Integration 2067 Die Buntesrepublik

2067 erhalten Ausländer in Deutschland sofort die Staatsbürgerschaft. Und das Wahlrecht. Die Republik hat sich notgedrungen zum bunten Einwanderungsland erklärt - und die Integration von Millionen Ausländern gemeistert.

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Berlin - Ein gut gefülltes Altersheim in Deutschland 2067. Eine greise Frau erzählt aus ihrer Jugend. Von damals, als in Deutschland heftig darüber gestritten wurde, wie Einwanderer besser zu integrieren wären.

Sie erzählt von Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebten – aber immer wieder damit rechnen mussten, abgeschoben zu werden.

Sie erzählt von der hohen Arbeitslosigkeit in Stadtteilen, in denen viele Einwanderer lebten.

Sie spricht davon, dass 2006 rund 17 Prozent aller Kinder aus Einwandererfamilien die Schule ohne Abschluss verlassen haben.

Für den Pfleger, der aus einer ursprünglich afghanischen Familie stammt, klingt die Geschichte wie ein düsteres Märchen.

Karneval der Kulturen in Berlin: Massenzuwanderung in die Mehrheitsgesellschaft
DDP

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2067 bestehen die deutschen Eliten fast zur Hälfte aus Einwanderern - in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur. 2067 kommen die Eltern der deutschen Außenministerin aus dem Irak, der Kanzler hat italienische Vorfahren. 2067 stammt die Hälfte aller unter 50-jährigen Deutschen aus Familien, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts in die Bundesrepublik kamen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft ist eine quietschbunte Bundesrepublik geworden.

Schon 2010 kam in den Großstädten jeder Zweite aus einer Einwandererfamilie. 2025 waren von 100 Neugeborenen 65 Migrantenkinder. Und die alternde deutsche Gesellschaft brauchte noch mehr Zuwanderung, um zu verhindern, dass Deutschland vollkommen vergreist, dass ganze Landstriche aussterben.

Geschlechterverständnis auf den Kopf gestellt

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Ohne Zuwanderung würden zur Mitte des Jahrhunderts weniger als 60 Millionen Menschen in Deutschland leben, hatte das Institut Prognos zu Anfang des Jahrhunderts vorausgesagt. Deutschland rang sich nach jahrzehntelangen Debatten schließlich zu einer neuen Zuwanderungspolitik durch - was allerdings nicht ohne Rückschläge ablief.

Auch 2067 gibt es noch Stadtteile, in denen im Alltag kaum Deutsch gesprochen wird, sondern Türkisch oder Arabisch. Auch wenn in den zwanziger Jahren große Stadtplanungsaktionen gestartet wurden, um die Gesellschaft besser zu vermischen.

Auch 2067 müssen einige muslimische Frauen so leben, wie es ihre Männer, Väter oder Brüder ihnen vorschreiben. Aber die meisten Frauen aus arabischen und türkischen Familien gehen arbeiten, schon wegen gekürzter Sozialleistungen und der demographischen Entwicklung. Das hat das Geschlechterverständnis in vielen Familien auf den Kopf gestellt. Gerade junge Frauen aus diesen Familien suchen eine selbstbestimmte Zukunft.

Die Türken, Araber, Deutschen - die Stereotype weichen auf

Auch 2067 sorgen sich manche Deutsche vor muslimischen Extremisten - doch 2035 trat ein deutscher Muslim, Tarek Hussein, als Innenminister gegen religiösen Extremismus an, nicht ohne Erfolg. Es gibt zwar noch muslimische Fundamentalisten in Deutschland, aber weniger als einst befürchtet. Islamische Verbände kämpfen gegen Radikale in den eigenen Reihen.

Die Trennlinie in der deutschen Gesellschaft verläuft nicht mehr zwischen Migranten und Deutschen. Ob jemand einen "Einwanderungshintergrund" hat, sagt nichts mehr über seine Chancen in dieser Gesellschaft aus. Der dunkelhäutige CSU-Politiker ist so selbstverständlich wie eine deutsche Konzern-Chefin afghanischer Herkunft.

In den Schulen wird längst nicht mehr über Leistungsstudien wie Pisa geklagt, sondern über gemeinsame Werte geredet. Schon Kindergartenkindern werden kulturelle Unterschiede, Respekt und Gleichheit beigebracht; sie feiern das muslimische Opferfest, Weihnachten, Chanukka. Schulen veranstalten Pflichttreffen für Eltern: Neu-, Alt- und Niemals-Zugewanderte. Die Stereotype der "Türken", der "Araber", der "Deutschen" sind aufgeweicht.

Staatsbürgerschaft samt Wahlrecht - sofort

Das ist das Verdienst beider Seiten. Deutschland versteht sich endlich ernsthaft als Einwanderungsland und macht Zugewanderten ernsthafte Angebote: für Bildung, Beruf, Partizipation. Zuwanderer bekommen 2067 sofort die deutsche Staatsbürgerschaft samt Wahlrecht, sofern sie sich bei ihrer Ankunft unmissverständlich zum Grundgesetz bekennen.

Zugleich führen in den Migrantenverbänden jene das Wort, denen das Grundgesetz und die Bildung am Herzen liegen. Sie haben Zeichen gesetzt - und nicht mehr akzeptiert, dass im Namen der Religion Gleichberechtigung oder das Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt werden.

Die Basis haben Politiker und Zivilgesellschaftler, Muslime und Christen gelegt - sie haben die Maxime ausgehandelt: Jeder kann seine Kultur leben, solange sie nicht mit Grundwerten wie Freiheit und Gleichheit in Konflikt tritt. Bei den meisten Einwanderern wuchs das Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland mit den wirtschaftlichen und sozialen Chancen, die sie bekamen.

Kurz: 2067 fühlen sich Migranten in Deutschland immer noch türkisch, afghanisch, russisch - von ihren Wurzeln her.

Aber sie fühlen sich immer auch deutsch.



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