Weltweiter Migrations-Index Deutschland steigt bei Integration in Top Ten auf

Wie geht Deutschland mit seinen Migranten um? In den vergangenen Jahren hat die Bundesrepublik laut einem Vergleich von 38 Einwanderungsländern aufgeholt - in einem Bereich allerdings schneidet Deutschland weit unterdurchschnittlich ab.

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Flüchtling mit Deutschlandflagge: Wie läuft es mit der Integration?
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Flüchtling mit Deutschlandflagge: Wie läuft es mit der Integration?


Nach Deutschland sind in den zurückliegenden Monaten innerhalb der EU die meisten Flüchtlinge gekommen. Viele dieser Menschen werden wohl länger bleiben, wenn sich die Lage in ihren Heimatländern - zum Beispiel in Syrien - nicht ändert.

Aber wie wird es ihnen hierzulande gehen? Was tut der deutsche Staat, um ihnen die Integration zu erleichtern und sie zum Teil der deutschen Gesellschaft zu machen? Haben Einwanderer in Deutschland - auch die, die schon viele Jahre hier leben - die gleichen Rechte und Chancen?

Der Brüsseler Thinktank "Migration Policy Group" hat die Integrationspolitik von 38 Ländern - die 28 EU-Staaten sowie Norwegen, Island, Australien, Kanada, die USA, Schweiz, die Türkei, Südkorea, Neuseeland, Japan - miteinander verglichen und einen Index - MIPEX - erstellt. Darin werden die Länder auf acht zentralen Politikfeldern anhand von 167 Indikatoren eingestuft.

Deutschlands Integrationspolitik hat also ein Zeugnis bekommen. Das sind die zentralen Ergebnisse:

  • Deutschland ist in die Top Ten der besten Integrationsländer aufgestiegen. Von 100 Punkten erreicht Deutschland 61 - drei Punkte mehr als beim jüngsten MIPEX aus dem Jahr 2011. Damit liegt die Bundesrepublik knapp über dem westeuropäischen Durchschnitt mit 60 Punkten und rückt an die nordeuropäischen Länder heran. Zum Vergleich: Das Einwanderungsland Kanada liegt diesmal auf dem sechsten Platz. Griechenland landete auf Platz 27. Österreich belegt Platz 20. Die Schweiz liegt auf dem 21. Platz. Die komplette Landesliste soll am 26. Juni 2015 komplett sein.
  • Deutschland wird laut Thomas Huddleston, Programmdirektor der Migration Policy Group, von anderen Ländern in der Integrationspolitik inzwischen als Vorbild gesehen. Die deutsche Politik habe es in den vergangenen Jahren geschafft, zahlreiche Verbesserungen für Einwanderer umzusetzen, zum Beispiel die bessere Anerkennung ausländischer Abschlüsse. In anderen Industrieländern hingegen hätten rechtspopulistische Parteien die politische Agenda bestimmt und so Reformen blockiert.
  • Pegida zum Trotz: Deutschland ist eines der wenigen Industrieländer, in dem sich die Einstellungen der Bevölkerung zu Integration verbessern. 72 Prozent finden, dass Nicht-EU-Bürger und Deutsche gleiche Rechte haben sollten.

Was läuft gut?

  • Besonders auf dem Arbeitsmarkt gelingt es laut MIPEX oft, Einwanderer gut zu integrieren - auf diesem Feld liegt Deutschland auf Platz vier - gleichauf mit Kanada, das bei der Debatte um ein neues Einwanderungsgesetz von Politikern oft als Vorbild genannt wird. Konkret bedeutet das: 78 Prozent der Einwanderer in Deutschland haben laut MIPEX Arbeit - nur in der Schweiz, Island, Norwegen und Schweden ist die Arbeitslosenquote unter Migranten noch niedriger. Nicht-EU-Bürger, die in Deutschland eine Arbeit oder Ausbildung aufnehmen wollten, genössen annähernd gleiche Rechte, so Forscher Thomas Huddleston. Er hebt besonders die verbesserten Anerkennungsverfahren ausländischer Qualifikationen hervor. Forscherin Naika Foroutan vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Berufsforschung der Humboldt Universität in Berlin, das MIPEX-Partner in Deutschland ist, führt die gute Position im Bereich Arbeitsmarkt auch auf die wirtschaftlich stabile Lage in Deutschland seit Beginn der Finanzkrise 2008 zurück.

  • Überdurchschnittlich schneidet Deutschland mit 72 Punkten auch bei den Einbürgerungsmöglichkeiten ab (der Durchschnitt der 38 Staaten liegt bei 48 Punkten). Hier ist Deutschland mit dem Prinzip, dass wer in Deutschland geboren wird unter bestimmten Voraussetzungen auch den deutschen Pass bekommt, laut der Untersuchung richtungsweisend. Allerdings sei Deutschland das letzte Haupteinwanderungsland, in dem die doppelte Staatsbürgerschaft allgemein verboten ist. In Deutschland können Einwandererkinder nur unter bestimmten Bedingungen zwei Pässe behalten.

  • Auch im Bereich Bildung steht Deutschland mit 47 Punkten (Durchschnitt 40 Punkte) besser da als die meisten anderen Länder. Aber hier ist die Qualität bei allen Staaten recht niedrig. Noch immer aber herrsche in Deutschland ein Leistungsgefälle zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund. Migranten würden oft keine gezielte Förderung bekommen, so die Untersuchung.

Was läuft schlecht?

  • Wer mit seiner Familie zusammenlebt, fühlt sich leichter Zu Hause - aber in Deutschland gibt es laut MIPEX strengere Kriterien für die Familienzusammenführung als in anderen Ländern. Hier schneidet die Bundesrepublik also unterdurchschnittlich ab.

  • Für Einwanderer in Deutschland ist es schwieriger, Diskriminierung auch rechtlich zu beklagen, als in anderen Industrieländern - die Gleichbehandlungspolitik ist laut MIPEX in Deutschland so schwach wie in der Türkei oder in Tschechien. Betroffene würden kaum Informationen erhalten, wie sie sich gegen Benachteiligung wehren können, heißt es.

  • Auch in der Gesundheitspolitik hapert es laut MIPEX in Deutschland, das auf diesem Feld nur auf Platz 22 kommt. So bekämen etwa Asylsuchende meist eine schlechtere Gesundheitsversorgung. Insgesamt bekommen demnach Migranten in Deutschland viel weniger Unterstützung, wenn es etwa um Zugang zu Ärzten geht.

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