Publikum im Saal die bereitgelegten Schilder mit dem Slogan "I'm a Mac" schwenkt. Dabei wolle die CDU doch die deutsche Sprache im Grundgesetz festschreiben, witzelt selbst Angela Merkel.

Wann kommt der Ruf nach Berlin?

Mit der Kanzlerin kann McAllister gut. Als zur Anmoderation in Stadthagen der "kurze Draht" zwischen den beiden gelobt wird, führt Merkel Daumen und Zeigefinger der rechten Hand ganz nah zusammen. "So kurz", lässt sich von ihren Lippen ablesen. McAllister lächelt selig. "Merkels Mac", hat ihn SPIEGEL ONLINE einst getauft. Und der Ministerpräsident bekennt auf der Bühne: "Ich bin gerne Merkels Mac." Wenn er etwas zu klären hat mit der Chefin, tut er das im Gegensatz zu seinem Vorgänger oder dessen Andenpakt-Mitstreitern Roland Koch oder Günther Oettinger diskret und ohne Aufplusterei. So setzte er durch, dass Niedersachsen von der Bundeswehrreform nicht zu schwer getroffen wird. Die einen nennen das effizient - andere verspotten ihn als "Muttis Liebling".

Die CDU-Chefin weiß die Loyalität zu schätzen. Sie wollte McAllister 2005 sogar zu ihrem Generalsekretär machen - er lehnte ab. McAllister hat den Politikbetrieb in Berlin immer misstrauisch beäugt, seine Besuche auf die CDU-Präsidiums- und Bundesratssitzungen beschränkt. Inzwischen lästert er zwar nicht mehr öffentlich über die Aufgeregtheit der Hauptstadt. Aber er beobachtet mitfühlend, wie sein alter Freund Philipp Rösler nach seinem Wechsel aus Niedersachsen in die Bundespolitik binnen kürzester Zeit von den eigenen Leuten demontiert wird.

Wohl nur ein schwarz-gelber Erfolg bei der Niedersachsenwahl kann Rösler retten - und auch McAllister mehr Einfluss in der Bundespolitik bringen. Entreißt er Rot-Grün den sicher geglaubten Sieg, wäre er in der CDU der neue starke Mann, ein natürlicher Merkel-Kronprinz. Nicht, weil er ein besonderes politisches Schwergewicht wäre. Die Talente in der Union sind in diesen Zeiten rar gesät. Zuletzt outete sich Horst Seehofer als McAllister-Fan: Der habe das Zeug zum Bundeskanzler, orakelte der CSU-Chef. Der Gepriesene will von solchen Lobhudeleien nichts wissen, zumindest nicht offiziell. Fragen nach einem Wechsel nach Berlin weicht er aus.

Tatsächlich könnten sie sich für ihn aber noch schneller stellen, als ihm lieb ist - wenn er am Sonntag verliert, für die Niederlage aber die FDP verantwortlich machen kann. Mancher in der Union hält es nicht für ausgeschlossen, dass Merkel ihren Mac dann zu sich ruft, statt ihn in Hannover auf der Oppositionsbank versauern zu lassen, etwa, wenn sie ihre Mannschaft nach der Bundestagswahl neu ordnen müsste. Öffentliche Spekulationen darüber verbieten sich natürlich. "Er kommt gern nach Berlin", sagt die Kanzlerin zum Abschluss ihres Auftritts in Stadthagen. "Aber nicht so gern, dass er nicht unheimlich gern wieder zurückfährt."

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