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Insolvenz-Minister Guttenberg: Merkels Musterschüler holt sich Streicheleinheiten

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Erholung für einen angeschlagenen Shooting Star: Bei der Arbeitgeberlobby "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" kann Wirtschaftsminister Guttenberg die Wunden der langen Opel-Nacht pflegen. Die Kanzlerin hilft mit - auch, weil sie sich einen Absturz des Jungtalentes kaum leisten kann.

Berlin - Karl-Theodor zu Guttenberg sieht wieder ein wenig fitter aus. Er habe mittlerweile etwas Schlaf bekommen, sagt er. Wenigstens ein paar Stunden Ruhe nach diesen zurückliegenden "munteren Tagen", von denen, so ahnt es der CSU-Politiker, noch einige weitere kommen werden.

Das heißt eigentlich nichts Gutes für den Mann, der in der für Opel entscheidenden Nacht von Freitag auf Samstag die bislang einsamsten Stunden in seiner noch jungen Karriere als Bundeswirtschaftsminister erleben musste. So einsam, dass er der Kanzlerin kurz vor Mitternacht sogar seinen Rücktritt angeboten haben soll.

Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Ex-Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer, Kanzlerin Angela Merkel: "Schmollen sieht anders aus"
REUTERS

Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Ex-Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer, Kanzlerin Angela Merkel: "Schmollen sieht anders aus"

An diesem Dienstagvormittag gibt sich Guttenberg wieder kämpferisch. Vom "Schmollwinkel", in den er sich zurückgezogen habe, hat er an diesem Morgen in einer Zeitung gelesen. "Schmollen sieht anders aus", sagt der Minister vom Rednerpult und schaut betont spöttisch drein. "Es gibt schließlich ein erhebliches Maß an Arbeit, das ansteht." Die Zuschauer zwischen edlem Platanenholz und grünem Marmor klatschen. Dem Redner tut der Beifall sichtlich gut, aber das frische Selbstbewusstsein der ersten Tage im Amt, es ist noch nicht wieder da, das ist deutlich zu spüren. Die lässige Haltung am Pult, sie wirkt plötzlich bemüht.

Dabei ist es eigentlich ein willkommener Wohlfühltermin für den politischen Jungstar im Kabinett, dessen Image an einem harten Wochenende erste Kratzer bekommen hat. Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" hat in den Ballsaal des Berliner Hotels Adlon geladen. Ein Ambiente also, in dem sich eine Krise gut aushalten lässt. Und ein arbeitgebernaher Veranstalter, der nicht unbedingt im Verdacht steht, das ordnungspolitische Gewissen der Bundesregierung in Frage stellen zu wollen. "Erfolg made in Germany: Die soziale Marktwirtschaft" prangt als Motto über dem Podium.

Auch die Bundeskanzlerin ist da, sie soll zur Eröffnung eine wirtschaftspolitische Grundsatzrede halten. Guttenberg ist das Schlusswort vorbehalten, dazwischen diskutieren gleichsam als Puffer EU-Kommissar Joaquín Almunia, Italiens Zentralbankgouverneur Mario Draghi, Regierungsberater Otmar Issing und der ehemalige US-Botschafter Bob Kimmitt. Keine Gefahr also, dass Merkel und Guttenberg Auge in Auge und in aller Öffentlichkeit Argumente pro oder contra eine Opel-Insolvenz austauschen müssen.

Stattdessen nutzen die Regierungschefin und ihr Minister die Gelegenheit für demonstrative Geschlossenheit. Sie kommen gemeinsam, stellen sich zum Auftakt zusammen den Fotografen, obwohl Guttenberg erst drei Stunden später seinen Vortrag halten soll. Das Signal ist klar: Wir haben weiterhin Vertrauen zueinander, die Zusammenarbeit klappt. Dabei soll auch Merkel, so ist zu hören, in eben jener langen Nacht in der Berliner Regierungszentrale Guttenberg schwer auflaufen lassen haben. Als der immer wieder Fragen zum Magna-Konzept aufwarf, habe die Kanzlerin ihn wissen lassen, dass man auf diese Fragen eigentlich Antworten des Wirtschaftsministers erwartet habe, so schreibt es die "Süddeutsche Zeitung".

Ein "ausdrückliches Dankeschön"

Öffentlich hat Merkel ihrem Minister jedoch längst den Rücken gestärkt, und sie tut es auch an diesem Dienstag. Es sei eben "sehr, sehr schwierig", die Risiken im Falle der geplanten Opel-Rettung zu bewerten, sagt Merkel und klingt dabei ein bisschen wie eine Lehrerin, die Verständnis für den Fehler eines ihrer Schüler aufbringt. "Ich respektiere die Bedenken des Bundeswirtschaftsministers", sagt sie und richtet ein "ausdrückliches Dankeschön" an den 37-Jährigen. Dieser habe sehr darauf geachtet, dass die Interessen des deutschen Staates in vollem Maße vertreten wurden. Längerer, kräftiger Applaus brandet auf, zum ersten Mal überhaupt während Merkels Rede.

Der Kanzlerin ist daran gelegen, dass Guttenberg nicht zu angeschlagen aus der Opel-Diskussion hervorgeht. Zwar dürfte sie dessen abweichende und vor allem offen kundgetane Meinung wenig begeistert zur Kenntnis genommen haben. Doch Merkel muss Milde walten lassen mit ihrem zuvor von allen Seiten gelobten Jungtalent im Kabinett.

Ein Rücktritt wenige Monate vor der Wahl, nur ein paar Monate nach der Neubesetzung des Postens, war ohnehin keine echte Option. Genauso wenig aber ist es ein schwacher, angreifbarer Minister, den die Sozialdemokraten gerade als "Baron aus Bayern" zum zweiten Paul Kirchhof machen wollen, Merkels unglücklichen "Professor aus Heidelberg" im Wahlkampf 2005. Also gilt die Abmachung, dass Guttenberg bei seinen Einwänden bleiben darf, die gefundene Lösung allerdings mitzutragen hat.

Als der Wirtschaftsminister den Gästen im Adlon seine Vorstellungen von Ordnungspolitik mitteilen darf, ist die Kanzlerin längst davongezogen. "Die Krise gibt Gelegenheit, Stellung zu beziehen und auch Stellung zu halten", sagt Guttenberg. Die Vertreter der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" nicken zustimmend. Guttenberg kann sich des Applauses sicher sein, wenn er hier die Prinzipien der Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards lobt. "Ich würde mir manchmal etwas mehr Mut wünschen von denen, die diese Prinzipien sonst immer gerne hochhalten", sagt er.

Image-Politur im Fall Arcandor

Wen er damit konkret meint, lässt er offen. Die Spitze dürfte aber wohl eher Roland Koch (CDU) gegolten haben als der Kanzlerin. Schließlich war es vor allem der hessische Regierungschef, der die Insolvenzpläne des Ministers lautstark kritisierte. Hessen ist schließlich Opel-Land. Guttenberg nutzt denn auch noch einmal die Chance, dem Ministerpräsidenten und den zuletzt so wütenden Sozialdemokraten Nachhilfe in Sachen Insolvenzrecht zu geben. Insolvenz sei nicht gleich Pleite, betont der CSU-Mann, darum werde er die Option auch künftig ins Gespräch bringen, wenn sie angezeigt sei.

Vielleicht schon im Fall von Arcandor? Da wird es der Minister einfacher haben als bei Opel. Denn schließlich bezeichnet die Kanzlerin den Autobauer am Dienstag noch einmal als "besonderen Fall", einen weiteren dieser Art sehe sie derzeit nicht. Damit dämpft sie die Hoffnungen des Handelskonzerns auf staatliche Unterstützung, mehr als eine vorbehaltlose Prüfung der Arcandor-Bitten sagt sie nicht zu - und liegt damit auf einer Linie mit Guttenberg.

Wenn Merkel also bei ihrer Einschätzung bleibt, dann könnte Guttenberg schon im Fall Arcandor sein Image wieder aufpolieren und sich während der nächsten "munteren Tage" als das ordnungspolitische Gewissen profilieren, das bei Opel nicht gefragt war.

Dann wieder ganz im Sinne der Kanzlerin.

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