Innere Sicherheit Schäuble beharrt auf Online-Durchsuchungen

Wolfgang Schäuble bleibt hart. Er will Koalitionspartner SPD nicht nachgeben und verlangt weiter eine gesetzliche Grundlage für die umstrittene Online-Durchsuchung von Computern. Der Innenminister wehrt sich gegen ein BKA-Gesetz ohne solche Befugnisse.


Hamburg - Auftritt Schäuble beim Deutschlandtag der Jungen Union. Mit markigen Sprüchen warb er für sein derzeit wichtigstes politisches Anliegen: Die Online-Durchsuchung von Computern. "Solange das Auto nicht erfunden war, musste man auch keine Polizeikraftfahrzeuge anschaffen." Die Sicherheitsbehörden müssten mit der technologischen Entwicklung Schritt halten können, verteidigte er in Berlin seine Pläne.

Wolfgang Schäuble: "Solange das Auto nicht erfunden war, musste man auch keine Polizeikraftfahrzeuge anschaffen"
DPA

Wolfgang Schäuble: "Solange das Auto nicht erfunden war, musste man auch keine Polizeikraftfahrzeuge anschaffen"

"Wir werden kein BKA-Gesetz vorlegen, dass nicht auch die Möglichkeit der Online-Durchsuchung vorsieht", sagte der CDU-Politiker heute. Alles andere sei nicht zu verantworten. "Wir sind eines der sichersten Länder der Welt, und ich möchte, dass wir es auch bleiben", erklärte der Minister. Wenn Terroristen und Verbrecher über das Internet kommunizierten, müssten die Sicherheitsbehörden die Möglichkeit haben, diese Kommunikation zu überwachen. "Wir müssen in schweren Verdachtsfällen und nach richterlicher Anordnung die Möglichkeit haben, in die Technologien einzudringen, die diejenigen nutzen, die schwere Angriffe gegen unser Land vorbereiten", sagte Schäuble. "Sonst machen wir die Polizei blind und taub."

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich gestern vor den Delegierten der Jungen Union erneut für die umstrittenen Online-Durchsuchungen stark gemacht. "Mit richterlicher Erlaubnis in einem schweren Verdachtsmoment muss das möglich sein."

Bundeswehr im Inneren

Schäuble warb heute vor den jungen Parteimitgliedern auch für den umstrittenen Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Es gebe heute keinen Unterschied mehr zwischen innerer und äußerer Sicherheit. Notwendig sei auch eine gesetzliche Grundlage für den Abschuss eines von Terroristen zum Zweck eines Anschlags entführten Flugzeugs. "Es muss im Rahmen der Verfassung eine Möglichkeit geben, dass jemand befugt ist, in dieser Situation eine Entscheidung zu treffen", sagte der Minister.

Im Streit über die Terrorabwehr forderte er die SPD zum Einlenken auf. Sonst setzten die linken Parteien auch immer auf den Staat. "Nur da, wo der Staat handeln muss, schüren sie Misstrauen gegen diesen Staat", sagte Schäuble. Der Minister kritisierte die SPD auch mit Blick auf die Debatte um eine längere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für Ältere. Deutschland könne endlich wieder einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorweisen, betonte Schäuble. "Und deshalb muss die SPD endlich aufhören, diesen Weg, mit dem wir Erfolg haben, jetzt wieder korrigieren zu wollen. Das ist das Dümmste, was man machen kann."

Im Streit um das BKA-Gesetz droht Schäuble jedoch auch Gegenwind aus dem eigenen Lager: Bayern, Hamburg und andere Unionsländer sperren sich gegen seinen Plan, dem Bundeskriminalamt mehr Macht bei der Terrorabwehr zu verleihen. Nach SPIEGEL-Informationen fürchten sie Machtverlust. In schriftlichen Stellungnahmen rügen sie, dass das Bundeskriminalamt zu weit in die Befugnisse der Landespolizeibehörden eingreifen dürfe.

Schad- und Spähsoftware
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren
Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

ler/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.