Innenminister Seehofer Datenklau? Nur die Ruhe

Hinter dem Leak von Daten von Politikern und Prominenten steckt wohl ein 20-jähriger Einzeltäter, Innenminister Seehofer lobt die rasche Aufklärung. Sein selbstbewusstes Credo: alles im Griff.

Innenminister Seehofer
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Innenminister Seehofer

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Horst Seehofer dürfte die Aufregung schon am Freitag ein bisschen übertrieben vorgekommen sein. Der 69-Jährige hat in seinem langen politischen Leben so viele Krisen erlebt, dass sich manches relativiert. Als (scheidender) CSU-Chef und langjähriger bayerischer Ministerpräsident, aber eben auch in seinen Ämtern als Bundesminister, zunächst für Gesundheit, später für Landwirtschaft.

Wer den Bundesinnenminister an diesem Dienstagnachmittag erlebt, wie er gemeinsam mit den Chefs der zuständigen Behörden über den Stand des Datenskandals informiert, bekommt jedenfalls einen Politiker zu sehen und zu hören, der nach dem Motto agiert: nur die Ruhe.

Und man kann sich vorstellen, dass Seehofer ganz ähnlich reagiert hat, als man ihn - seinen Angaben zufolge um 6.50 Uhr am vergangenen Freitag - über die bis dahin vorliegenden Erkenntnisse im Innenministerium und den zuständigen Behörden informierte. Stunden später war die Republik in Aufruhr wegen des vermeintlichen großangelegten Hackerangriffs.

Dass der Innenminister sich erst jetzt äußert, hat ihm Kritik eingebracht, vor allem, weil die Spekulationen unterdessen in alle Richtungen schossen. Obwohl der Tatverdächtige bereits am Sonntag identifiziert war und am Montag ein vorläufiges Geständnis ablegte: Aus Seehofers Sicht konnte er sich gar nicht anders verhalten. "Alles andere wäre nicht verantwortungsvoll gewesen", sagt der Minister, auch aus ermittlungstaktischen Gründen.

Die Ermittler gehen inzwischen von der Einzeltat eines 20-jährigen Schülers aus Hessen aus, der aus der Wohnung seiner Eltern heraus Daten von Prominenten und Politikern abgezapft und sie dann über einen Twitteraccount veröffentlicht haben soll. Nach vorläufigen Erkenntnissen hatte sich der junge Mann über bestimmte Äußerungen geärgert. Dass kein Politiker der AfD unter den Betroffenen ist, deutet auf eine entsprechende Haltung des 20-Jährigen hin, die Ermittler wollen das aber nicht bestätigen.

Ausländische Regierungen offenbar nicht beteiligt

Für manche Politiker sind die Veröffentlichungen schmerzhaft, mitunter wurden Handynummern von Regierungsmitgliedern und private Kommunikation verbreitet - und es handelt sich allein wegen der Zielgruppe um einen "ernsten Vorgang", wie es der Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, ausdrückt.

Aber gleichzeitig ist es laut Schönbohm ein "quantitativ relativ kleiner Vorfall". 994 aktive oder ehemalige deutsche Politiker sind betroffen. Und: Keinerlei Indizien, das bestätigt auch BKA-Chef Holger Münch, weisen nach der Vernehmung des Tatverdächtigen auf die Beteiligung ausländischer Regierungen hin.

Im Video: Seehofer zu dem Datenklau

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Letzteres hätte die Sache tatsächlich zu einem sehr gravierenden Vorgang gemacht. Die Sorge, dass sich beispielsweise Hacker aus Russland sensible Daten beschaffen könnten, geht nach den entsprechenden Angriffen vor der jüngsten Präsidentschaftswahl in den USA auch in Deutschland um. Stattdessen weist nun alles auf einen Kinderzimmer-Täter aus dem mittelhessischen Homberg (Ohm) hin.

Die Sorge vor ausländischen Hackerangriffen ist für Seehofer durchaus berechtigt. Gerade mit Blick auf die Ende Mai anstehende Europawahl müsse man sich entsprechend wappnen, sagt der CSU-Politiker. Allerdings zeigt die rasche Aufklärung des Falls aus Sicht des Ministers, dass die zuständigen Behörden schon jetzt gut aufgestellt seien.

Seehofer verweist auf geplante personelle Aufstockung

Ob das für den Fall eines echten Hackerangriffs wirklich stimmt? Experten haben ihre Zweifel daran - aber der Innenminister sieht das BSI und das Bundeskriminalamt dafür auf einem noch besseren Weg: 350 zuständige Stellen für das Bundesamt seien schon bewilligt, von dem im BKA anzusiedelnden 1800 neuen Stellen seien 160 auch explizit für die Bekämpfung von Cyberkriminalität vorgesehen, sagt Seehofer.

Und dafür, das ist dem Minister wichtig, brauchte es den aktuellen Fall nicht: Die personelle Aufstockung war schon vorher beschlossen.

Die Frage, die Seehofer allerdings umtreibt, ist die nach einem möglichen Frühwarnsystem. Tatsächlich hatten die Behörden schon im Dezember von ersten Datenlecks bei einigen Politikern erfahren, aber seinerzeit deutete aus ihrer Sicht nichts auf einen Zusammenhang hin. Er setze da auf "kreative und innovative" Vorschläge der Behördenchefs, sagt Seehofer.

Und eines ist ihm auch noch wichtig: Absolute Sicherheit werde es - wie grundsätzlich im Kampf gegen Kriminalität - eben auch im Cyberbereich nicht geben können, betont der Innenminister.

Das hat der Krisenmanager Seehofer in all den Jahren offenbar ebenfalls gelernt: Man soll den Bürgern auch nicht zu viel versprechen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, der Verdächtige komme aus Homburg-Ohm. Tatsächlich heißt der Ort Homberg (Ohm).

insgesamt 12 Beiträge
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Bibs1980 08.01.2019
1. IT-Sicherheitslabel für Router
Sind wir wieder zurück in der Zeit, als die Bundespost die Schraubenlöcher an den Fernsprechapparaten mit Siegelscheiben verplombt hat? Das ist der feuchte Traum eines jeden Überwachungsfans: die so versiegelten "sicheren" Router könnte man ja gleich mit einer staatlichen "Sicherheitszugangsmöglichkeit" ausstatten. Möglicherweise...vielleicht....denkbar. Irgendwie glaube ich nicht, dass das was Gutes ist, was da geplant ist.
artep 08.01.2019
2. Zufriedener Seehofer
Seehofer hat da mal richtig gesiegt über einen 20- jährigen Computerfreak, den man ja auch schnellstens ausfindig gemacht hat. Da kann er sich zurücklehnen, lächeln und seine Kompetenz genießen. Wenn so ein Bubi den ganzen Bundestag aufscheuchen kann wie einen aufgeregten Hühnerhaufen, was passiert dann, wenn ein Spezialist auf deutsche Daten zugreift ?
tepchen 08.01.2019
3. Seehofer hat doch Recht, immer mit der Ruhe
Selbst SPON hat den "Datenklau" in seinen 5 Mythen (oder so..) "entlarvt". Der mediale Hype sollte endlich mal abflauen und nicht noch schlafende Hunde wecken. Es war doch von von Anfang an klar das dies kein Hack war sondern eine Sammlung evtl. sogar ziemlich alt. Bitte SPON seit mal irgendwie auf einer Linie das man nicht sagen muss ein Artikel war gut und der Rest vollkommener Quatsch. Vor allem wen man wie ich sich berufsbedingt mit richtigen Hacks auskennt.
bebreun 08.01.2019
4. viel zu viel Aufhebens
Es war in den letzten Tagen interessant zu verfolgen, wie Politiker von links bis xxx plötzlich ihr Maul weit aufreißen und die Aufklärung sofort herbeigeführt haben wollen. Als Privatmann ist man selber für seine Unachtsamkeiten verantwortlich und die Überwachungsbehörden kümmern sich einen Sch... darum, bei einem Schaden zu helfen. Wenn Politiker, Journalisten oder andere in der Öffentlichkeit stehende betroffen sind muss alles in kürzester Zeit aufgeklärt und behoben sein. Äußerst einseitige Gewichtung bei unseren "Volksvertretern".
mirage122 08.01.2019
5. easy going
Wo nimmt dieser Typ nur das Selbstbewusstsein her, diesen Fall so zu präsentieren. Interessant auch sein Hinweis auf die bevorstehende Europawahl? Bereitet er uns damit schon darauf vor, dass eventuell ein Hacker-Angriff schuld sein könnte, wenn seine CSU dabei nicht so gut aussieht? Aber er will sich ja "entsprechend wappnen", wie er jetzt schon verkündet. Dieser Mann, der mit süffisantem Lächeln derartige Vorkommnisse kommentiert, hätte in seiner "Heimat" bleiben sollen. Mit dem Innenministerium ist er einfach überfordert.
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