Innenminister im Interview De Maizière erklärt Cyber-Kriminellen den Krieg

Er ist eifriger Nutzer des Internets - und im Kabinett ist Innenminister Thomas de Maizière für die Gefahren aus dem Cyber-Raum zuständig: Im Interview sagt er zum Cebit-Start, was die Koalition gegen Angriffe aus dem Web tut und warum notfalls Gesetze her müssen.

Innenminister de Maizière: "Austauschen über Gefahren, die aus dem Internet kommen"
REUTERS

Innenminister de Maizière: "Austauschen über Gefahren, die aus dem Internet kommen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, Sie sind einer der prominentesten Politiker auf der Computermesse Cebit - wie nutzen Sie eigentlich das Internet?

De Maizière: Meinen Sie privat oder dienstlich?

SPIEGEL ONLINE: Sowohl als auch. Manchmal mischt sich das ja auch.

De Maizière: Ungern. Privat schreibe und empfange ich natürlich E-Mails, ich habe auch eine eigene Adresse. Neuerdings benutze ich fürs Internet - ohne Werbung zu machen nennt man das wohl so - auch einen Tablet-Computer. Das hat für mich den Vorteil, dass ich blitzschnell surfen kann, auch oft bei SPIEGEL ONLINE, ohne dieses ewige Hochfahren. Im Internet mache ich alles Mögliche, von Routenplanung bis zu Bankgeschäften. Dienstlich führe ich meinen Terminkalender übers Intranet, und natürlich läuft da auch einiges über E-Mail.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht's mit Ihrem Handy aus: Geht damit mehr als nur SMS-Verkehr mit der Kanzlerin?

De Maizière: Der ist tatsächlich wichtig als Mitglied dieser Regierung. Und deshalb ist mein Smartphone ein bisschen größer, denn dafür kann ich eine kleine Tastatur herausfahren - anders als meine Kinder habe ich noch nicht diese SMS-Daumen an der rechten und linken Hand. Ich brauche zum Tippen wenigstens sechs Finger - dann kann ich es allerdings ziemlich schnell. Ansonsten kann ich mit dem Gerät auf meinen Kalender zugreifen, auch auf meine E-Mails, ohne Anlagen, mehr nicht - aus Sicherheitsgründen. Der Internetzugang mit dem Ding ist allerdings mäßig.

SPIEGEL ONLINE: Die Unionsfraktion will ab sofort wieder Netzsperren im Kampf gegen Kinderpornografie. Werden Sie dem nachgeben?

De Maizière: Nein - das sage ich in aller Deutlichkeit. Ich nehme das als nachvollziehbaren, sachgerechten Hinweis, dass nach einem Jahr Praxis die Aussetzung der Netzsperren neu diskutiert werden muss. Aber ich werde nicht einseitig, ohne politische Absprache innerhalb der Koalition, diesen Erlass aufheben.

SPIEGEL ONLINE: Also nach wie vor keine Entscheidung zwischen Löschen und Sperren?

De Maizière: Den Streit über Löschen oder Sperren halte ich für überbewertet, vielmehr brauchen wir beide Optionen im Kampf gegen Kinderpornografie im Netz. Keins von beidem führt zur vollständigen Lösung des Problems. Ein erheblicher Anteil der beanstandeten Seiten ist auch noch nach einer Woche im Netz. Sowohl Löschen als auch Sperren sind nur eine Eindämmung, keine Verhinderung dieses schrecklichen Problems.

SPIEGEL ONLINE: Das Internet wird auch für die Bundesregierung zu einem immer wichtigeren Thema - Stichwort Stuxnet: Gegen solche Angriffe soll künftig ein Cyber-Zentrum helfen. Klingt erst mal toll.

De Maizière: Die Strategie, die das Kabinett in der vergangenen Woche beschlossen hat, sieht weit mehr als die Einrichtung eines Cyber-Abwehrzentrums vor. Aber natürlich ist das ein wichtiger Bestandteil. Wir wollen vier Dinge tun: Zunächst müssen wir die Bürger und die Wirtschaft sensibilisieren für diese Art der Bedrohung - und wenn diese Sensibilisierung nicht reicht, möglicherweise Vorgaben für die sichere Nutzung des Internets machen. Wir könnten ja beispielsweise sagen, dass Computer künftig nur noch mit installierter Anti-Viren-Software verkauft werden dürfen. Aber so weit sind wir noch nicht. Der zweite Teil der Strategie liegt darin, dass wir das Internet als kritische Infrastruktur definiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

De Maizière: Kritisch ist etwas dann, wenn es in dem Moment für uns kritisch wird, wo es ausfällt. Andere Bereiche dieser Art werden durch Sicherstellung der Verfügbarkeit geschützt: Also staatliche Vorkehrungen für den Fall, dass etwa der Strom ausfällt. Ähnliches gibt es für den Erdölbereich und die Wasserversorgung.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie wollen Sie das Internet vorhalten?

De Maizière: Wir sind im Moment dabei zu klären, was von privaten Anbietern an Vorsorge und Schutz getan werden kann und muss. Das ist eine sehr komplexe Aufgabe und wird sicher Jahre dauern. Der dritte Teil der Strategie liegt darin, die staatliche IT noch besser gegen solche Angriffe zu schützen. Und schließlich geht es um Einrichtungen wie den Cyber-Sicherheitsrat und das Cyber-Abwehrzentrum.

SPIEGEL ONLINE: Das bisher zehn Mitarbeiter hat.

De Maizière: Das stimmt. Aber zum einen fängt alles klein an, zum anderen stehen die ja nicht alleine da. Denken Sie an das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik mit seinen 500 Mitarbeitern, das einen großen Teil des Regierungsnetzes schützt. Aber viel wichtiger als Zahlen ist etwas anderes: Wir müssen uns stärker als bisher austauschen über die Gefahren, die aus dem Internet kommen. Zwischen Wirtschaft und Behörden, zwischen Bund und Ländern. Und genau das soll die zentrale Aufgabe des Cyber-Abwehrzentrums sein.

SPIEGEL ONLINE: Polizei, Militär und Geheimdienste sollen sich im Kampf gegen die Cyber-Angriffe ebenfalls austauschen. Was ist mit dem Trennungsgebot zwischen den Behörden?

De Maizière: Das haben wir nun wirklich lange genug diskutiert und die entsprechenden Beschlüsse gefasst: Jeder bleibt in seiner Zuständigkeit. Es wird keine gemeinsamen operativen Arbeiten geben, sondern lediglich einen Informationsaustausch. Und der verstößt weder gegen das Trennungsgebot noch gegen die verfassungsrechtliche Lage beim Einsatz der Bundeswehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben demnach keine Angst vor dem Bundesverfassungsgericht - aber vor dem Koalitionspartner?

De Maizière: Die habe ich ebenso wenig. Ja, aus der FDP-Fraktion gibt es Kritik. Aber im Kabinett, wo wir das beschlossen haben, sitzen ebenfalls hochgeschätzte FDP-Kollegen.

SPIEGEL ONLINE: Bei der sogenannten De-Mail gibt es bereits staatliche Vorgaben.

De Maizière: Das sehen Sie falsch - wir machen Angebote.

SPIEGEL ONLINE: Gut, nennen wir es väterliche Hilfe vom Staat für den Bürger. Die Frage ist: Wie sicher wird De-Mail überhaupt sein können?

De Maizière: Es ist doch so: Bisher waren E-Mails wie traditionelle Postkarten, also offen und lesbar. Künftig sollen sie wie Briefe sein. Auch Briefe sind nie hundertprozentig zu schützen, das können Sie in jedem Krimi sehen, mit heißem Dampf auf- und zukleben und so. Und deshalb machen wir nun Vorschläge zur Zertifizierung von sicherem De-Mail - dazu wird niemand gezwungen. Aber es wird die Sache eben sehr viel sicherer machen, für die, die es wollen. Natürlich ist auch eine komplette Verschlüsselung möglich, aber eben auch sehr aufwendig. Deshalb gehört das nicht zu unseren Vorgaben.

SPIEGEL ONLINE: Oder raten Sie deshalb nicht zu einer Komplett-Verschlüsselung, weil der Staat dann zur Not leichter in die De-Mail schauen kann?

De Maizière: Das ist wirklich abwegig. Wir wollen, dass De-Mail so sicher wie möglich wird, weil es vieles gerade im Rechtsverkehr vereinfachen wird. Mit ausreichend krimineller Energie kann man auch im Internet einen Brief auf- und zumachen, ohne dass es jemand merkt. Aber: Wenn heute weniger als fünf Prozent aller E-Mails verschlüsselt sind, zeigt sich ein deutlicher Handlungsbedarf.

Das Interview führten Florian Gathmann, Roland Nelles und Christian Stöcker

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
si_tacuisses 01.03.2011
1. Den durch kriminelles Verhalten als Parlamentarier aufgefallenen
Zitat von sysopEr ist eifriger Nutzer des Internets - und im Kabinett ist*Innenminister Thomas de Maizière für die Gefahren aus dem Cyber-Raum zuständig: Im Interview sagt er zum Cebit-Start, was die*Koalition gegen Angriffe aus dem Web tut und warum notfalls Gesetze her müssen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748290,00.html
droht er Pensionszahlung bis zum bitteren Ende an ? Klar doch ! Einen hat man gerade entsorgt. Andere kriegen Sonderbriefmarke, Denkmal, Schonung vor Verjährung, Pöstchen Pöstchen und nochmal Pöstchen. Müsse doch ihren Lebensstandard halten, die Armen.
jhartmann, 01.03.2011
2. .
De Maizière erklärt Webplagiatoren den Krieg?
dick_&_durstig 01.03.2011
3. De Maizière lehnt sofortige Netzsperren ab
Tja, dann befürwortet und unterstützt einfach die Kinderpornos, ihr "Volksvertreter". Oder wie soll man die mittlerweile jahrelange Debatte darüber verstehen?
Joe67, 01.03.2011
4. DE-Mail - neue Dimension der Überwachung
Sicher sind heute die e-Mails offen und ungeschützt. Wenn man allerdings keine Vorratsdatenspeicherung der Inhalte hat - und das fordern nicht einmal Unionspolitiker - dann können selbst die unverschlüsselten e-Mails im Nachhinein nicht mehr gelesen werden. Da DE-Mails nur auf dem Server authentisch sind, wird man wichtige e-Mails auf dem Server belassen. Dann aber machen wir unsere eigene Vorratsdatenspeicherung. Ob dann der Zugriff einen richterlichen Beschluss braucht oder nicht - auf jeden Fall sind dann DE-Mails der Vergangenheit mit im Zugriff.
psycho_moni 01.03.2011
5. komplette Verschlüsselung
Zitat von sysopEr ist eifriger Nutzer des Internets - und im Kabinett ist*Innenminister Thomas de Maizière für die Gefahren aus dem Cyber-Raum zuständig: Im Interview sagt er zum Cebit-Start, was die*Koalition gegen Angriffe aus dem Web tut und warum notfalls Gesetze her müssen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748290,00.html
Ich hab es selber noch nicht gemacht, aber z.B. mit thunderbird und enigmail ist eine komplette Verschlüsselung, soweit ich weiß, alles andere als "sehr aufwendig". --> Irreführung??
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.