Informant der US-Diplomaten Westerwelles treuer Maulwurf

Der FDP-Chef hatte ein Problem in seinem engsten Umfeld. Ausgerechnet Guido Westerwelles neuer Büroleiter plauderte vor einem Jahr Interna der schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen an US-Diplomaten aus - jetzt hat er gestanden. Die Partei rätselt über die Motive für den Verrat.

Von

Außenminister Westerwelle in Afrika: Eine schnelle Befragung herbeigeführt
dpa

Außenminister Westerwelle in Afrika: Eine schnelle Befragung herbeigeführt


Berlin - Bis vor wenigen Stunden war Helmut Metzner noch auf der Homepage der FDP-Bundespartei abgebildet. Ein junger Mann mit Brille, kurzen Haaren, Lebensmotto: "Wer gackert, muss auch Eier legen". Seine Funktionen: Leiter des Büros des Bundesvorsitzenden, Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen.

An diesem Donnerstag hat er die Posten verloren, die FDP hat seinen Eintrag von der Seite genommen. Denn Metzner, Jahrgang 1968, ist jener FDP-Informant der US-Botschaft, über den seit Tagen inner- und außerhalb der Partei gerätselt wurde.

Als "junger, aufstrebender Parteigänger" der FDP wurde er in den US-Geheimdepeschen geführt, die WikiLeaks nun enthüllt hat. Er versorgte die Diplomaten mit internen Informationen aus den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen im Herbst 2009 und lieferte auch schon früher Informationen.

Ausgerechnet der Büroleiter von Parteichef Guido Westerwelle als Informant der US-Botschaft - das ist ein schwerer Schlag für die Liberalen. Und wohl auch für den Außenminister selbst. Ein Maulwurf mitten in der Parteizentrale: Nun wird klar, warum die Botschaft stolz die Bedeutung ihres Informanten hervorhob.

Noch Anfang der Woche hatte Westerwelle erklärt: "Ich glaube diese Geschichte so nicht." Die Einschränkung "so" war wohlüberlegt. Denn Westerwelle musste reagieren. Sein Vize Rainer Brüderle hatte schon im FDP-Präsidium eidesstattliche Versicherungen ins Spiel gebracht - von jedem Mitarbeiter, der an den Koalitionsrunden beteiligt war. Das verwarf der FDP-Chef zwar, kündigte zugleich aber Gespräche mit den Betroffenen an.

Liberale sprechen von einem "tragischen Fall"

Das Problem wuchs sich intern aus. Seit Montag kursierten inner- und außerhalb der FDP Dutzende Namen. In Zeitungen und im Internet mussten sich Verdächtige rechtfertigen. Die Suche nach dem Informanten drohte die Partei zu beschädigen, es gab wirre Vermutungen und Gerüchte.

Am Mittwoch gab es dann erste Gespräche, am Donnerstag wurden sie fortgesetzt. Westerwelle befragte Metzner nicht selbst. In seinem Auftrag wurde Martin Biesel tätig, bis zur Wahl 2009 Westerwelles Büroleiter in der Fraktion und jetzt Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Der enge Vertraute befragte den Leiter des Parteibüros - ein skurriler Nebenaspekt der Maulwurf-Affäre.

Metzner soll sich dann selbst offenbart haben, ist aus der FDP-Zentrale zu erfahren. Er habe angegeben, allerdings keine vertraulichen Dokumente übergeben oder zur Einsicht gewährt zu haben, sagte ein Parteisprecher. Er habe den entstandenen Eindruck ausdrücklich bedauert, dass es sich um einen außergewöhnlichen Kontakt zu den US-Diplomaten gehandelt habe.

Von einem "tragischen Fall" ist intern bei den Liberalen die Rede. Denn Metzner, der gern Fliege trägt, galt als korrekt, klug, als angenehmer Mitarbeiter.

Das Motiv des Informanten? Darüber rätseln sie in der FDP

Er war einer aus dem engsten Umfeld Westerwelles. Vor sechs Jahren kam er aus der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in die Parteizentrale. Im Thomas-Dehler-Haus in Berlin wurde er unter dem Parteichef an einer zentralen Stelle eingesetzt - als Abteilungsleiter für Strategie und Kampagnen. Damit war er in der "Denkzentrale" der FDP. In dieser Funktion war er auch zuständig für internationale Beziehungen. Und knüpfte dort Kontakte zur US-Botschaft.

Offenbar ging er dabei einen Schritt zu weit. Wie weit, ist nicht klar. Einer US-Geheimdepesche zufolge bot er den Diplomaten von sich aus Material an - bei der internen Befragung in der FDP-Zentrale soll er dagegen angegeben haben, von den Amerikanern angesprochen worden zu sein.

Was sein Motiv war, ist vielen in der FDP ein Rätsel. Er habe offenbar aus preußischer Pflichterfüllung geglaubt, damit der Partei die nötigen Kontakte zur US-Botschaft herzustellen, sagen Liberale. "Was ich so im Job mache: Für Vertrauen und Mut zur Freiheit in Verantwortung werben", lautete sein Eintrag auf der Homepage der FDP.

Metzner soll in der Parteizentrale bleiben und die Zuständigkeit für Internationales vorläufig behalten, heißt es. Seine weitere Verwendung ist offen.



Forum - Beschädigen die Wikileaks-Dokumente das Verhältnis zwischen den USA und ihren Bündnispartnern?
insgesamt 5856 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Waiguoren 28.11.2010
1.
"Merkel ist methodisch, rational und pragmatisch." Angie kommt doch gar nicht so schlecht weg.
Liberalitärer, 28.11.2010
2. Einstein
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Nein, das sind Einschätzungen und Kritik im Falle D schadet nicht. Niemand hier wird wohl G.W. Bush (den ich für ehrenwert halte) mit Einstein verwechseln.
werner thurner, 28.11.2010
3.
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Dann erfahren wir endlich mal die Wahrheit über die offizielle Denke in den USA. Die Wahrheit , oder annähernd die Wahrheit kann niemals irgendwas beschädigen. Das Verhätnis der USA zu den Verbündeten ist ja bereits durch die Bush Kriegspolitik und das Mitläufertum beschädigt, genauso wie die hierzu mißbrauchte NATO (Bündnsifall bis heute).
Smartpatrol 28.11.2010
4. Nicht schlecht
"Amerikas Botschafter können gnadenlos in der Beurteilung der Länder sein, in denen sie akkreditiert sind." Was man ihnen kaum vorhalten kann. Die Bewertung Westerwelles ist beispielsweise nichts als eine realistische, nüchterne Einschätzung. Keine der genannten Veröffentlichungen macht mir die USA unsympathischer, ganz im Gegenteil.
ramuz 28.11.2010
5. Nein.
Geht man von dem momentanen Level an Vertrauen, Ansehen, Kooperationswillen aus, das/den Akteure anderer Staaten den US entgegenbringen, kann es nicht beschädigt werden aus Sicht der anderen. Wenn die Akteure der US halbwegs intelligent sind, so wissen sie das auch. Theaterdonner halt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.