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Umstrittene Islamismus-Kampagne: "Vermisst"-Postkarten an NSU-Tatort verteilt

Von und Jan Lukas Strozyk

Das Innenministerium setzt die umstrittene "Vermisst"-Kampagne gegen Islamismus fort. Zwar verzichtet man weiterhin auf Plakate, stattdessen sollen Postkarten die Aktion öffentlich machen. Ausgerechnet an einem Tatort der NSU-Terrorserie in Köln wurden die Flugblätter nun verteilt.

Eines der umstrittenen Motive: "Unglücklicher Zufall"? Zur Großansicht
Bundesministerium des Innern

Eines der umstrittenen Motive: "Unglücklicher Zufall"?

Köln - Trotz Protesten werden in mehreren deutschen Städten zurzeit Postkarten mit den Motiven aus der "Vermisst"-Kampagne des Bundesinnenministeriums verteilt. Mit der Werbekampagne soll die Radikalisierung von jungen Muslimen verhindert werden - Gegner werfen Innenminister Friedrich vor, Muslime unter Generalverdacht zu stellen und Vorurteile zu befeuern. Das Innenministerium hatte daher die zunächst geplante Plakatierung ausgesetzt, die Werbemaßnahmen werden aber nun mit Flugblättern fortgesetzt.

Auch in der Kölner Keupstraße, wo 2004 bei einem Anschlag des Terrortrios "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) 22 Menschen verletzt worden sind, wurden die Karten ausgelegt. Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) kritisiert das Innenministerium scharf: "Es genügt nicht, nur die Plakataktion zu dieser Werbekampagne zu stoppen, alle Werbemaßnahmen müssen sofort eingestellt werden", so Roters in einer Stellungnahme. Die Verteilaktion in der Keupstraße zum jetzigen Zeitpunkt sei "in hohem Maße unsensibel".

Inwieweit dies auf explizite Anweisung des Innenministeriums geschehen ist, ist unklar. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte ein Sprecher zunächst nur, dass sich die Verschiebung ausschließlich auf die Großflächenplakate bezog. "Die Öffentlichkeitskampagne 'vermisst' wird ansonsten planmäßig fortgesetzt mit dem Ziel, im Interesse eines friedlichen Miteinanders der islamistischen Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Menschen entgegenzutreten", so der Ministeriumssprecher weiter.

"Unglücklicher Zufall"

Für die Verteilung ist die United Ambient Media AG aus Hamburg verantwortlich. "Für uns war das ein ganz normaler Auftrag", sagte der Geschäftsführer Stefan Wasmuth auf Anfrage. Zu den Details des Kontrakts mit der Agentur, die im Auftrag des Bundesinnenministeriums die Kampagne durchführt, wollte sich der Hamburger Geschäftsmann "aus juristischen Gründen" nicht äußern. Auch mochte er keine Angaben zu der Frage machen, auf wessen Veranlassung die Karten ausgerechnet in der Kölner Keupstraße verteilt worden waren. "Es war wohl ein unglücklicher Zufall", vermutet Wasmuth. Die Karten würden jedenfalls seit Montag in mehreren deutschen Städten ausgegeben.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bestimmt ein Verteilungsplan, dass die Werbeträger in Gegenden mit hohem Ausländeranteil verbreitet werden sollen. Üblicherweise werden die Karten in Restaurants und Geschäften ausgelegt oder dort in dafür vorgesehene Halterungen gestellt. Bereits in der vergangen Woche waren die ersten Exemplare in der Kölner Keupstraße aufgetaucht. Offenbar hatte der örtliche Verteiler herausfinden wollen, ob die Unternehmer dort überhaupt bereit sind, die Karten in ihre Läden zu legen.

"Wir haben erst gar nicht gemerkt, was das ist", erzählt Hülya Özdag, die in der Straße eine Feinkonditorei betreibt und die Interessengemeinschaft Keupstraße vertritt. Sie sei nicht selbst im Geschäft gewesen, als die Austräger die Flyer bei ihnen abgegeben häten. Erst als Kunden sie auf deren Inhalt aufmerksam gemacht hätten, habe sie sich die Karten näher angesehen und sofort weggeworfen: "Es ist eine Frechheit, die ausgerechnet hier zu verteilen, ich bin total sauer."

"Kampagne von Anfang an falsch konzipiert"

Auch der Kölner Abgeordnete Arif Ünal von den Grünen ist empört: "Der Bundesinnenminister drängt die Menschen, die in der Keupstraße leben, nach jahrelangen eklatanten Ermittlungspannen schon wieder in eine Täterrolle." Es sei "äußerst unsensibel", gerade hier diese Postkarten auszulegen. "Die Kampagne ist von Anfang an so gründlich falsch konzipiert worden, dass sie hätte eingestampft werden müssen. Sie stellt Menschen mit Migrationshintergrund unter Generalverdacht", sagt Ünal.

Am 9. Juni 2004 war in der überwiegend von Türken bewohnten Straße eine Nagelbombe detoniert, 22 Menschen wurden verletzt. Kriminaltechnische Untersuchungen ergaben schließlich, dass der selbstgebaute Sprengsatz aus Schwarzpulver, Nägeln und einer Gasflasche bestanden hatte. Die Täter lösten ihn per Fernzündung aus. Die zehn Zentimeter langen und drei Millimeter dicken Eisenstifte durchschlugen Autos und zerfetzten Glasscheiben. Im Zuge der Ermittlungen musste die Polizei Fehler einräumen, so sind etwa Akten vernichtet worden.

"Die Keupstraße", schrieb die "Zeit" einmal, "ist wie ein bunter Hund in der großen Stadt." Es ist eine Welt für sich, mit etwa hundert Geschäften, in die sich selten ein deutscher Kunde verirrt: Konditoreien, Reisebüros, Cafés, Telefonshops. In der Schanzenstraße, einmal um die Ecke, liegen die Fernsehstudios, in denen Stefan Raab und Harald Schmidt ihre Sendungen produzierten. Doch das scheint meilenweit entfernt.

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1. optional
britneyspierss 25.09.2012
Gäbe es diese Geschäfte nicht so hätten wir tausende Arbeitslose Ausländer mehr zu versorgen.Ausserdem bringen Sie Farbe in die Grosstadt.Das die Postkarten in dieser Strasse verteilt werden ist verständlich : Es ist die Zielgruppe dort vorhanden für diese Kampagne oder sollten die Karten auf der Luxus-Einkaufsstrasse fuer wohlhabende Touristen verteilt werden?
2.
Stäffelesrutscher 25.09.2012
Zitat von sysopBundesministerium des InnernDas Innenministerium setzt die umstrittene "Vermisst"-Kampagne gegen Islamismus offenbar fort. Zwar verzichtet man weiter auf Plakate, stattdessen sollen Postkarten die Aktion öffentlich machen. Ausgerechnet an einem Tatort der NSU-Mordserie in Köln wurden die Karten nun verteilt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/innenministerium-setzt-umstrittene-vermisst-kampagne-fort-a-857884.html
Wenn das eine "Islamismus-Kampagne" ist, dann ist das, was die Geheimdienste sonst so machen, eine Terror-Kampagne.
3. Warum Generalverdacht?
dokuti 26.09.2012
Da wird ein Thema, das in unserer Gesellschaft zur Zeit brandaktuell ist thematisiert und soll zum Nachdenken anregen und sofort wird unterstellt, man wolle damit alle Moslems unter Generlaverdacht stellen. Wie kommt man zu dieser merkwürdigen Schlussfolgerung? Darf man überhaupt nichts mehr über Moslems und Islam sagen, ohne Gefahr zu laufen, dass einem böse Absichten unterstellt werden? Warum ist das so ein heißes Eisen? Warum kann man damit nicht normal umgehen? Es ist nie gut, wenn Probleme nicht mehr an- oder ausgesprochen werden dürfen, weil dann gleich der "Generalverdacht" besteht, man diffamiere einen ganzen Kulturkreis. Wie sollen die vorhandenen Probleme gelöst werden, wenn man sie nicht mehr ansprechen darf. Viele Bürger wünschen sich eine ehrliche Thematisierung der Probleme, die sich durch die fremden Kulturen ergeben. Ich hätte lieber Offenheit, auch wenn die manchmal ruppig und unangenehm wäre, als dieses "Rumjonglieren mit heißen Eisen". Wo leben wir denn inzwischen, wenn die Benennung der Dinge zu meiden ist?
4. Ablenken von inneren Problemen
Waldbahner2 26.09.2012
Zitat von dokutiDa wird ein Thema, das in unserer Gesellschaft zur Zeit brandaktuell ist thematisiert und soll zum Nachdenken anregen und sofort wird unterstellt, man wolle damit alle Moslems unter Generlaverdacht stellen. Wie kommt man zu dieser merkwürdigen Schlussfolgerung? Darf man überhaupt nichts mehr über Moslems und Islam sagen, ohne Gefahr zu laufen, dass einem böse Absichten unterstellt werden? Warum ist das so ein heißes Eisen? Warum kann man damit nicht normal umgehen? Es ist nie gut, wenn Probleme nicht mehr an- oder ausgesprochen werden dürfen, weil dann gleich der "Generalverdacht" besteht, man diffamiere einen ganzen Kulturkreis. Wie sollen die vorhandenen Probleme gelöst werden, wenn man sie nicht mehr ansprechen darf. Viele Bürger wünschen sich eine ehrliche Thematisierung der Probleme, die sich durch die fremden Kulturen ergeben. Ich hätte lieber Offenheit, auch wenn die manchmal ruppig und unangenehm wäre, als dieses "Rumjonglieren mit heißen Eisen". Wo leben wir denn inzwischen, wenn die Benennung der Dinge zu meiden ist?
In welcher Gesellschaft sollte das Thema brandaktuell sein? Bei den paar Deutschnationalen welche eine Überfremdung fürchten? Bei den Christen denen die letzten Gläubigen weglaufen? Ob man Christen mehr fürchten muss als Muslime muss wohl offen bleiben. Ich fürchte mehr Leute welche wegen ihrer Gesinnung Leute umbringen. Das waren zumindest bei uns bisher die "guten" Deutschen. Mich stören gläubige Muslime nicht. Von Saudi-Arabien bezahlte Salafisten allerdings sofort raus.
5.
Robert_Rostock 26.09.2012
Zitat von Waldbahner2In welcher Gesellschaft sollte das Thema brandaktuell sein? Bei den paar Deutschnationalen welche eine Überfremdung fürchten? Bei den Christen denen die letzten Gläubigen weglaufen? Ob man Christen mehr fürchten muss als Muslime muss wohl offen bleiben. Ich fürchte mehr Leute welche wegen ihrer Gesinnung Leute umbringen. Das waren zumindest bei uns bisher die "guten" Deutschen. Mich stören gläubige Muslime nicht. Von Saudi-Arabien bezahlte Salafisten allerdings sofort raus.
Nun raten Sie mal, um wen es bei der Kampagne geht... Kleine Hilfe: Um normale gläubige Muslime nicht.
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