Asylbewerber in Schwäbisch Gmünd: Kofferschleppen für 1,05 Euro die Stunde

Von Christoph Sydow

Der Bahnhof in Schwäbisch Gmünd wird umgebaut. Um den Reisenden das Treppensteigen zu erleichtern, hat sich die Stadt eine ungewöhnliche Lösung einfallen lassen. Asylbewerber tragen die Koffer der Bahngäste - für 1,05 Euro die Stunde.

Schwäbisch Gmünd - Große Ereignisse werfen in Schwäbisch Gmünd ihre Schatten voraus: Im kommenden Jahr findet in der Stadt am Rande der Schwäbischen Alb Baden-Württembergs Landesgartenschau statt. Doch bis es soweit ist, müssen in der Stadt umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt werden.

Auch der Bahnhof von Schwäbisch Gmünd wird bis Anfang 2014 für sieben Millionen Euro modernisiert. Die Arbeiten bringen für die Reisenden allerhand Beschwernisse mit sich: Die Unterführung, in der die Bahn-Passagiere ihr Gepäck auf einem Förderband abstellen können, ist gesperrt. Aufzüge gibt es nicht. Als Provisorium hat die Bahn eine Stahlbrücke errichtet, die über die Gleise führt. Doch die Treppen sind steil, gerade für ältere Fahrgäste mit viel Gepäck und Mütter mit Kinderwagen ist der Weg sehr beschwerlich geworden. Einige Fahrgäste haben sich bei der Bahn deswegen beklagt.

Bahn, Stadt und Landkreis haben nun auf ungewöhnliche Art Abhilfe geschaffen: Seit Montag helfen Asylbewerber den Reisenden beim Koffertragen. Zehn Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern, Afghanistan und Pakistan, die in einer Unterkunft in Schwäbisch Gmünd leben, haben sich freiwillig zum Dienst gemeldet. In Zweierteams tragen sie in zwei Schichten von 6.15 Uhr bis 18 Uhr das Gepäck der Bahnfahrer. Sie haben rote T-Shirts mit der Aufschrift "Service" bekommen, tragen Namensschilder und Strohhüte, die vor der heißen Sonne schützen sollen.

Schwaben zahlen angeblich gutes Trinkgeld

Der Lohn ist bescheiden: Sie verdienen gerade einmal 1,05 Euro die Stunde. Das ist der Maximallohn für Asylbewerber - mehr lässt das deutsche Asylbewerberleistungsgesetz nicht zu. "Das ist keine Summe, die als Anreiz dient", räumt auch Markus Herrmann, Sprecher der Stadt Schwäbisch Gmünd ein. Die Stadt, die sich die Kosten des ungewöhnlichen Projekts mit der Bahn teilt, würde den Flüchtlingen gerne mehr Lohn für die Arbeit zahlen, darf aber nicht. "Gebt den Kommunen die Freiheit, was zu tun", appelliert Hermann an die Bundesregierung. "Das würde den Alltag der Integration erleichtern."

Immerhin bekommen die Männer das Busticket zum Bahnhof bezahlt. Außerdem hat die Stadt auf dem Bahnsteig eine Hütte errichtet, in der sie im Schatten sitzen können, während sie auf Kunden warten. Im nahegelegenen Büro der Landesgartenschau können sie sich mit Getränken versorgen und auf die Toilette gehen.

250 Asylbewerber leben derzeit in einer Gemeinschaftsunterkunft in Schwäbisch Gmünd - Tendenz steigend. "Diese Menschen leben bei uns, und wir müssen uns um die Leute kümmern", sagt Oberbürgermeister Richard Arnold. Dafür geht die Stadt ungewöhnliche Wege: Beim 850-jährigen Jubiläum der Stauffer-Stadt 2012 halfen die Flüchtlinge bei Organisation und Bühnenbau und spielten beim Festumzug mit, der die Geschichte der Stauffer darstellte.

Mit diesen Aktionen will das Rathaus die Beziehungen zwischen Stadtbewohnern und Flüchtlingen vertiefen, sagt Stadtsprecher Hermann. Die Asylbewerber sollen nicht abgeschieden in ihrer Unterkunft leben, sondern Kontakte zu Einheimischen aufbauen. Auch das Kofferprojekt am Bahnhof soll dazu beitragen.

Die Stadt betont, dass das Ganze ein Experiment sei. Die Flüchtlinge arbeiten freiwillig. Wenn sich der Job am Bahnhof als zu hart erweist, können sie das Projekt jederzeit beenden. Zumindest die Fahrgäste sind sehr glücklich über das Angebot: "Die Kofferträger werden super angenommen", sagt Bahn-Sprecherin Luisa Gunga.

Die Stadt appelliert an die Bahnreisenden, den Flüchtlingen ein großzügiges Trinkgeld zu geben. Offenbar mit Erfolg. Sprecher Markus Hermann sagt: "Die sparsamen Schwaben lassen sich da nicht lumpen. Es bringt ja schließlich was."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 171 Beiträge
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1. Eine unglaubliche Frechheit...
divStar 23.07.2013
... ist das! Menschenwürde gilt wohl nur für Deutsche bzw. jene Menschen, die keine Asylbewerber sind, was? Naja - nichts neues. Ich frage mich ab wann es noch ein paar lustige Jobs geben wird - z.B. Kaffeebecher reichen oder Buch-vor-der-Nase halten oder - besonders im Sommer - mit nem Fächer dem "Kunden" zuwehen. Für 1,05 Euro / Stunde und freiwillig.. natürlich. Nicht, dass sich so etwas z.B. auf das Bleiberecht auswirken würde - oder dergleichen. Blanker Hohn.
2. Traurig, was wir Deutschen so tun.
hdudeck 23.07.2013
Andere Laender geben den Asylanten zumindest die Gelegenheit, etwas zu verdienen, was dem Wort Verdienst entspricht. Hilft nicht nur der Eingliederung, sondern entlastet auch den Steuerzahler. Hoffe zumindest, das die Reisenden, die durch die Koeffertraeger entlastet werden, mit dem Trinkgeld grosszuegiger sind.
3. Naja,
Traumschau 23.07.2013
Zitat von sysopDer Bahnhof in Schwäbisch Gmünd wird umgebaut. Um den Reisenden das Treppensteigen zu erleichtern, hat sich die Stadt eine ungewöhnliche Lösung einfallen lassen. Asylbewerber tragen die Koffer der Bahngäste - für 1,05 Euro die Stunde. In Schwäbisch Gmünd helfen Asylbewerber Reisenden beim Koffertragen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/in-schwaebisch-gmuend-helfen-asylbewerber-reisenden-beim-koffertragen-a-912708.html)
die tun wenigstens was für ihr Geld - das kann man von unserer "Regierung" wohl nicht behaupten ... Aber im Ernst: Was für Land sind wir eigentlich? Sind wir denn alle bekloppt geworden, dass wir Menschen so behandeln? Wie ist es möglich, dass solche Gesetze verabschiedet werden dürfen? Das ist einfach grotesk!
4. Unwürdig
gysc 23.07.2013
Also ich als Deutscher finde das auch eine absolute Frechheit. Da werden Menschen ausgenutzt, die hier um Asyl bitten. Von 1€ die Stunde sich einen tot schleppen ist doch echt ne Frechheit. Und sowas kommt von den Schwaben...hätte ich net erwartet.
5.
propangu 23.07.2013
Zitat von gysc... echt ne Frechheit. Und sowas kommt von den Schwaben...hätte ich net erwartet.
Das Asylbewerberleistungsgesetz ist ein Bundesgesetz.
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Asylrecht in Deutschland
Wer ist in Deutschland asylberechtigt?
Die Frage, wer asylberechtigt ist, ist in Art. 16a Grundgesetz geregelt und wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) entsprechend entschieden. Um als asylberechtigt anerkannt zu werden, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

Die antragstellende Person muss Verfolgung erlitten haben bzw. ihr muss Gewalt oder Freiheitsentzug mit hoher Wahrscheinlichkeit im Herkunftsland bei Rückreise drohen.

Ehegatten und minderjährige Kinder von Asylberechtigten erhalten in der Regel ebenfalls Asyl (Familienasyl).

Sogenannte "Asylerhebliche Merkmale" sind zudem nach dem Wortlaut der Genfer Flüchtlingskonvention (GK) die Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und politische Überzeugung (GFK-Flüchtlinge).

Allgemeine Notsituationen – wie Armut, Bürgerkriege, Naturkatastrophen oder Arbeitslosigkeit – sind damit als Gründe für eine Asylgewährung ausgeschlossen.

Wie verläuft das Anerkennungsverfahren für Asylbewerber?
Während geprüft wird, ob einem Asylantrag stattgegeben wird, ist dem Asylbewerber der Aufenthalt in Deutschland erlaubt (Aufenthaltsgestattung). Diese "Aufenthaltsgestattung" ist jedoch an einen bestimmten Ort gebunden, den die Behörden festgelegt haben. Dies ist die sogenannte Residenzpflicht. Mitunter unterliegt der Bewerber noch weiteren Auflagen. Laut BAMF dauert es durchschnittlich rund neun Monate, bis über einen Antrag entschieden wird. In Einzelfällen kann das Verfahren bis zu 42 Monate dauern. Im Falle einer Ablehnung des Asylantrags als "offensichtlich unbegründet" (§ 30 Asylverfahrensgesetz) erlischt die Aufenthaltsgestattung bereits vor der Ablehnung des Asylantrags mit der Folge, dass der Asylbewerber ein etwaiges Gerichtsverfahren gegen die Ablehnung vom Ausland aus weiter betreiben muss. Auf Art. 16a Abs. 1 des Grundgesetzes kann sich nicht berufen, wer aus einem sicheren Drittstaat im Sinne des § 26a Abs. 2 des Asylverfahrensgesetzes einreist. Der Flüchtlingsschutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention wird dadurch nicht ausgeschlossen.
Wie viele Menschen suchen in Deutschland Asyl?
Die Gesamtzahl der Erstanträge von Asylsuchenden in Deutschland im Jahr 2000 lag noch bei 78.564. Die Antragsteller stammten vorwiegend aus den damaligen Krisenregionen wie den Balkangebieten (vor allem Serbien und dem Kosovo), aus der Türkei sowie dem Irak. Danach sank die Zahl der Anträge kontinuierlich auf weniger als 20.000 im Jahr 2007. Inzwischen gibt es wieder mehr Anträge: Von Januar bis Oktober 2013 gab es mehr als 87.400 Erstanträge von Asylsuchenden in Deutschland: Die meisten stammen aus dem Nordkaukasus, die zweitmeisten Asylsuchenden kommen aus Syrien. Die Anerkennung des Antrags erfolgt durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Gesamtablehnungsquote lag im Jahr 2013 bei knapp 40 Prozent (Stand: September 2013).
Was versteht man unter einer Abschiebung?
Die Abschiebung ist die von Behörden erzwungene Ausreise von Menschen in ein anderes Land. Abschiebungen werden fast immer per Flugzeug durchgeführt.
Wie viele Menschen sind in den vergangenen Jahren abgeschoben worden?
Im Jahr 2004 wurden aus Deutschland ca. 22.000 Menschen abgeschoben, 2012 waren es noch knapp 7651, im Jahr zuvor 7917. Der Rückgang hat unter anderem mit der zurückgehenden Flüchtlingszahl in Deutschland zu tun.
Wie sieht eine solche Abschiebung aus?
Teilweise finden Abschiebungen in Polizeibegleitung statt, auch werden dabei manchmal Zwangsmittel wie Fesselungen und ruhigstellende Medikamente verwendet. Die Abschiebung zieht ein Wiedereinreiseverbot nach sich. Dieses Verbot kann auf Antrag befristet werden. Wer trotz Verbots wieder einreist, auch wenn die Abschiebung schon viele Jahre her ist, macht sich strafbar.
Welche Gründe können eine Abschiebung verhindern?
Solche Gründe bezeichnet man als Abschiebungshindernis. Unterschieden werden zielstaatsbezogene Abschiebungshindernisse und inlandsbezogene Abschiebungshindernisse. Von einem zielstaatsbezogenen Abschiebungshindernis spricht man, wenn die Asylbehörde feststellt, dass einem Flüchtling bei Rückkehr zum Beispiel Folter oder andere ernste Gefahren drohen. Kann eine Abschiebung aus anderen Gründen nicht stattfinden - zum Beispiel bei Reiseunfähigkeit, oder weil kein Pass vorliegt - spricht man von einem inlandsbezogenen Abschiebungshindernis. Dies bedeutet oft nur eine Duldung und die Verschiebung der erzwungenen Ausreise auf einen späteren Zeitpunkt.
Was ist eine Duldung?
Die Duldung ist eine Bescheinigung darüber, dass die Abschiebung vorerst nicht vollzogen wird. Eine Duldung erhält, wer Deutschland verlassen muss, aber (noch) nicht abgeschoben werden kann, zum Beispiel weil kein Pass vorliegt, wegen einer Erkrankung oder weil es keine Möglichkeit gibt, eine Kriegsregion anzufliegen.
Was versteht man unter einem "Flughafenverfahren"?
Die so genannten Flughafenverfahren sind Asylsonderverfahren, die mit der Änderung des Grundrechts auf Asyl 1992 eingeführt wurden. Sie betreffen Asylsuchende aus als "sicher" geltenden Herkunftsländern und alle Flüchtlinge ohne Ausweis, die an einem Flughafen Asyl beantragen. (Falls sie nicht ohnehin in einen zuständigen Staat nach der "Dublin-II-Verordnung" zurückgeschoben werden.) Sie dürfen das Flughafengelände nicht verlassen, werden im "Transitbereich" untergebracht und im Schnellverfahren angehört. Nur bei einer positiven Asylentscheidung oder wenn das BAMF nicht innerhalb von zwei Tagen eine Entscheidung trifft, darf der Flüchtling einreisen und das normale Asylverfahren durchlaufen. Wer im Flughafenverfahren als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt wird, kann abgeschoben werden, ohne dass ein Gericht die Asylentscheidung noch einmal überprüft. Dies kann der Flüchtling nur mit einem Antrag auf "Eilrechtschutz" verhindern. Dieser wird allerdings höchst selten gewährt. Viele der Betroffenen warten im Flughafentransit wochenlang auf ihre Abschiebung.
Was besagt die "Dublin-II"-Verordnung?
Die europäischen Staaten haben sich darauf geeinigt, dass jeder Flüchtling nur in einem EU-Staat ein Asylverfahren erhalten soll. Welcher Staat dies im Einzelfall ist, haben sie in der "Dublin-II-Verordnung" geregelt. Meist gilt, dass derjenige Staat für das Asylverfahren zuständig ist, den der Flüchtling zuerst betreten hat. Wenn also ein Flüchtling über Italien nach Deutschland eingereist ist, lehnt die Bundesrepublik es ab, ein Asylverfahren durchzuführen und betreibt die Abschiebung der Betroffenen nach Italien. 2012 bat die Bundesrepublik in 11.469 Fällen ein anderes europäisches Land um Übernahme von Asylsuchenden. Demgegenüber wurde aber nur in 1500 Fällen ein Übernahmeersuchen von anderen Staaten an die bundesdeutsche Behörde gerichtet. Etwa 3000 Asylsuchende wurden 2012 in andere europäische Länder abgeschoben. Demgegenüber sind nur rund 1517 Flüchtlinge nach Deutschland überstellt worden.


DER SPIEGEL